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Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 20:47 Uhr

150 Jahre Theodor-Storm-Schule in Husum : „Nicht für jeden das Gleiche, aber für alle das Beste“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

150 Jahre Theodor-Storm-Schule: Direktorin Sibylle Karschin spricht im Interview über iPads im Unterricht, die Herausforderungen der Bildungspolitik und was sie an ihrem Beruf so liebt.

Vor 150 Jahren gründete Sophie Jacobsen in Husum eine private Töchterschule. Die ist inzwischen Gymnasium, heißt Theodor-Storm-Schule und wird schon längst nicht mehr nur von Mädchen besucht. Am Sonnabend (5.) wird das Schuljubliäum am Morgen (ab 11 Uhr) mit einem Festakt in der Schulaula und abends (ab 20 Uhr) mit einem Ball im Nordsee-Congress-Centrum gefeiert. Im Interview mit unserer Zeitung äußert sich Schuldirektorin Sibylle Karschin über Schule im Wandel, aber auch darüber, ob ein Abitur für jeden möglich und sinnvoll ist.

 

Frau Karschin, 150 Jahre Theodor-Storm-Schule, und Sie sind deren Direktorin. Wie stolz macht Sie das?

Stolz ist nicht mein Gefühl. Ich bin rückblickend froh, dass ich die Chance bekommen habe, diese Schule leiten zu dürfen, und freue mich an den Erfolgen, die wir gemeinsam erreicht haben.

 

Aber die Anforderungen wachsen. Das verkürzte Abitur ist dafür nur ein Beispiel von vielen. Wünschten Sie sich manchmal einen etwas längeren Atem?

Noch ist mein Atem ganz o.k.! Aber im Ernst: Wir hatten sehr viele Veränderungen während meiner Dienstzeit – von G8 über Profiloberstufe zum zweigliedrigen Schulsystem, und ich hoffe, dass wir in den nächsten Jahren etwas weniger Umbruch in den Schulen bekommen werden.

 

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen Schule heute steht?

Wir müssen Wege finden, um alle jungen Menschen nach ihren individuellen Möglichkeiten zu fördern. Das gilt auch, aber nicht nur, für Kinder mit Migrationshintergrund. Schule im Spannungsfeld einer digitalen Gesellschaft wird ein großes Thema in den nächsten Jahren sein. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den pädagogischen und didaktischen Fragen liegen müssen. Wie schaffen wir es, dass unsere Schüler diese Medien sinnvoll nutzen.

 

Viele Schüler und Eltern, aber auch Lehrer klagen über wachsenden Leistungsdruck. Wie bringt man das in ein ausgewogenes Verhältnis?

Leistungsdruck entsteht, wenn der junge Mensch das Gefühl hat, den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, nicht gewachsen zu sein. Es lohnt sich dann immer, genau hinzuschauen. Wer stellt welche Anforderungen? Sind sie angemessen? Kann oder will der Schüler sie nicht erfüllen? Ist die Schule die richtige für das Kind? Diese Fragen erörtern wir dann mit Eltern und dem Schüler gemeinsam. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das Gefühl von wachsendem Leistungsdruck oder Zeitdruck ein gesamtgesellschaftliches ist, das auch in Schule „ankommt“.

 

Sie haben die Digitalisierung des Schulalltags schon angesprochen. Die TSS ist digitale Schule. Schulbücher werden durch iPads ersetzt. Wie geht es damit weiter?

Wir werden zunächst unsere Erfahrungen mit unserer iPad-Klasse in der Oberstufe auswerten. Gemeinsam mit allen, Eltern, Kursleitern und Schülern, werden wir dann beschließen, wie es weitergeht. Ich kann mir vorstellen, dass wir im kommenden Jahr eine oder auch mehrere iPad-Klassen einrichten, aber das ist ein Prozess, der von vielen Faktoren – Finanzierbarkeit oder die Ausstattung durch den Schulträger – abhängt. Der Einsatz von iPads umfasst im Übrigen viel mehr, als Bücher zu ersetzen.

 

Und wieso gerade iPads? Das ist ja alles nicht ganz günstig und die Entscheidung für einen bestimmten Hersteller. Birgt das nicht auch Gefahren?

In der Mittelstufe arbeiten unsere Schüler in den Computerräumen mit Windows. Für die Oberstufe überwiegen die Vorteile durch den Einsatz von iPads, zum Beispiel im Hinblick auf die Einsetzbarkeit im Abitur.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem verkürzten Abitur gemacht? Ist das der richtige Weg?

Ich glaube, dass falsch oder richtig nicht die passende Antwort ist. Beides ist machbar, mit guten Ergebnissen. Die Frage nach G8 oder G9 ist eine grundsätzlich gesellschaftspolitische Entscheidung. Diese Entscheidung wurde getroffen und von uns hier vor Ort gut umgesetzt. Eine erneute Veränderung würde wieder Kraft und Ressourcen kosten, die wir anders besser nutzen könnten.

 

Wie gewährleisten Sie das Niveau des Abiturs, wenn immer mehr junge Leute diesen Abschluss machen sollen? Erzeugt das nicht einen entsprechenden Druck auf die Schule und wirft die Frage auf, ob ein Abitur für jeden möglich ist?

Ich denke, dass ein Abitur für jeden nicht das Ziel sein sollte, so wenig, wie ein Studium für jeden der richtige Weg ist. Das Ziel sollte sein, für jeden jungen Menschen einen seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Ausbildungsweg zu finden. Die allgemeine Hochschulreife beinhaltet in Deutschland die Zulassung zum Studium. Wenn wir das beibehalten wollen, müssen wir die jungen Menschen für diesen Weg vorbereiten.

Und wie kriegt man als Schule die Begriffe Chancengleichheit und Elitebildung unter einen Hut?

Durch differenzierte Lernangebote für alle und gute Förderung von Schülern, die aus welchen Gründen auch immer benachteiligt sind. Unser Motto: Nicht für jeden das Gleiche, sondern für alle das Beste!

 

Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass die Grundschulen keine Empfehlungen für die weiterführenden Schulen mehr abgeben dürfen?

Unsere Erfahrung damit zeigte, dass Eltern auch ohne Schulartempfehlung einer Beratung durch die Grundschulen oder auch durch uns häufig folgen.

 

Was bereitet Ihnen in Ihrem Beruf am meisten Freude?

Es ist eine wunderbare Aufgabe, junge Menschen auf dem Weg ins Leben begleiten zu dürfen. Es ist mir immer wieder ein großes Glück, unsere Abiturientinnen und Abiturienten zu sehen, mich an ihre ersten Tage zu erinnern und mich über ihre Entwicklung hin zu verantwortungsbewussten, aufgeschlossenen und mutigen Menschen zu freuen.

 

Und was wünschen Sie sich persönlich über das Jubiläumsjahr hinaus?

Ich möchte diese Schule gerne noch ein wenig begleiten und ihre Entwicklung mit diesem großartigen Team von erfahrenen, engagierten, professionellen Kolleginnen und Kollegen weiter voranbringen.

 

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erstellt am 04.Nov.2016 | 15:00 Uhr

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