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Husumer Nachrichten

11. Dezember 2016 | 07:10 Uhr

Handy-Hype : Pokémon: Husum auf Monsterjagd

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wer macht mit beim aktuellen Hype um das neue Handy-Spiel Pokémon Go? Ein Recherche-Spaziergang und Selbstversuch in Husum.

„Fotografieren Sie mich etwa?“, will die Verkäuferin auf dem Husumer Wochenmarkt wissen. Berechtigte Frage – schließlich stehe ich seit Minuten neben ihr und richte mein Handy auf sie. Das würde jeden irritieren. Also jeden, der nicht gerade wie ich und Millionen weiterer Menschen weltweit im Pokémon-Modus ist. Denn was die gute Frau nicht weiß: Über ihrem Kopf schwebt eine Fledermaus, die muss ich einfangen. Seit vorgestern ist das Handyspiel Pokémon Go in Deutschland verfügbar, seit gestern Morgen teste ich es in Husum aus. Rein zu Recherchezwecken, versteht sich.

Nach mehreren Handyabstürzen lerne ich die Grundregeln des Spaßes: Ganz grob vereinfacht latscht der Pokémon-Spieler mit dem Handy in der Hand durch seine Stadt, in regelmäßigen Abständen tauchen die kleinen Pokémon-Monster auf, wie die Fledermaus auf dem Markt. Das Neue an diesem Spiel: Per Handykamera werden die Viecher in der realen Umgebung angezeigt, mit den Pokébällen kann man sie einfangen.

Die Bälle und andere Hilfsmittel sammelt man an Sehenswürdigkeiten ein: Ich versorge mich beim Nationalparkhaus mit Zaubertränken und am Storm-Haus mit neuer Munition. Neben mir lernt eine weißhaarige Touristengruppe Fakten über das Leben des Dichters, mit ihrem Handy fotografieren sie höchstens die Rosen, Monster jagen sie sicher nicht. Das allerdings könnte sich bald ändern, weiß Husums Tourismusdirektorin Jutta Albert. Die sogenannte Gamification werde immer stärker Thema, auch im touristischen Bereich. Auch wenn bei Pokémon Go bisher nur spärliche Informationen über die Sehenswürdigkeiten geliefert werden, vor denen der Spieler gerade steht, kann man gerade eine fremde Stadt so auf wirklich spielerische Art kennenlernen. Zumindest dann, wenn man den Blick gelegentlich vom Bildschirm löst.

Am Hafen sehe ich, dass das dem einen oder anderen schwer fällt. Hier treffe ich eine zehnte Klasse eines Husumer Gymnasiums, gleich will sie Eisessen gehen. Noch halten die Jugendlichen ihre Handys in den Händen: Pokémon Go spielen sie alle – auch jetzt, denn am Hafen ist die Monsterdichte verdammt hoch. „Das erklärt endlich, warum wir so langsam unterwegs sind“, erkennt die begleitende Lehrkraft. Schlimm finde er diesen Spiele-Hype nicht: „Wir haben damals Star Trek nachgespielt. Irgendwie muss man ja groß werden.“ Und in der Schule selbst sei das Handy ja ausgeschaltet. (Weil da auch gar keine Pokémon-Portale zu finden sind, fügen seine Schüler hinzu.)

Für sie ist das Spiel Motivation, an die frische Luft zu gehen und Ecken von Husum kennenzulernen, an denen sie noch nicht waren: „Da kommt man auch mal ins Industriegebiet“, erklärt einer. Sein Kumpel ist dieser Tage in der Storm-Stadt auffallend viel mit dem Fahrrad unterwegs – und brütet so Monsterbabys aus. Die, das lerne ich von ihm, wachsen nämlich je zurückgelegtem Kilometer. Also: Ich muss weiter.

Während der ADAC davor warnt, durch das Handyspiel unaufmerksam im Straßenverkehr zu agieren, vermeldet die Landespolizei für Husum und Umgebung bisher noch keine „Pokémon-Einsätze“: „Gefahrensituationen durch die damit verbundene Ablenkung sind uns nicht bekannt“, heißt es aus der Pressestelle. Eigentlich erstaunlich, denn voll im Spielerausch kriege ich auch nicht mehr so richtig mit, was um mich herum geschieht. Ein bisschen süchtig macht das erschreckenderweise schon. Ohnehin: Dass die Teenager-Fraktion einem Handyspiel verfällt, scheint mir nicht ungewöhnlich. Aber bin ich die einzige erwachsene Husumerin, die gerade beinahe ins Hafenbecken fällt, weil sie auf ihr Handy und nicht auf den Weg guckt? Die Antwort: Nein. Ich treffe Steffen, Sabina, Geesche, alle Mitte bis Ende 20, alle Verwaltungsmitarbeiter. Mehr über sich verraten wollen sie nicht, auch ihnen scheint es leicht peinlich zu sein, was wir hier auf offener Straße tun. Egal: „Man kommt gut in Gang durch das Spiel“, sagt Sabina.

Ich wandle weiter Richtung Marienkirche. Mein Handy zeigt eine Kampfarena an. „Oh Gott, haben die ernsthaft die Kirche .  .  .?“ Nein, beruhigenderweise nicht, meine eingefangenen Pokémons kann ich stattdessen am Tine-Brunnen gegen Gegner antreten lassen. Dadurch könnte ich sicher etwas gewinnen, aber jetzt stürzt das Handy wieder ab. So richtig scheint der Server dem Massenansturm auf das Spiel noch nicht stand zu halten. Eine nicht ganz unerhebliche Zahl von Husumern hat das Spiel aber zum Laufen bekommen: In der Facebook-Gruppe „Pokémon go Husum“ haben sich bis Redaktionsschluss mehrere hundert Fans versammelt, die sich über ihre Erfolge austauschen, aber auch zum gemeinsamen Spielen in der Stadt verabreden. Wer also dieser Tage Menschengruppen trifft, die gemeinsam-einsam auf ihre Displays starren, weiß, was los ist. Aber keine Sorge: Auch dieser Trend geht vorbei.

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erstellt am 15.Jul.2016 | 07:00 Uhr

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