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Seit mehr als 50 Jahren im Programm : Mit zwei Pferdestärken durch das Watt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Am Donnerstag machen sich die Kutschen, gezogen von Fjord-Pferden, wieder auf den Weg von Nordstrand zur Hallig Südfall.

„Heut’ bin ich über Rungholt gefahren … doch nicht mit dem Schiff, sondern zwei Pferdestärken vor dem Karren“ – könnte es frei nach Detlef von Liliencron (1844-1909) heißen. Wer auf eine Hallig möchte, denkt sicher erst einmal an ein Schiff als Transportmittel. Zur Hallig Südfall – jenem Eiland, das sieben Kilometer weit von der Nordstrander Südküste entfernt und zudem im einstigen Rungholt-Gebiet liegt – kommt man auch anders. Mit einem nicht alltäglichen Gefährt – der Kutsche – ist es möglich, mitten durch das Wattenmeer auf die 56 Hektar große Hallig mit einer einzigen Warft zu gelangen. Die wird jeweils ein halbes Jahr lang von Gunda und Gonne Erichsen bewohnt. Es versteht sich von selbst, dass das Unterfangen nur bei Ebbe möglich ist.

Wie immer startet auch heute das kleine Abenteuer ab Badestrand Fuhlehörn. Trübe ist es und die steife, kalte Brise aus Nord-West drückt viel Wasser auf das sonst so stille und friedlich scheinende Watt. „Wir können“, sagt kurz und knapp Halligkutscher Jürgen-Uwe Jürs. Als Nordstrander Junge kennt er die Gezeiten ganz genau und weiß auch um die Gefahren. Die beiden Norweger Fjord-Pferde Heidi (acht Jahre alt) und Ulla (zwölf) scharren schon ungeduldig mit den Hufen. Sie fiebern dem Trab durch das Watt entgegen, denn sie sind es gewohnt. Zudem ist die Winterpause lang gewesen. Fachgerecht werden die kleinwüchsigen, gelehrigen und arbeitswilligen Tiere angespannt. Sie gelten als robuste Zugpferde und werden im Norwegen noch heute in der Landwirtschaft eingesetzt.

Los geht es vom wenige Meter entfernten ehemaligen „Gutbier-Hof“ zur Deichauffahrt und damit zum allerersten Probelauf der Saison 2017. Besondere Gäste warten schon. Die Viöler Maren und Holger Hansen haben sich Freunde, Bekannte und Nachbarn zur Jungfernfahrt eingeladen. Ab sofort haben sie die seit mehr als 50 Jahren bestehende Tradition der Kutschfahrten in ihre Hände genommen und sich damit einen Traum erfüllt. Der in der östlichen Geest-Gemeinde Nordfrieslands selbstständige Tischler hat besagten Hof als künftigen Altersruhesitz gekauft und die insgesamt acht Pferde mitsamt drei Kutschen vom Vorbesitzer erworben. Modernisiert und aufgerüstet gehen sie an den Start. „Ich war häufig auf Nordstrand, auch zum Baden, und immer wieder habe ich die Gespanne neidvoll beobachtet. Dabei dachte ich immer: Das möchte ich mal machen, wenn ich in Ruhestand bin“, berichtet der Pferdeliebhaber und Inselfreak schmunzelnd. Die Gelegenheit sei zwar früher gekommen als erwartet, aber gut, dass es sich gefügt habe.

Alle drei Kutschen sind im Einsatz. Die gut gelaunten Gäste steigen auf. Jürs gibt das Signal zum Aufbruch, und die weiteren Gespanne folgen. Schnaubend und voller Lauffreude nehmen die Pferde einen gleichmäßigen Trab auf. Bis zu den Knöcheln reicht ihnen teilweise noch das ablaufende Wasser. Aber das schadet ja nicht. Nach einer knappen Stunde trifft der Tross auf dem Eiland ein. „Ein tolles Erlebnis. Da hat man die Kälte vergessen. Natur pur ist das“, stellt der Nordstrander Gerd Asmussen fest. Er ist mitgekommen, weil ihn Hansen eingeladen hat. Beide kennen sich schon seit vielen Jahren. Auch Jürs ist zufrieden. „Es ist auch für uns Kutscher immer wieder ein Erlebnis, und jedes Mal lernt man neue Menschen kennen“, sagt er. Nun noch schnell die Pferde versorgen mit einer guten Futterration und streicheln, bevor es zu den gastfreundlichen Halligleuten geht. Natürlich darf der Pharisäer auf den Tischen nicht fehlen. Eine Stunde haben die Gäste Zeit, sich auch an anderen Leckereien zu stärken oder sich auf dem Eiland umzuschauen. Die Gezeiten dulden keine Minute länger, wenn sie rechtzeitig vor der nächsten Flut das Festland erreichen wollen.

Auf der Rücktour gibt es als Belohnung für das kalte Vergnügen ein glanzvolles Naturschauspiel: Die Sonne lugt für einige Minuten aus dem dunklen Wolken-Einerlei. Ein letzter Blick geht für viele zurück zum Eiland – und das wird immer kleiner. „Wir leben schon in einer einzigartigen Landschaft“, sagt Jürgen-UweJürs. Für den Rentner ist das der ideale Posten. Unterstützt wird er von einem neunköpfigen Team ausgebildeter Kutscher und -gehilfen, dabei Reiner Peters Holger Winkel, Hilke Meyer, Thomas Michelsen, Marete Hansen, Tanja Schmidt, Danny Scheel und Christian Petersen, allesamt Nordstrander. Sie wechseln sich bei den Fahrten ins Watt ab.






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