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Husumer Nachrichten

07. Dezember 2016 | 11:44 Uhr

Fremdgesteuert durch Nordfriesland : Wenn das Auto zum Chauffeur wird

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Werden durch Hattstedt und Klixbüll bald Autos ohne Fahrer rollen? Die beiden Gemeinden interessieren sich dafür, Teststrecken für autonomes Fahren anzubieten.

Eine weiße Limousine biegt geräuschlos in den Hattstedter Kirchenweg und hält direkt vor der Grundschule. Aus dem Wagen springen quietschvergnügt drei Zweitklässler und laufen zum Eingang. Wer einen Blick in dieses zurückgelassene Auto wirft, wird überrascht sein – denn hinter dem Steuer sitzt niemand. Der Wagen ist leer.

Das klingt nach bestem Stoff für einen Science-Fiction-Roman. Doch diese Zukunftsvision nimmt immer konkretere Formen an. Das autonome Fahren wird längst von der Autoindustrie erprobt. Dabei übernimmt ein intelligentes System das Fahrzeug vollständig – vom Start bis zum Ziel. Wer im Auto sitzt, ist nur noch Passagier. Vielen lässt diese Vorstellung einen Schauer über den Rücken laufen. Nicht so Manfred Paulsen. Der Vorsitzende des Kultur- und Jugendausschusses der Gemeinde Hattstedt wirbt dafür, dass computergesteuerte E-Fahrzeuge nicht nur auf Autobahnen, sondern auch auf Nordfrieslands Straßen getestet werden dürfen. Und er ist nicht allein – die Gemeinde Klixbüll hat sich sogar schon für einen Test beworben.

Inspirieren ließ sich Paulsen von den Ideen des ehemaligen technischen Direktors des IBM-Konzerns, Dr. Gunter Dueck, mit dem er in engem Kontakt steht. Engagiert trug er die Ideen des Experten seinem Gremium vor. Ob Audi, BMW, Mercedes, Volvo, Tesla oder Ford – alle probieren auf Teststrecken aus, ob und wie das Fahren ohne Fahrer am effektivsten funktioniert. „Dr. Dueck sucht bundesweit Kommunen, die sich für Tests zur Verfügung stellen. Ich finde, wir sollten unsere Gemeinde dafür anmelden“, erklärte Paulsen. Gerade für Nordfriesland, einem Kreis, in dem der Öffentliche Personennahverkehr schlecht, aber die Windkraft gut ausgebaut sei, würde das viele Vorteile mit sich bringen. „Es könnte ein Pilotprojekt werden. Stellen Sie sich vor, Sie können über digitale Eingabe frei bis ins hohe Alter entscheiden, wann und wohin Sie fahren wollen. Ja, selbst Ihre Kinder könnten selbstständig zum Unterricht fahren, ohne dass ein Elternteil sie bringen muss. Menschen, die sich kein Auto leisten können, würden dann das E-Mobil nutzen“, schwärmte Paulsen.

Grünes Licht für den Ausbau neuer Teststrecken für automatisiertes und vernetztes Fahren gab Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt bereits im Juli. Er kündigte an, bis 2020 rund 80 Millionen Euro für die Förderung von Forschungsvorhaben bereitzustellen. Denn um die Technologie weiter entwickeln zu können, reicht Theorie allein nicht – es muss unter Realbedingungen getestet werden.

Genau diese Chance möchte die Gemeinde Klixbüll den Autobauern geben – und hat inzwischen einen offenen Brief an die deutsche Industrie verfasst, in dem sie sich offiziell für einen Test beworben hat. In dem Schreiben zählt Bürgermeister Werner Schweizer die Gründe auf, warum er gerade Klixbüll für geeignet hält. Dazu gehört unter anderem, dass es in der Gemeinde seit April ein E-Carsharing-Projekt gebe, das „durch ein autonom fahrendes Auto noch viel mehr Nutzer gewinnen könnte“. Im Gemeindegebiet liege außerdem der ehemalige Flugplatz Leck, auf dem das Kraftfahrt Bundesamt eine drei Kilometer lange Teststrecke errichtet, die auch für autonomes Fahren genutzt werden könnte. Man strebe eine Verzahnung von Testfahrten innerhalb des geschützten Gebietes und im öffentlichen Bereich an. Eignen würde sich Klixbüll außerdem, weil es ein langgestrecktes Dorf mit relativ wenig Nebenstraßen sei. Auch Schweizer ist begeistert von der Idee, dass Eltern und Schulkinder irgendwann von dem Einsatz eines autonomen Fahrzeugs profitieren.

Zurück nach Hattstedt: „Die Zeit ist reif“, bekräftigte Paulsen. Sein Ausschuss empfiehlt nun dem Gemeinderat, das Projekt autonomes Fahren in Hattstedt voranzutreiben. Nun will die Gemeinde auch den Kreis Nordfriesland mit ins Boot holen und hat den Klimaschutzbeauftragten Gunnar Thöle zur nächsten Gemeinderatssitzung am 10. November eingeladen. Bislang habe der Kreis noch keine Position zu diesem Thema, erklärt Thöle. Er persönlich sei aber immer offen für die Unterstützung der Elektromobilität.

Bis die Technik aber so weit vorangeschritten ist, dass wirklich Kinder von einem Roboter-Auto zur Schule chauffiert werden können, gehen noch ein paar Jahre ins Land, sind Experten überzeugt. Wie Eltern und Versicherungen das finden, steht auf einem anderen Blatt.

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erstellt am 03.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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