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Husumer Nachrichten

09. Dezember 2016 | 22:21 Uhr

Nordfriesland : Rettungsaktion für die Kliniken

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Dem Klinikum Nordfriesland mit seinen Häusern in Husum, Tönning, Niebüll und Wyk droht die Insolvenz. Unter Zeitdruck berät der Kreistag nun Prüfaufträge für ein umfassendes Rettungspaket.

Lichterglanz, Weihnachtslieder und der Duft von Tannengrün, Spekulatius und gebrannten Mandeln stimmen allerorten auf besinnliche Festtage ein. Ganz andere Nüsse als erhofft hat unterdessen die Kreispolitik zu knacken. Dabei geht es um nicht weniger als die Herkulesaufgabe, die Krankenhaus-Versorgung im Kreisgebiet für die Zukunft zu sichern. Denn dem Klinikum Nordfriesland mit seinen Häusern und 429 Betten in Niebüll, Wyk, Tönning und Husum droht die Insolvenz, wenn nicht rasch gegengesteuert wird. „Wir stehen vor einer der schwierigsten Entscheidungen des Kreises Nordfriesland, die in dieser Wahlperiode zu treffen sein wird“, sagt Kreispräsident Heinz Maurus.

Das Unbehagen angesichts dieser Herausforderung ist quer durch die Fraktionen des nordfriesischen Kreistages auch deshalb so groß, weil enormer Zeitdruck herrscht, obwohl es viele offene Fragen und Unwägbarkeiten gibt. Denn schon im März 2016 muss ein Maßnahmenbündel zur Umstrukturierung des schon seit Jahren Millionen-Verluste einfahrenden Klinikums Nordfriesland verabschiedet werden. Der Hintergrund: Die Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) erwartet, dass kurzfristig ein schlüssiges Sanierungskonzept auf den Tisch kommt. Unter dieser Prämisse war denn auch ein Ende dieses Jahres auslaufender Darlehensvertrag noch einmal um drei Monate verlängert worden. Gelingt es dem Kreis Nordfriesland nicht, zeitnah eine überzeugende Lösung für das Klinikum zu präsentieren, würde der Geldhahn vermutlich zugedreht.

Nach den Beratungen in seinen Ausschüssen will der Kreistag will nun am Freitag (11.), ab 9.30 Uhr im Husumer Kreishaus zunächst Handlungsempfehlungen für die gemeinnützige Klinikums-Gesellschaft auf den Weg bringen. Konkret geht es dabei um eine Art Doppelbeschluss: Einerseits wird darin bekräftigt, dass es zur Sicherung guter medizinischer Qualität sowie zur Erlangung der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens Klinikum Nordfriesland notwendig ist, sich auf vorhandene Angebotsstrukturen zu konzentrieren und gegebenenfalls Kooperationen oder Fusionen mit Partnerkliniken einzugehen. Andererseits soll das Flensburger Wirtschaftsberatungsunternehmen BDO das Gutachten des Diplom-Kaufmanns Karl-Heinz Vorwig (wir berichteten) auf seine betriebswirtschaftlichen und sonstigen Folgen für die stationäre Krankenhaus-Versorgung hin abklopfen. Der ehemalige Kaufmännische Vorstand der Diako Flensburg hatte erst vor wenigen Wochen für einen öffentlichen Paukenschlag gesorgt mit seinen Empfehlungen, die Klinik Tönning in ein Medizinisches Versorgungszentrum ohne stationäre Betten umzuwandeln und in der Niebüller Klinik die Geburtshilfe und die HNO-Abteilung zu schließen, was in Eiderstedt und Südtondern für anhaltenden Protest sorgt.

Damit aber nicht genug: Inzwischen haben sich die Fraktionen und vier Ausschüsse des Kreistages intensiv mit der Thematik befasst und den Prüfauftrag um diverse Punkte auch hinsichtlich der Folgewirkungen von Angebotsveränderungen oder (Teil)Schließungen erweitert. So möchte die SPD auch analysiert wissen, was durch Umstrukturierungen am Ende konkret auf die Bürger zukommt, wie sich Patientenströme entwickeln und welche Auswirkungen sich für die ambulante Versorgungsstruktur, die Notfallversorgung und den Rettungsdienst ergeben.

Ein spezielles Augenmerk sollen die externen Prüfer und Berater auf Bitten des Amtes Südtondern und Antrag von SSW und SPD der Niebüller Klinik widmen. Gewünscht sind Wirtschaftlichkeitsberechnungen „zu einer Eigenständigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten des Krankenhausstandorts Niebüll, als Haus der Grund- und Regelversorgung, bei Aufrechterhaltung der Notfallaufnahmefähigkeit über 24 Stunden, der Intensivstation, der Chirurgie (nicht als Tageschirurgie), der Geburtshilfestation und der Gynäkologie. Ein spannender Aspekt dabei: Welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine Ausgliederung des Niebüller Standortes auf die Klinikum Nordfriesland gGmbH?

Fragen über Fragen, mit denen sich die Abgeordneten konfrontiert sehen und die nun in Windeseile nach und nach abgearbeitet werden müssen. Zwar halten die handelnden Akteure bereits heute engen Kontakt mit dem Sozialministerium und den Krankenkassen. Aber es gibt Unwägbarkeiten: Der Bund hat das neue Krankenhaus-Strukturgesetz zwar auf den Weg gebracht, der Krankenhausplan des Landes muss nach Aussagen von Heinz Maurus jedoch ebenfalls noch modifiziert werden. „Darauf können wir in unserer jetzigen Situation aber nicht warten“, betonte er im Finanz- und Bauausschuss.

„Das Problem ist erkannt und wir arbeiten an einer Lösung, aber wir haben nicht unendlich Zeit dafür“, plädierte Maurus angesichts von Bedenken gegen den ambitionierten Prüfungs- und Beratungszeitraum dafür, offene Fragen nach Dringlichkeit abzuarbeiten. Ohnehin werde der gesamte Umstrukturierungsprozess voraussichtlich mindestens drei Jahre in Anspruch nehmen. Nur bis zum 31. März 2016 gebe es noch „einen gewissen Handlungsspielraum“. Auch der Ausschuss-Vorsitzende Florian Lorenzen mahnte: „Wir können Entscheidungen nicht unendlich aufschieben.“ Und Dr. Peter Schröder (Grüne) brachte es auf den Punkt: „Im Falle einer Insolvenz haben wir überhaupt nichts mehr zu sagen.“

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erstellt am 08.Dez.2015 | 18:34 Uhr

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