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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 19:30 Uhr

Mittendrin in der Schöpfung

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Sie sorgen dafür, dass Urlauber Nordfriesland noch intensiver erleben können: In der Sommerserie „Die Entschleuniger“ stellen wir Menschen aus der Region vor, die Gästen und Einheimischen dabei helfen, einmal wirklich runterzukommen.

Hohe Bäume, Gebüsch, und eine alte Ziegelmauer umgeben schützend das Gemeindehaus von Oldenswort. Sie halten die Geräusche des Ortes fern, machen das schlichte Gebäude zu einem Ort abseits des Alltags. Und genau das soll es sein, denn von hieraus starten Ausflüge hinaus aus dem Alltag, hinein in ein spirituelles Erleben der Welt. Hier beginnen die Pilgertouren auf Eiderstedt. Dieses einmalige Angebot im südlichen Nordfriesland gibt es seit Mai. Pastorin Inke Thomsen-Krüger organisiert und begleitet die Touren. Offen und freundlich empfängt sie ihre Besucher, strahlt Energie, Lebensfreude und Zugewandtheit aus. Seit 2010 ist sie Pastorin in Oldenswort.

   Von Mai bis September bietet sie einmal im Monat eine fünftägige Pilgerfreizeit sowie mehrere eintägige Veranstaltungen an. Die Teilnehmer wandern oder fahren mit dem Rad zu den historischen Kirchen Eiderstedts, von denen
es erstaunlich viele gibt. Die Halbinsel ist mit ihren 18 mittelalterlichen Gotteshäusern die kirchenreichste Region in der Nordkirche. Oder es geht in die Natur, ins Wattenmeer. „Denn nirgendwo kann man Gott näher sein“, sagt Inke Thomsen-Krüger. 15 bis 20 Kilometer umfassen die täglichen Wanderungen, die um 9 Uhr starten und gegen 18 Uhr wieder in Oldenswort enden. Das ist Entschleunigung pur, denn hier drängelt nichts, hier ist Zeit, in sich hineinzuhören.

   „Die Motivation der Teilnehmer ist ganz unterschiedlich“, sagt die Pastorin. „Einige brauchen Trost, andere kommen wegen der Kirchen, ihrer Kunstschätze und Architektur.“ Das Spirituelle gehöre aber auch jeden Fall dazu. Da wird ganz real Bibelversen nachgespürt. Da trägt jeder mal den Rucksack eines anderen, um zu erfahren, was es heißt: Einer trage des anderen Last. Morgens und abends gibt es eine Andacht und auch tagsüber in den Kirchen, am Deich oder im Watt. Es werde viel gesungen und gesprochen, aber auch geschwiegen. Jeder könne in seinem eigenen Rhythmus mitmachen, entschleunigen. Wenn jemand eine Zeit lang allein sein möchte, sei das kein Problem, so die Pastorin. Für sie selbst bedeutet es aber, immer aufmerksam zu sein, zu beobachten, wann jemand ein Gespräch, wann er Seelsorge benötigt.

   Ein ganz besonderer Moment sei für die Teilnehmern immer die Andacht im Watt vor Uelvesbüll, und auch für sie selbst als Pastorin. „Mit den Füßen im Schlick das Vaterunser zu beten, das ist der Moment, wo die Seele direkt angesprochen wird. Hier lässt sich der Psalm 36 mit dem Vers „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen“ ganz anders erfahren“, beschreibt Inke Thomsen-Krüger. „Da ist man mittendrin in der Schöpfung. Dann schaut man anders, dann findet Entschleunigung statt.“

   „Allerdings können wir da nie lange stehen bleiben, sonst stecken wir im Schlick fest“, erklärt sie schmunzelnd. Und der Zuhörer merkt, dass sie – die Gärtnerstochter – durchaus geerdet ist, beim Pilgern nicht abgehoben den Blick für den Alltag verliert. Das hilft ihr auch flexibel zu bleiben. Denn an manchen Tagen, so ihre Erfahrung, „da wollen die Teilnehmer in die Welt zurück, sprich ins Café und einen schönen Cappucino genießen.“ Das Programm wird geändert, wenn sie den Impuls aus der Gruppe bekommt. So gibt es auch nicht automatisch eine Kirchenführung, sondern nur wenn der Wunsch geäußert wird.

   Für sie selbst sind die Pilgertouren harte Arbeit, wenn auch eine schöne – das Vorbereiten, das Organisieren, die Begleitung, die Andachten gestalten, die stete Aufmerksamkeit für die anderen, mit allen Sinnen für sie da zu sein, das alles erfordert viel Konzentration und auch, eigene Bedürfnisse zurückzustecken. Darüber hinaus hat sie auch in der Pilgerwoche noch einige andere pastorale Aufgaben wahrzunehmen, beispielsweise wenn eine Beerdigung ansteht. So muss sie oft zwischen den Welten hin und her springen. Aber es steht für sie fest: Es ist eine tolle Arbeit.

   Sie selbst entschleunigt im Garten beim Pflanzen, Unkraut jäten, graben – und wenn sie den Schnecken zuschaut. „Denn trotz ihres Schneckentempos schaffen sie ganz viel. Man müsste eigentlich diesen Begriff mal aus seiner negativen Ecke herausholen.“ Selbst ist Inke Thomsen-Krüger noch nie gepilgert, aber sie würde gerne den St.-Olafs-Weg in Norwegen gehen, da ist es nicht so heiß wie in Spanien. An diese neue Aufgabe ist sie ohne Fortbildung herangegangen. Sie schöpft aus ihrer eigenen beruflichen Erfahrung. „Wichtig ist auch, wie man selbst durch die Welt geht, und wie man sich von der Schöpfung inspirieren lässt.“

   Die Eiderstedter Landschaft mit der Weite, dem Watt und dem Sandstrand helfe sehr. „Da muss ich gar nicht mehr viel tun, da öffnen sich Herz und Seele schon auf den ersten Kilometern.“ Regelmäßig besucht sie die Pilgermesse in Hamburg. Da kommt man mit anderen Anbietern ins Gespräch, aber auch mit Teilnehmern, hört, was sie sich wünschen. Die Resonanz auf dieses neue Angebot sei bislang gut, sie habe viele Briefe erhalten, „Und einen Stammgast aus Norwegen habe ich auch schon.“

   Weitere Informationen unter www.pilgern-eiderstedt.de.

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erstellt am 27.Aug.2016 | 12:39 Uhr

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