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Husumer Nachrichten

05. Dezember 2016 | 13:35 Uhr

Unfälle in Nordfriesland : Risiko-Piste B5: „Jeder Tote ist einer zu viel!“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Chef des Vereins Infrastruktur Westküste wird nicht müde, vehement den dreistufigen Ausbau der Bundesstraße 5 zwischen Tönning und Husum einzufordern.

Die Bundesstraße 5 gilt als wichtigste Verkehrsader Nordfrieslands – und als gefährlichste. Immer wieder ereignen sich dort schwere Unfälle – nicht wenige mit tödlichem Ausgang. Warum passiert so viel? Wie kann man die Strecke sicherer machen? Fragen wie diesen gehen wir auf den Grund. In unserer Serie „Risiko-Piste B5“ kommen unter anderem Unfallopfer, Polizisten, Rettungsassistenten und Verkehrs-Experten zu Wort.

Warum dauert es mit dem Ausbau der Bundesstraße 5 so lange? Eine Frage, die sich Rickmer Johannes Topf gefühlt schon viel zu lange stellt. „Jeder, der stirbt, ist einer zu viel“, wird der Vorsitzende des 34 Mitglieder starken Vereins Infrastruktur Vestkysten/Westküste nicht müde, die Landesregierung in die Pflicht zu nehmen. Vier Jahrzehnte schon sei die „Ertüchtigung der A-23-Fortsetzung gen Dänemark“ Thema,
seit 25 Jahren beschäftige er sich selbst damit, so der Husumer Unternehmer.

Negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und damit auf die Wertschöpfung der Region seien die eine Seite – die menschlichen Schicksale, die untrennbar mit dem Ist-Zustand der „viel beschworenen Lebensader“ besonders zwischen Tönning und Husum verbunden sind, die andere, weitaus dramatischere.

Ständiger Überholdruck

Die sehr schmale Fahrbahn, viele Kurven, zahlreiche unfallträchtige Einmündungen, der Verkehr von langsamen Lastwagen und schleichenden Traktoren, der für ständigen Überholdruck sorge – das südliche Teilstück der B 5 sei hochgradig gefährlich für Gesundheit und Leben. „Das ist seit langem bekannt“, sagt der 55-Jährige und fragt gebetsmühlenartig: „Warum werden hier keine Prioritäten gesetzt?“ Zumal es beim Thema B-5-Ausbau eine selten erlebte Einmütigkeit gebe: „Er ist eindeutiger Wille aller politischen Organisationen in Land und Kreis!“

Am Geld liegt es nicht, weiß Topf: „Der Bund hat die Finanzierung zugesagt, das Problem liegt seit Jahrzehnten an der Planung in Kiel.“ Genauer gesagt: Bevor in Berlin Mittel für die Westküste lockergemacht werden, muss das Land die Vorplanung vorfinanzieren. Eine Vorleistung, die angesichts massiv zusammengestrichener Mittel für den Straßenbau und Stellenreduzierungen im zuständigen Landesbetrieb schwer zu erbringen ist, wie der Chef des Infrastruktur-Vereins zur Kenntnis nehmen muss – sehr zu seinem Leidwesen.

Auf dem Papier plant die Landesregierung zwischen Tönning und Husum mittlerweile einen dreistreifigen Ausbau der B 5 – in vier Stufen und für 111 Millionen Euro. Das Planfeststellungsverfahren für den ersten, 8,72 Kilometer langen Bauabschnitt bis Rothenspieker wurde im September 2013 eingeleitet.

Zurzeit läuft ein so genanntes Deckblattverfahren – ein üblicher Vorgang, mit dem Änderungen des ausgelegten Plans und sonstiger Unterlagen vorgenommen und kenntlich gemacht werden. Ordnung muss sein. Der Planfeststellungsbeschluss soll – „aus heutiger Sicht“, wie es zum Projektstand aus Kiel schon mal vorsorglich heißt – noch im kommenden Jahr erlassen werden. Das zweite, 3,97 Kilometer lange Teilstück zwischen Rothenspieker und Reimersbude hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) vor sieben Monaten als „gesehen“ vermerkt.

Für den dritten Abschnitt – 3,02 Kilometer zwischen Reimersbude und Platenhörn – liegt der technische Bauentwurf vor. Am 31. Juli 2014 wurde er nach Berlin geschickt, damit das BMVI auch daran seinen Haken macht. Das Gleiche gilt für die restlichen fünf Kilometer bis nach Husum – hier ging das Schreiben an die Spree am 29. Dezember 2014 raus.

Laut abschließendem Hinweis des schleswig-holsteinischen Verkehrsministeriums könne mit den jeweiligen Bauarbeiten erst begonnen werden, wenn die Planfeststellungsverfahren abgeschlossen, die erforderlichen Planfeststellungsbeschlüsse rechtskräftig und die nötigen Finanzmittel bereitgestellt sind.

Die Straße ist an vielen Stellen sanierungsbedürftig

Wenn es auf dem Reißbrett um die Beruhigung der B 5 geht, heißt das Zauberwort seit gefühlten Ewigkeiten Kraftfahrstraße. Kreuzungsfrei und mit wechselnder Dreistreifigkeit. Weil eine solche Schnellstraße nur für Fahrzeuge bestimmt ist, deren bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit 60 Stundenkilometer überschreitet, müssten dem „Langsam-Verkehr“ angemessene Alternativstrecken geboten werden – allein schon, um landwirtschaftliche Fahrzeuge nicht von den umliegenden Feldern abzukoppeln.

Apropos angemessen: Fehlende Fahrbahnmarkierungen, unzulässige Leitplanken, nicht vorhandene Linksabbieger-Spuren – „die B 5 ist an vielen Stellen sanierungsbedürftig, dem Aufkommen nicht gewachsen und nicht verkehrssicher“, stellt auch Hermann Fedrowitz fest.

Der Leiter der Verkehrsabteilung des ADAC Schleswig-Holstein hat sich im Frühjahr die berüchtigte Jans-Kurve angesehen und den Verkehr beobachtet – jene Stelle, von der Hauptkommissar Jörg Addix vom zuständigen Polizei-Autobahn- und Bezirksrevier Nord in Schuby sagt, sie sei so weit es geht „ausgeregelt“. Eine intelligente Straßengestaltung, Geschwindigkeitsregulierung, automatische Verkehrsüberwachung und Fahrbahnmarkierungen könnten nach Ansicht von Fedrowitz die Zahl der Unfälle reduzieren.

Der Verkehrsexperte erklärte sich gegenüber dem Verein Infrastruktur Vestkysten/Westküste bereit, den Streckenabschnitt zwischen Tönning und Husum einmal genau von den Verkehrsingenieuren des ADAC untersuchen zu lassen. Der Verein selbst will klären, wie Risikomanagement und Verkehrssicherheit in diesem prekären Abschnitt zu verbessern sind – und die Ergebnisse dem Verkehrsministerium in Kiel präsentieren. „Wir bleiben hartnäckig“, so Topf: „Egal, wie lange es mit dem Ausbau noch dauern mag!“

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erstellt am 26.Aug.2016 | 18:15 Uhr

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