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Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 15:15 Uhr

Kampfkunsttrainer mit Behinderung : Mit Wing-Tsun in ein neues Leben

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Husumer Stefan Schmaltz hat sich der chinesischen Kampfkunst Wing-Tsun verschrieben – und trotz seiner schweren Behinderung den sechsten Meistergrad erkämpft.

In dem Raum mit dem hellen, blanken Parkettboden drehen normalerweise Tanzpaare ihre Runden. Doch an diesem Montagabend ist keine Musik aus den Lautsprecher-Boxen zu hören. Es ist ungewöhnlich still, obwohl das Training bereits begonnen hat. Aber es werden weder Walzer noch Disco-Fox geprobt. Wing-Tsun-Lehrer Stefan Schmaltz steht mit seinen Schülern vor drei gerahmten Schwarz-Weiß-Porträts, die über der langen Spiegelwand hängen. Die kleine Gruppe verbeugt sich vor den abgebildeten Männern, die freundlich und zugleich bestimmt ihrem Betrachter entgegenblicken. „Das ist ein wichtiges traditionelles Ritual und dient der Erziehung zum Respekt“, sagt Schmaltz und erklärt, wer auf diesen Fotos zu sehen ist. „Das rechts ist Großmeister Liung Ting, in der Mitte Groß-Großmeister Jip Man und links Großmeister Keith R. Kernspecht – der mir viel von dem beigebracht hat, was ich heute weiß“, erklärt der 49-Jährige. Dann beginnt er mit dem Aufwärmprogramm.

Dass Stefan Schmaltz die chinesische Kampfkunst Wing-Tsun so erfolgreich praktiziert und mittlerweile sogar den sechsten Meistergrad erreicht hat, war vor 27 Jahren noch unvorstellbar. Am 17. April 1989 hatte der Husumer einen schweren Verkehrsunfall. Der gelernte Tischler war auf dem Heimweg, als er auf der Bundesstraße   5 frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammenstieß. Damals konnte er zwar von den Einsatzkräften lebendig aus dem völlig zerstörten Autowrack befreit werden, doch seine Verletzungen – vor allem am Kopf – waren massiv. Eine halbe Stunde lang war Schmaltz klinisch tot und fiel dann für zwölf Tage ins Koma. Nachdem er mehrere Monate in einer Hamburger Spezialklinik verbrachte, war er ein halbes Jahr auf den Rollstuhl angewiesen, fast ein Jahr konnte er nur an Krücken gehen. Die Ärzte bescheinigten ihm damals eine 90-prozentige Behinderung. Eine starke Prellung der linken Gehirnhälfte führte zu Ataxie und Spastik. „Ich musste wieder ganz von vorn anfangen“, berichtet Schmaltz. „Schreiben, lesen und sprechen – alles habe ich wieder neu lernen müssen.“

Während seines Reha-Aufenthaltes kaufte sich Schmaltz aus Neugier die „Bibel der Kampfkunst“ mit dem Titel „Vom Zweikampf“. Der Verfasser: Keith R. Kernspecht, einer der höchst graduierten Wing-Tsun-Meister der Welt. Fortan verbrachte er jede freie Minute in der Sporthalle des Unfallkrankenhauses Hamburg-Boberg mit Kraft und Aufbautraining. Nach seiner Entlassung führte ihn sein erster Weg nach Heidelberg zur Trainerakademie der Europäischen Wing-Tsun-Organisation (EWTO). Er wollte Großmeister Kernspecht kennenlernen und konnte tatsächlich an dessen Training teilnehmen. Das war vor 25 Jahren. Am 1. November wird Schmaltz von der EWTO die Silberne Anstecknadel verliehen.

Schmaltz’ Name steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde: Er ist der einzige behinderte Kampfkunstlehrer, der diesen asiatischen Stil unterrichtet. „Wing-Tsun ist für jeden Menschen geeignet – egal, ob er ein Handicap hat, groß oder klein, stark oder schwach ist“, ist er überzeugt. In seiner Schule bietet der 49-Jährige Gruppenkurse für Erwachsene und Kinder, insbesondere aber für Menschen mit einer Behinderung an.

Jan Peters sieht seinem Gegenüber eindringlich in die Augen und schiebt ihn von sich. Der 44-jährige Mildstedter zählt seit fünf Jahren zu Schmaltz’ Schützlingen. Peters leidet ebenfalls unter einer spastischen Lähmung. „Mir bringt dieses Training sehr, sehr viel. Ich bin viel selbstbewusster geworden“, sagt er. Selbstsicher auftreten möchte auch Finja Mühle. „Wing-Tsun hilft mir dabei, das zu lernen“, erklärt sie. Die 23-Jährige ist seit mehreren Wochen beim Training mit von der Partie. Die Husumerin möchte sich für ein Work-and-Travel-Jahr in Australien wappnen. So zeigt ihr Schmaltz, wie sie sich zur Wehr setzen kann, wenn sie jemand auf der Straße angreift. „Wing-Tsun lebt von Wiederholungen. Jede Bewegung muss 10  000 Mal geübt werden“, sagt Schmaltz und zitiert dabei Großmeister Kernspecht. Wing-Tsun ist keine Wettkampf-Sportart wie Karate, sondern ein Kampfkunst-Stil. Bei Fachleuten gilt es als die wirkungsvollste Selbstverteidigung, die auch zum Beispiel in Polizeischulen unterrichtet wird.

90 Minuten sind vorüber. Schmaltz und seine Schüler versammeln sich wieder vor den Porträts der drei Großmeister. „Irgendwann möchte ich wie sie sein – ein Großmeister“, sagt er und lächelt.

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erstellt am 25.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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