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Husumer Nachrichten

09. Dezember 2016 | 20:29 Uhr

Fischerei in Nordfriesland : Nordsee-Fischer resignieren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Berlin will die Fischerei in Meeres-Naturschutzgebieten weiter einschränken – jetzt bangen die Betriebe um ihre Existenz. Die Verbände kritisieren ein „Verbot auf Verdacht“.

Man könnte meinen, ein eisiger Wind weht durch den Kreistagssitzungssaal in Heide. Mit versteinerten Mienen sitzen viele Mitglieder der Nationalpark-Kuratorien Nordfriesland und Dithmarschen auf ihren Stühlen und lauschen den Ausführungen von Dr. Lothar Fiedler. Der Vertreter des Umweltministeriums stellt gerade wortgewaltig den Entwurf für eine gemeinsame Empfehlung für das Fischereimanagement in den Natura-2000-Gebieten vor.

Zum Schutz von Schweinswalen, Vögeln, Riffen und Kleingetier am Meeresboden will der Bund in vier Meeres-Naturschutzgebieten der Nordsee die Fischerei teils ganzjährig verbieten. Gemeint sind die Gebiete Sylter Außenriff, Östliche Deutsche Bucht, Borkum Riffgrund und Doggerbank, die alle in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) liegen. Die Größe der deutschen AWZ in der Nordsee beträgt zirka 28  600 Quadratkilometer, die Natura-2000-Gebiete bedecken davon 28 Prozent.

Die hierfür vorgesehene Frist ist bereits abgelaufen. Die EU-Kommission hat sogar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die Bundesregierung eben diese Frist, um die Schutzziele in Natura-2000-Gebieten umzusetzen, versäumte. Ein Grund mehr für Berlin, jetzt Druck zu machen.

Während Naturschützer Land sichten, befürchten Berufsfischer in raue See zu geraten. Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen kann bei der Sitzung seinen Unmut kaum verbergen – aber das will er auch nicht. „Ich bin sehr enttäuscht, dass die Kreise und Kuratorien nicht im Vorwege an diesen Planungen beteiligt wurden. Und das bei einem Maßnahmen-Paket, das für die Berufsfischerei gravierende Auswirkungen hat.“ Fiedler: „Der Entwurf der Bundesregierung sieht vor, dass in den Schutzgebieten beziehungsweise Teilen von ihnen bestimmte schädliche Fischereitechniken untersagt, zeitlich beschränkt werden oder deren weitere Anwendung nur in der derzeit bestehenden geringen Intensität erlaubt wird“. Diese Regelungen gelten vor allem für Stellnetze, weil sie Meeressäugetiere und Seevögel gefährden, und für mobile Fanggeräte, die bestimmte Lebensräume und Arten auf dem Meeresgrund schädigen würden.

Wissenschaftler waren darauf angesetzt worden, den Zustand von Sandbänken und Riffen zu beurteilen. Und für die sehe es schlecht aus. Es müsse dringend gehandelt werden, so die Experten. Doch diese Erhebungen hinterlassen viele Fragezeichen. „Die Datenlage ist bestenfalls lückenhaft, die Definition von Erhaltungszustand nicht nachvollziehbar und die Maßnahmen zu pauschal“, kritisiert der Fischereibiologe Philipp Oberdörffer von der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. Deutschland solle wie andere Länder auch die Verbotszonen präziser definieren und nicht riesige Flächen ausweisen. Beim bodennahen Krabbenfischen werde nicht unterschieden, welches Gerät zum Einsatz komme, erklärt Oberdörffer. Es mache einen Unterschied, ob ein fünf Tonnen schweres Geschirr über den Meeresboden gezogen werde oder ob es 500 Kilogramm wiege.

Schon im März, als das Thema das erste Mal in den Fokus der Öffentlichkeit geraten war, reagierten die Fischerei-Verbände mit scharfer Kritik (wir berichteten). Schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der traditionellen Fanggebiete seien den schleswig-holsteinischen Krabbenfischern in den letzten Jahren durch Naturschutzauflagen und Sperrungen in Offshore-Windparks verloren gegangen. Für die Fischer wird „die Suppe immer dünner“.

Und dass sie gleich behandelt werden würden wie die Fischer aus anderen europäischen Ländern – wie Fiedler betont – mögen die Gremiums-Mitglieder aus der Branche nicht so recht glauben. In einer Stellungnahme, die die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste nach Berlin geschickt hat, heißt es etwa: „Es muss verwundern, dass Deutschland seinen Teil der Doggerbank als Habitat Natura-2000 angemeldet hat, wohingegen Großbritannien das gleiche Habitat anders bewertet und für die Errichtung von Windfarmen mit Folgen für den Boden, Artenzusammensetzung und die Strömung vorsieht.“

Kritisiert wird darüber hinaus das widersprüchliche Vorgehen der Regierung und dass Basisdaten aus der Fischerei fehlen. „Die zunehmenden Einschränkungen bedrohen die Familienbetriebe mit ihren kleinen Kuttern“, so Harrsen. „Aber wenn sie aufgeben, rücken Großbetriebe nach, die wesentlich intensiver fischen und enorme Schäden in der Natur anrichten können.“

Auch der stellvertretende Kuratoriums-Vorsitzende Hans von Wecheln mahnt mehr Augenmaß an. „Für die Fischerei bleiben kaum noch Flächen übrig – und diese kleinen Gebiete werden bald völlig überfischt sein, weil alle Kutter sich dort ballen werden“, warnt er. Von Wecheln fehlen die wissenschaftlich basierten Daten dafür, dass der Zustand der Riffe wirklich so schlecht ist. „Meinen Sie nicht auch, dass eine bessere EU-Fischereipolitik gemacht werden sollte, bevor man Verbote ausspricht?“ Ihm gehe es gegen den Strich, dass man erst Gebiete sperre und dann Daten sammle. „Da hängen Existenzen dran!“ Kein Berufszweig in Deutschland werde so überwacht wie die Fischerei. Die Dänen seien da pragmatischer. „Die richten eine 200-Meter-Sperrzone um entsprechende Riffe ein. Fertig. Da möchten wir auch gerne hin. Und kein Verbot auf Verdacht“, fügt er hinzu. Von Wecheln zufolge haben die Fischer schon lange resigniert. Sie könnten zwar Stellung nehmen, aber dabei bleibe es. „Die Fischer sagen schon lange nichts mehr – die haben fertig“.

Nun wird die EU-Scheveningen-Gruppe über das Thema debattieren. Und dann? „Ja, dann wird das Ding eingereicht und geht über die Bühne. Wir können da nicht mehr viel machen. „Und das ist erst der Anfang“, erklärt er auf Anfrage unserer Zeitung. „Jeder Landwirt müsste hellhörig werden“, sagt er nachdenklich. „Denn zu den Natura-2000-Gebieten gehören ja nicht nur Wasser-, sondern auch Landflächen.“

 

 

 

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erstellt am 16.Aug.2016 | 13:00 Uhr

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