zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 15:28 Uhr

Sommerkirche Welt : Szenen aus einer „dreckigen“ Welt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Britta Eilering stellt in der Sommerkirche Welt Keramiken aus, mit denen sie den Finger in die Wunde legt.

„Man kann heute keine Blümchen mehr ausstellen“, findet Britta Eilering. Die Eiderstedter Künstlerin legt stattdessen den Finger in Wunden, greift auf, was sie aufregt, fährt die Krallen aus, ist unbequem – und gibt so mit eigensinnigen Arbeiten schweren Themen eine Bühne.

Britta Eilering setzt Denkanstöße. In Keramik. Ein Material, mit dem man eher Gefälliges und Dekoratives assoziiert, das alltagstauglich Heim und Garten verschönert. Davon ist die Künstlerin weit entfernt, auch wenn ihre Reliefs und Plastiken, die seit Sonnabend in der Sommerkirche von Welt zu sehen sind, keineswegs abstoßend schaurige Schreckens-Szenarien entwickeln. Britta Eilerings technisch perfekte Arbeiten sind hochästhetisch und von eindringlicher Bildsprache. Sie gehen unter die Haut. Das Grauen wirkt schleichend und nachhaltig, offenbart sich oft erst auf den zweiten oder dritten Blick.

„Dreck und Frieden“ hat die Künstlerin aus St. Peter-Ording, die 1956 in Solingen geboren wurde, Architektur und Industriedesign studierte und viele Jahre als Keramik-Dozentin in Lüdinghausen tätig war, ihre aktuelle Ausstellung betitelt. „Dreck – der bestimmt unser gesellschaftliches Leben“, sagt Britta Eilering. Korruption und Machtmissbrauch, Gier, Geiz, Geilheit, Lüge und Gleichgültigkeit, Missachtung von Würde, Mangel an Wertschätzung und Respekt, Scheinheiligkeit und Hass seien allgegenwärtig. Sie stellen die Auswüchse eines menschlichen Neben- und Gegeneinanders dar, vergiften jedes Miteinander. Musikalisch einfühlsam von Elisabeth Weisenberger an Orgel und Akkordeon umrahmt, hielt Yoli von Manowski eine eloquente Einführung in das Werk der Künstlerin.

Britta Eilerings Arbeiten seien „Spiegel des Zeitgeistes“: „Sie zeigt auf, was um uns herum passiert.“ Und sie fordere uns auf: „Schaut hin, nehmt wahr, sagt Stopp.“ Wie ein Mahnmal lege sie ihre Gedanken in eine Mischung aus Ton und Papier. Da sind, zum Beispiel, die Madonnen-Reliefs „Alete“, „Hipp“ und „Milupa“, die eine geistlose Mutter-und-Kind-Werbung und die damit verbundene wirtschaftliche Gier von Unternehmen an den Pranger stellen. Oder „Angebot und Nachfrage“ bei der Prostitution: Keramik-Arbeiten, die gesichtslose, nackte Figuren einer seelenlosen, urbanen Steinwüste ausliefern, aus der sich menschliche Tugenden wie Mitgefühl, Wertschätzung und Barmherzigkeit längst verabschiedet haben.

Sinnlos bricht sich rohe Gewalt bei Eilerings „Straßenkämpfen“ Bahn. „Peng Peng“ spielen bewaffnete Kinder auf den Schutthalden vom Krieg zerstörter Häuser. Auf einem weiteren Relief trägt ein vermummter Soldat ein Kleinkind – ob in guter oder böser Absicht, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Und dann gibt es noch in einer Vitrine die „Flügelmänner“ der Künstlerin, kleine Skulpturen von Männern, die – nur mit einem kurzen Unterhemd bekleidet – mit ihren riesigen Schwingen wie erschöpfte Fledermäuse auf Steinblöcken hocken, sich nachdenklich am Kinn kratzen, einfach so herumstehen, ratlos wirken. Ganz weit weg von jeglichem Engelskitsch, wirken diese halbnackten, müden Wesen in ihrer Mattigkeit so natürlich, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen und trösten möchte.

Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung, die noch bis zum 29. August in der Sommerkirche von Welt gezeigt wird.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen