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Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 21:49 Uhr

Aus für Geburtshilfe Niebüll : „Politik und Kassen in der Pflicht“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach dem vorläufigen Aus der Geburtshilfe in der Klinik Niebüll werden Rufen laut nach einer finanziellen Absicherung für Kliniken im ländlichen Raum.

Die einstweilige Schließung der Geburtshilfe-Station in der Klinik Niebüll sorgt auch im politischen Raum für Betroffenheit. „Das ist ein herber Rückschlag für unsere Arbeit, zur Sicherung der medizinischen Versorgung durch unser Klinikum Nordfriesland“, beklagt der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Thomas Nissen. Nur drei Monate nach dem einstimmigen Weisungsbeschluss im Kreistag, in Niebüll ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit dem bisherigen Leistungsumfang, „das heißt einschließlich Geburtshilfe“, erhalten zu wollen, breche jetzt eventuell dauerhaft ein wesentliches Standbein weg, so Thomas Nissen.

„Für die Versorgung der Region ist es katastrophal, durch solche Sachzwänge innerhalb kürzester Zeit von einem im März beschlossenen Weg abkommen zu müssen“, erklärt der Fraktions-Vize Carsten-F. Sörensen. „Noch wollen und dürfen wir aber die Hoffnung nicht aufgeben. Wir, das Klinikum, der Träger und auch die Region müssen uns weiter bemühen, Hebammen zu finden, die bereit sind, im Krankenhaus Niebüll zu arbeiten“, sagt er.

Nach Einschätzung der Sozialdemokraten stellt sich dabei grundsätzlich die Frage, ob das Personalproblem alternativ mit Angeboten von Festanstellung gelöst werden könnte. Allerdings gebe es den Einwand, dass angesichts von rund 230 Geburten pro Jahr eine Hauptabteilung mit fest angestellten Mitarbeitern nicht bezahlbar sei. Das wiederum werfe grundsätzliche Fragen zur Finanzierung des Gesundheitswesens und der Bezahlung von Leistungen der stationären Versorgung auf: Die Bundespolitik strebt ein gestuftes Versorgungssystem von Regional- und Schwerpunktversorgern an, verlangt aus Qualitätsgründen Mindestfallzahlen und bemisst die Bezahlung für erbrachte Leistungen an der Kostenstruktur eines Hauses mit 407 Betten. „Keines dieser Kriterien wird aber der Situation eines dünn besiedelten ländlichen Raumes gerecht“, so die SPD. Im Gegensatz zu Ballungsgebieten gebe es in zumutbarer Entfernung nicht mehrere Häuser mit gestaffeltem Versorgungsumfang, sondern wie in Südtondern lediglich ein Haus, das alle Leistungen erbringen muss. Unterschrittene Mindestfallzahlen eines gemeinnützigen Hauses mit hochengagierten Mitarbeitern seien dabei ein kleineres Problem als der komplette Wegfall von Leistungsangeboten. „Natürlich wird ein Haus mit 100 Betten und einem zwangsläufig breit angelegten Versorgungsangebot niemals mit den Vergütungssätzen auskommen, die an der Kostenstruktur eines Hauses mit 400 Betten orientiert sind“, stellen Nissen und Sörensen fest. Von der Bundespolitik verlangen sie deshalb, dass diese eine Krankenhaus-Finanzierung ermöglicht, „die auch den Besonderheiten dünn besiedelter ländlicher Räume gerecht wird“. Für Niebüll würden Sicherstellungszuschläge benötigt. „Ihre Bewilligung oder Nichtbewilligung wird in entscheidender Weise bestimmen, welches Versorgungsangebot am Standort Niebüll dauerhaft möglich ist“, so Sörensen.

Hoffnungen für Niebüll verknüpfen die SPD-Politiker mit dem Kriterienkatalog, den der Gemeinsame Bundesausschuss zurzeit für die Gewährung von Sicherstellungszuschlägen erarbeitet (wir berichteten). So stelle ein Sprecher der Ersatzkassen die im BDO-Gutachten für das Kreis-Klinikum attestierte Versorgungsnotwendigkeit eines Hauses der Grund- und Regelversorgung am Standort Niebüll bedenkenlos infrage. Nissen: „Die Politik mit ihren Steuerungsmöglichkeiten und die Krankenkassen stehen in der Pflicht, den Besonderheiten dünn besiedelter ländlicher Räume gerecht zu werden und ihren Beitragszahlern zu erklären, wie sie eine gleichwertige, flächendeckende Versorgungsqualität gewährleisten wollen“, so Nissen und Sörensen.

Als einen „harten Schlag“ bewertet der Kreisvorsitzende der Jungen Union, Leif E. Bodin, die Situation. Der ländliche Raum stehe einmal mehr hintenan. „Es ist eine Schande, dass dem Kreis NF die Hände gebunden sind – erst die schweren Schläge durch das Finanzausgleichsgesetz, das dem Kreis das Geld nimmt, und dann die mangelnde Investition in Krankenhäuser seitens des Landes“, kritisiert er. Und: „Kiel kommt seinen Pflichten auch bei der Unterstützung für einen Sicherstellungszuschlag der Kassen für das Klinikum Niebüll – wenn überhaupt – nur ungenügend nach.“

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erstellt am 02.Jul.2016 | 10:00 Uhr

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