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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 17:27 Uhr

Die Entschleuniger : Sinnlich durch das Wahnsinns-Watt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im zweiten Teil unserer Serie „Die Entschleuniger“ stellen wir Birgitt Hussel vor, die Menschen das Wattenmeer mit allen Sinnen nahebringen will.

Sie sorgen dafür, dass Urlauber Nordfriesland noch intensiver erleben können: In der Sommerserie „Die Entschleuniger“ stellen wir Menschen aus der Region vor, die Gästen und Einheimischen dabei helfen, mal wirklich runterzukommen.

Mit Eimer und Mistgabel in der Hand, den Rucksack geschultert marschiert sie durch das Watt. Die Forke zieht sie über den Schlick wie ein kleines Kind seine Schaufel über den Sand. Nicht grundlos: Birgitt Hussel sucht nach Muscheln, Algen und anderen Lebewesen aus dem Watt, die sie den Gästen ihrer sinnlichen Wattwanderung auf Sylt präsentieren und erklären kann.

 Plötzlich hält sie inne, stellt den Eimer ab und wühlt mit der freien Hand im Matsch. Kurz darauf befördert sie einen Klumpen hervor, entsandet ihn größtenteils und legt das Fundstück in den Eimer – eine Auster. „Mich fasziniert die Natur. Es ist wahnsinnig – wie sie sich selbst regelt und schützt“, sagt die biologisch-technische Assistentin begeistert, die am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in List angestellt ist. Hussel untersucht unter anderem das Meereswasser auf Plankton, sie besorgt aber auch Proben für Schulen und Museen.

 Zusätzlich bietet die 61-Jährige seit etwa acht Jahren sinnliche Wattwanderung an. Die zweistündige Führung durch das Naturschutzgebiet startet von der Vogelkoje in Kampen aus. Die gebürtige Hamburgerin ist Mitglied im Verein Söl’ring Foriining, der die ehemalige Entenfanganlage betreut. „Die Vogelkoje ist ein kleines Sorgenkind. Ich möchte durch die Wattwanderung versuchen, sie wieder mehr in die Öffentlichkeit zu rücken“, erklärt sie.

 Hussel überlegte sich vor etwa acht Jahren, wie sie auf der Insel helfen kann. „Ich habe mir die Frage gestellt, was ist typisch und authentisch für Sylt“, erzählt die Wahlinsulanerin. Das Watt war die Antwort. „Den Erlös spende ich der Söl’ring Foriining.“ Der Verein hat sich als Ziel gesetzt, die Sylter Identität zu bewahren und zu beleben.

  „Bisher habe ich noch keine Tour wegen des Wetters abgesagt. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“, ist Hussel überzeugt. Die Wattführerin begrüßt auf Sölring, dem Sylter Friesisch. Die Sprache hat sie sich selbst angeeignet – insgesamt spricht sie neun Sprachen. „Mir ist es wichtig, die Sprachen der Länder, in die ich reise, sprechen zu können“, erklärt sie.

 „Sinnliche Wattwanderung bedeutet, dass Sie diese Tour mit allen Sinnen wahrnehmen. Wir wollen Augen, Nase, Mund und Ohren ansprechen, aber auch den Spür- und Orientierungssinn sowie den Blöd- und Wahnsinn“, sagt Hussel. Sie wollte sich von den anderen Wattwanderungen abheben. Eine sehbehinderte Besucherin der Akademie am Meer in List hat Hussel inspiriert: „Es hat mich fasziniert, wie sie sich mit ihrem Langstock durch die Gegend getastet hat.“

Mit viel Witz und kleinen Details, die sie aus ihrem Rucksack zaubert, bringt Hussel den Touristen und Einheimischen die Bewohner des Watts mit allen Sinnen näher.

 Die Teilnehmer sind zwei Stunden lang durch Sand und Schlick gewatet. Hussel erzählt von Ebbe und Flut, von Spring und Nipp, von Wattwürmern und Strandfloh-Krebsen. Die Teilnehmer erleben die Wattwanderung mit wirklich mit ziemlich vielen Sinnen: Sie betasten den Panzer von Krebsen und die Haut von Wattwürmern. Sie suchen mit den Händen nach Garnelen im flachen Wasser, schmieren sich Sand ins Gesicht und riechen daran. Sie lauschen den Worten Heinz Erhardts über den Wurm, beobachten, wie eine Herzmuschel sich in den Sand gräbt und kosten rote Algen in Form von Weingummi. Es dämmert langsam, die Temperaturen sinken und der Wind pfeift um die Ohren, als die Gruppe das weggehende Wasser erreicht. Es ist frisch, die Teilnehmer schließen ihre Jacken, stellen den Kragen hoch und ziehen den Schal enger. Doch sie hängen immer noch an den Lippen der 61-Jährigen.

 „Das Wattenmeer ist so lebendig wie der Regenwald“, ist Hussel von ihrem Forschungsgebiet begeistert. Sie hält erneut einen Klumpen aus Austern, Muscheln und Schnecken in der Hand, der durch Muschelfäden zusammengehalten wird. „Wenn der Faden trocknet, wird er goldig“, erklärt die Expertin. „Aus Muschelseide wurden schon königliche Handschuhe gefertigt.“ Auf einer Auster sitzen zwei Pantoffel-Schnecken – ein Männchen und ein Weibchen. „Die Weibchen sind die größeren Tiere und sitzen unten. Wenn das Weibchen stirbt, wird das Männchen zum Weibchen.“

 Die Forke steckt aufrecht im Schlick. Hussel holt die frisch gesammelten Austern aus dem Eimer und bietet sie den Wanderern an. Passend dazu zaubert sie eine Flasche Sekt und Zitrone aus ihrem Rucksack.

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