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Husumer Nachrichten

07. Dezember 2016 | 19:24 Uhr

31. Husumer Filmtage : Sven Jaax: „Die Husumer Kino-Szene ist imposant“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Filmemacher steht im Mittelpunkt der Filmtage 2016, die am 29. September beginnen. Im Interview spricht er über seine Kindheit in Nordfriesland, offene Landschaften, und Orte, die er gern noch sehen würde.

„Da haben wir früher immer die Schule geschwänzt“, gerät Sven Jaax ins Schwärmen, als wir uns zum Interview bei Café Lassen in der Süderstraße verabreden. Der gebürtige Husumer Dokumentar-Filmer steht im Mittelpunkt der 31. Husumer Filmtage. Vom 29. September bis zum 10. Oktober ist im Kino-Center jeden Tag wenigstens einer seiner Filme zu sehen. Im Interview spricht Jaax über seine Kindheit in Nordfriesland, offene Landschaften, und Orte, die er gern noch sehen würde.

 

Haben Sie schon als Jugendlicher davon geträumt, Filmemacher zu werden?

Ich wollte schon immer etwas mit Bildern und Texten machen. Anfangs habe ich es als Illustrator versucht. Doch für die ersten Aufträge habe ich gerade mal 200 Mark bekommen. Davon konnte ich nicht leben. Im Nachlass meiner Mutter fand ich kürzlich einen alten Brief von mir. Darin schrieb ich, dass ich einen Job beim Film gefunden hätte und mit meinem Verdienst vielleicht das finanzieren könne, was ich schon immer machen wollte: Malen und Fotografieren. Eigentlich hat sich daran wenig geändert.

Welche Rolle spielte der Wunsch – wie hieß das damals so schön –, in die große, weite Welt hinauszuziehen?

Eine große. Mit 14 war ich überzeugt, dass ich irgendwann mal auf Island leben würde. Da war immer dieses Bedürfnis nach Weite. Und ich habe mich bei jeder Gelegenheit mit der Kamera in der Hand vor der Schule gedrückt, ich hatte einen erhöhten Blutzuckerspiegel. Das war praktisch. So konnte ich immer sagen: Ich muss weg – zum Blutabnehmen...

Woher rührt Ihre besondere Affinität zu Skandinavien?

Die gab es immer schon. Als Kind habe ich eine Roman-Verfilmung des isländischen Literatur-Nobelpreisträger Halldor Laxness gesehen. Die fand ich wahnsinnig spannend, und sie hat meinen Blick für den Norden geschärft. Später – nach vielen eigenen Drehreisen – wollte ich endlich andere Ecken erkunden und landete in Punta Arenas in Chile, nur um festzustellen, dass es da ähnlich aussieht wie in Skandinavien. Das hätte ich kürzer haben können.

Manche Menschen würden Ihre bevorzugten Themen als randständig bezeichnen, etwa wenn Sie in Brasilien nach plattdeutschen Enklaven suchen. Ist es das vermeintlich Randständige, das den Blick für das Wesentliche schärft?

Zuallererst habe ich ein ganz egoistisches Motiv: Ich will Antworten auf Fragen haben, die mich selbst beschäftigen. Wenn das auch ein großes Publikum interessiert, umso besser. Mein Lieblings-Thema ist das Miteinander von Mensch und Natur. Wie kommt man in der Einsamkeit leerer Landschaften klar, ohne durchzudrehen? Meistens hilft das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Man ist halt keine urbane Ameise. Und wer von Kamtschatka nach Moskau umziehen muss, wird auf die nächste Möglichkeit warten, nach Kamtschatka zurückzukehren.

Ist das ungefähr so, als wenn man nach einer langen Reise zurückkehrt, die Dinge mit anderen Augen betrachtet und denkt: Mein Gott, ist das schön hier?

Eigentlich nicht. Ich habe immer eine Heimat gehabt. Die Kombination ist einfach toll: Ich kann von zuhause ausschwärmen und die Welt erkunden. Ich habe übrigens noch keinen Ort gefunden, an dem ich lieber leben würde als in Deutschland. Es gibt spektakulärere Landschaften und lebensfrohere Nationen – aber im Zusammenspiel möchte ich Deutschland nicht eintauschen.

Apropos: Sie sind nach Husum zurückgekehrt. Warum?

Nordfriesland war immer die Heimat von meiner Familie und mir. Und wir wollten irgendwann hierher zurückkehren. Jetzt bot sich die Gelegenheit, und wir haben sie ergriffen. Es war wohl einfach an der Zeit. Im alten Haus hatten wir all die Jahre eine Nordfriesland-Fahne im Garten stehen. Vielleicht fanden das einige recht seltsam. Wir überhaupt nicht.

Wo und wie finden Sie Ihre Themen?

Ich habe einen großen Karton. Da packe ich seit Jahrzehnten alles rein, was mich thematisch interessiert. Alles findet seine Zeit. Auf den Kamtschatka-Film habe ich zum Beispiel mehr als 20 Jahre warten müssen. Ein Film hängt von vielen Faktoren ab. Wie sind die politischen Konstellationen? Hat die BBC schon was gemacht? Und vor allem: Wer beteiligt sich an den Kosten? Für die Finanzierung des Kamtschatka-Films haben wir zwei Jahre gebraucht. Ohne Hilfe aus Frankreich und Österreich wäre es nicht gegangen. Und auch der günstige Rubel-Kurs hat geholfen. Das hat die Kosten für die Hubschrauberflüge halbiert. Aber meine Kiste ist inzwischen fast leer. Hokkaido in Japan liegt da noch drin. Ich suche ja immer nach Themen, die so gar nicht dem Klischee entsprechen. Der Winteralltag auf Hokkaido gehört dazu. Die Natur dort ist umwerfend und passt so gar nicht in das typische Japan-Bild.

Was hat Sie veranlasst, sich selbstständig zu machen? Gibt Ihnen das mehr Freiheit für Ihre Themen?

Ich wollte immer selbstständig bleiben, aber eng an den Sender angebunden. Als fester Redakteur hätte ich an den Schreibtisch gemusst, und das liegt mir nicht. Meine Neugier auf die Welt ist einfach zu groß. Viele Filme laufen zehn Jahre lang im Fernsehen und werden von Millionen Menschen gesehen. Auch das ist ein großer Ansporn.

Sie haben einen Film über „Kindheit in NF“ gedreht, der auch zu den Filmtagen gezeigt wird. Wie war Ihre eigene Kindheit in Nordfriesland?

Freiheit – und das in jeder Hinsicht. Als Junge konnte ich in Schobüll aufs Wasser gucken und machen, was ich wollte. Dadurch waren Kindheit und Jugend sehr entspannt und glücklich. Selbst die Schule fand ich toll, obwohl ich bestimmt nicht der Traum aller Lehrer war. Heute ist es schön zu sehen, dass meine Tochter durch dieselbe vertraute Tür aus der Schule kommt wie ich damals.

Was bedeutet es Ihnen, „Stargast“ der Filmtage zu sein?

Bei dem Begriff werde ich ganz rot. Und ich fühle mich sehr geehrt. Vor allem freue ich mich auf den Austausch mit dem Publikum. Hinter jedem Film stecken ja Leidenschaft und Herzblut. Hoffentlich kann ich das vermitteln. Außerdem gibt es viele Menschen in Nordfriesland, die mir nahe stehen sind. Das wird ein bisschen wie eine Familienfeier.

Und für wie wichtig halten Sie die Filmtage selbst?

Grandios, dass es sie gibt! Überhaupt ist die Husumer Kino-Szene für eine Stadt dieser Größe imposant. Husum ist eine lebendige Stadt, und wenn das nicht so wäre, wäre ich auch nicht zurückgekommen.

Was haben Sie als nächstes vor?

Ein Film über Lenin und 100 Jahre Oktoberrevolution ist fast fertig. Der wird im Frühjahr auf Arte laufen. Und dann – ja – dann geht es nach Hokkaido.
 

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erstellt am 29.Sep.2016 | 07:00 Uhr

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