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Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 15:16 Uhr

Verkehrssituation in Nordfriesland : Von Bus und Bahn stehen gelassen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wer in Nordfriesland auf Bus und Bahn angewiesen ist, hat es nicht leicht. In Husum diskutierten Fahrgäste und Experten über den Zustand des öffentlichen Personennahverkehrs.

Sie kamen mit der Bahn aus Bredstedt, von der Insel Sylt oder aus St. Peter-Ording – und hatten alle das gleiche Problem: Wie komme ich vom Husumer Zob mit dem Bus pünktlich bis 13 Uhr zu meinem Termin in die Gaststätte Kielsburg? Ein kompliziertes Unterfangen, da der Bus Richtung Gewerbegebiet nur alle zwei Stunden fährt. Ärgerlich, aber mehr als passend – denn bei eben diesem Termin handelte es sich um eine Diskussionsrunde zum Thema „Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) in Nordfriesland“, zu der die Arbeitsgemeinschaft 60plus im SPD-Kreisverband Nordfriesland eingeladen hatte. Mit von der Partie waren unter anderem Bus- und Bahn-Nutzer mit und ohne Beeinträchtigungen, Verkehrsexperten sowie Vertreter des Kreises Nordfriesland und der Stadt Husum.

„40 Minuten habe ich zu Fuß hierher gebraucht“, schimpfte ein Teilnehmer und bestellte sich seufzend ein Mineralwasser. SPD-Mitglied Werner Nicolaisen winkte schmunzelnd ab. „Wenn abends Veranstaltungen sind, komme ich ohne Auto gar nicht mehr nach Hause“, sagte der Bredstedter und traf damit den Nagel auf den Kopf: Wer in Nordfriesland mithilfe des ÖPNVs von A nach B kommen möchte, hat es nicht leicht. Angebot und Leistungen – besonders in der Fläche – sind dürftig und vor allem Ältere und Menschen mit Beeinträchtigungen sehen sich auf dem Abstellgleis. Dass etwas passieren muss, ist auch dem Kreis bewusst, deshalb feilt er an einem Verkehrs-Konzept der Zukunft. Die Weichen dafür stellten erst kürzlich drei Kreis-Ausschüsse – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit (wir berichteten). „Da wurde etwas hinter verschlossenen Türen beschlossen, das uns alle angeht. Ich hätte mir gewünscht, dass betroffene Gruppen vorher angehört werden“, kritisierte Jörn Tiedemann, Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus. Burkhard Jansen vom Kreis Nordfriesland bat um Verständnis, dass er keine Details zur anstehenden Ausschreibung von ÖPNV-Leistungen ab 2018 nennen kann. „Der Auftrag ist EU-weit ausgeschrieben, bis zur offiziellen Bekanntgabe dürfen wir dazu nichts sagen.“

Den Vorwurf, die Politik würde nur im Geheimen agieren, wollte Irene Fröhlich, Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Husum, nicht auf sich sitzen lassen. „Wir beziehen sehr wohl die Öffentlichkeit mit ein, wenn wir über die Zukunft des Husumer Stadtverkehrs diskutieren.“ Regelmäßig werde sogar mit den Bürgern gemeinsam getestet, wie die Verhältnisse für Rollator- und Rollstuhlfahrer in den Husumer Stadtbussen sind.

Wie sehr die Gegebenheiten für Menschen mit Beeinträchtigungen zu wünschen übrig lassen, berichteten einige Gäste. Einer von ihnen war Siegfried Höfker aus St. Peter-Ording, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. Vor einigen Monaten etwa war der Fahrstuhl des Husumer Bahnhofs für drei Wochen unbenutzbar. Der Grund: Eindringendes Regenwasser beschädigte die Elektrik. Für ihn eine Katastrophe, weil er nicht mehr mit seinem Rollstuhl auf den Bahnsteig gelangen konnte und somit auf die Hilfe der Bahnhofsmission angewiesen war. „Ich verstehe das nicht. Seit 2009 ist das Regenwasser-Problem bekannt. Warum ist der Fahrstuhl nicht besser isoliert worden?“ Eine Frage, die ihm auch die anwesenden Experten nicht so recht beantworten konnten. Auch die rund vierwöchige Sperrung der Bahnstrecke zwischen Husum und St. Peter-Ording machte mobilitätseingeschränkten Fahrgästen schwer zu schaffen. Es wurde zwar ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Doch der Platz in den Bussen war knapp bemessen. Schüler drängten sich dicht an dicht. Für Menschen mit Behinderungen war an eine Mitfahrt kaum zu denken. „Für uns war das auch Chaos“, sagte Michael Kierek (Autokraft), der die Kritik gut nachvollziehen konnte. „Doch wir haben nicht so viele Niederflur-Busse auf Lager und können nicht so einfach bei Bedarf zehn dazubestellen.“ Problematisch sei außerdem gewesen, dass sich nicht alle Schulen an die Fahrplan-Abstimmungen gehalten hätten. „Es wird niemand ausgeschlossen“, entgegnete Janina Moritz (DB Regio) auf Tiedemanns Einwurf, die Nahverkehrszüge würden Behinderte diskriminieren. „Wir haben noch niemanden ausgeschlossen, im Notfall werden die Fahrgäste mit Taxis befördert.“

Zu konkreten Ergebnissen führte der Schlagabtausch in der Kielsburg zwar nicht, aber niemand bezweifelte, dass etwas getan muss an Nordfrieslands ÖPNV-System, das „momentan eher einer ertüchtigten Schülerbeförderung ähnelt“ (Jansen). „Trotzdem war das Gespräch konstruktiv“, fand Burkhard Schulze (Nah.SH). „Uns wurden die Probleme nahegelegt und die Kollegen und ich hatten die Chance, darzustellen, welche Sachzwänge hinter Entscheidungen stehen.“

16 Uhr. Der Termin war zu Ende. Wer mit dem Bus zurück zum Husumer Zob fahren wollte, musste sich allerdings gedulden. Der fuhr erst um 17.02 Uhr.

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erstellt am 19.Okt.2016 | 13:00 Uhr

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