zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 16:43 Uhr

Werkzeug aus der Steinzeit : Sensationsfund in Husum: Kieler Ehepaar findet 10.000 Jahre altes Beil

vom

Ein solches Werkzeug wurde an der Westküste bislang nicht gefunden. Und: Es ist in einem guten Zustand.

Husum/Nordstrand | Husum/Nordstrand „Meine Güte! Toll! Das ist eine Sensation!“ – Steinzeit-Experte Sönke Hartz ist kaum zu bremsen, als er das 32 Zentimeter lange Beil erblickt, das  für den Laien  vermutlich kaum als solches zu erkennen ist.  Doch nicht nur seine Augen leuchten. Auch die anderen Mitglieder  der kleinen Forscher-Truppe, die sich  im Husumer Nordsee-Museum versammelt hat, blickt begeistert auf das  Fundstück, das vermutlich rund 10.000 Jahre alt ist. Damit  ist das Beil 5000 Jahre älter  als Ötzi, der berühmte Mann aus dem Eis. „Dass es so  besonders ist, habe ich nicht gewusst“, murmelt Kurt Kawohl nachdenklich, der zusammen mit seiner Frau Elisabeth das steinzeitliche Beil gefunden hat.

Alles begann mit einem Urlaubs-Spaziergang. Das Kieler Ehepaar Kawohl, beide absolute Nordfriesland-Fans, waren  auf Hallig Nordstrandischmoor unterwegs – als Elisabeth plötzlich am Spülsaum zwischen Muscheln und Algen etwas Merkwürdiges entdeckte. Sie stupste dieses Etwas vorsichtig mit dem Fuß an und machte ihren Mann darauf aufmerksam. Der hob  das Fundstück hoch. „‚Lass den Kram hier – wir haben genug im Keller‘, sagte meine Frau zu mir“, berichtet Kurt Kawohl lächelnd. „Doch ich wusste, dass es sich um ein sehr altes Werkzeug handeln musste, deshalb nahmen wir es doch mit.“ Das war am 18. Juli.

Die Urlauber erzählten dem Heimatforscher Hans-Harro Hansen, der sich im Förderverein Kultur auf Nordstrand engagiert, von ihrer Entdeckung. Hansen gab den beiden die Telefonnummer von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Husumer Nordsee-Museums, Tanja Brümmer. Dort meldeten sie sich im August. Die Archäologin war begeistert und  riet dem Ehepaar, das Fundstück kühl und feucht zu lagern und bei ihrem nächsten Besuch in Nordfriesland nach Husum zu bringen. So lag das Steinzeit-Werkzeug  in einem feuchten Geschirrtuch verpackt in der Gartenlaube der Kawohls.

Gut eingewickelt fanden dann auch Brümmers Forscher-Kollegen das Beil vor, die es am Donnerstag in Husum genauer unter die Lupe nahmen. „Es ist sehr wichtig, dass es feucht gehalten wird. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn das  Stück austrocknet und zerreißt“, erklärt Hartz, der das Beil zuvor nur auf Fotos gesehen hat.  Auf seine Begeisterung angesprochen, sagt der Archäologe von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen  prompt: „Begeistert? Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als mir Tanja die Fotos geschickt hat.“ Für ihn sei das der Fund des Jahres und landesgeschichtlich von immenser Bedeutung.

Die Forscher gehen davon aus, dass ein Jäger und Sammler vor rund 10.000 Jahren mit diesem Werkzeug Holz bearbeitet hat.  Zu einer Zeit, als man noch trockenen Fußes  nach England gehen konnte.  Das Besondere sei, dass so ein Beil mit Wurzelholz-Griff und einer Einsatzklinge aus Elchgeweih bislang noch nicht an der Westküste gefunden wurde, so Hartz. „Es ist der älteste Fund, den wir bislang haben. Faszinierend, dass es in einem so guten Zustand ist. Es muss sehr tief unter der Erde gelegen haben und befand sich vermutlich nur kurze Zeit an der Oberfläche.“

Experte Hartz, der  seinen russischen Kollegen Prof. Mikhail Zhilin  aus Moskau im Schlepptau hat, löchert die beiden Finder mit Fragen – ähnlich wie ein Arzt, der eine Diagnose stellen muss.  „Wo lag das Beil genau? Haben Sie es zur Ebbe- oder Flutzeit gefunden? Gab es dort noch mehr auffällige Gegenstände?“ Sie seien zur Flut-Zeit spazieren gewesen und das Beil war etwa fünf Meter von der Kante entfernt, antwortet Kurt Kawohl. Und nein,  mehr habe dort nicht gelegen. Für die Forscher sind all diese Informationen von großer Bedeutung, denn es ist gut möglich, dass sich in der Nähe des Fundortes eine steinzeitliche Siedlung befunden hat. „Wir müssen diese Stelle beobachten“, sagt Brümmer zu ihren Kollegen und alle nicken zustimmend. „Denn wenn dort wirklich eine Siedlung war, ist das die zweite Sensation“, ist sie überzeugt.

Auch wenn das Steinzeit-Beil gut erhalten sei – jetzt müsse  so schnell wie möglich seine Konservierung eingeleitet werden, sind sich die Wissenschaftler einig. Grund genug für Hartz und Brümmer, das wertvolle Fundstück nach zahlreichen Fachgesprächen und Fotos wieder in die Geschirrtücher einzuwickeln. „Das Beil muss jetzt erstversorgt werden“, sagt Hartz bestimmt.  Das bedeutet: Es wird vorsichtig gewässert und gekühlt. Sobald das genaue Alter feststeht, soll das Beil konserviert und auf Schloss Gottorf in Schleswig ausgestellt werden. Die Museen in Husum und auf Nordstrand werden voraussichtlich Repliken erhalten.

 

zur Startseite

von
erstellt am 27.Okt.2016 | 12:28 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen