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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 17:08 Uhr

Ein Buch über Stine : Mit ihrer Art zu leben, war sie ihrer Zeit voraus

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Journalistin und Husumerin Marlies Wiedenhaupt hat ein Buch über Anneline Petersen geschrieben: Die letzte Stadtbäuerin war als Stine bekannt – und ist unvergessen.

Mit bürgerlichem Namen hieß sie Anneline Petersen und war Husums letzte Stadtbäuerin – unkonventionell, bar jeder Angst vor Autoritäten, nur ihrer Arbeit und ihren Tieren verpflichtet. Eine Frau in damals noch ungewohnter Männerrolle, belacht, aber von vielen auch heimlich bewundert, ja von manchen sogar gefürchtet.

Die Widersprüche, die Stine, wie sie im Volksmund genannt wurde, provozierte, lagen in ihrer komplexen Persönlichkeit begründet. Anneline Petersen lebte ihr Leben – was auch heute noch lange nicht jedem gelingt. Schmutzig, ja verloddert, ungehobelt und rau schritt sie durch die Welt, bewirtschaftete bis zum Schluss und weitgehend allein ihren Hof im Stadtweg. Das verschaffte ihr Anerkennung, und auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Tod ist Stine vielen Husumern so gegenwärtig, als sei sie gar nicht gestorben.

Zwei Jahre lang hat die Journalistin und Husumerin Marlies Wiedenhaupt ihrer früheren Nachbarin nachgespürt, Bilder gesammelt, Zeitzeugen befragt und Geschichten aufgeschrieben, die ein eindrückliches Bild von dieser ungewöhnlichen, selbstbestimmten Frau ergeben. Daraus entstanden ist das Buch „Stine – Das Leben der Bäuerin Anneline Petersen“, erschienen im Ihleo-Verlag. Die Autorin stellt es am Freitag, 25. November, Beginn: 19 Uhr, in der Schlossbuchhandlung (Schlossgang) vor.

In diesem Porträt wird sie noch einmal lebendig – die unbeugsame Bäuerin, für die Geschlechterrollen, Straßenverkehrsordnung und Vorschriften reine Auslegungssache waren. Für den elterlichen Hof, den sie für ihren im Krieg verschollenen Bruder zu erhalten suchte, verzichtete sie auf Ehe und Kinder. – Das Leben und die Würde ihrer Tiere lagen ihr näher als Mode und Hygiene-Standards. Ihre Unabhängigkeit sicherte sich Stine durch harte Arbeit und einen Humor, der gelegentlich die Grenzen zum Schalkhaften überschritt. Alles das zusammen macht sie unvergessen.

 


(Anmeldungen für die Buchpräsentation sind unter Telefon 04841/89214 möglich.)

 

 

Im Gespräch mit den Husumer Nachrichten erzählt Marlies Wiedenhaupt, wie es zu diesem Buch gekommen ist.

 

Warum gerade Stine? Gibt es da eine persönliche Verbindung?

Mein Bett stand nur sieben Meter von ihrer Grundstücksgrenze entfernt.  Als Kind hatte ich Angst vor Stine. Sie war oft mit einem Stock unterwegs, und wir Kinder haben sie so manches Mal geärgert, indem wir ihr zum Beispiel „Stine Mett“ hinterher riefen. Für Kinder konnte sie beängstigend sein. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich sie dafür bewundert, dass sie den Hof fast allein bewirtschaftete. Vor elf Jahren sah ich dann in einer Praxis ein Foto von Stine  hängen und dachte: Da hängt nicht nur dieses Bild, sondern auch ein Teil meiner Kindheit. Ich durfte es mitnehmen und reproduzieren lassen. Im Fotoladen stand dann neben mir eine Frau, die ebenfalls Fotos von Stine nachmachen lassen wollte. Das war der Auslöser. Als ich vor Jahren bei meiner Wohnungssuche in der Brüggemannstraße gelandet bin, war ich wieder dicht dran am Thema, habe Fotos gesucht und Leute angesprochen, die sie gekannt hatten.

 

Skurrile Typen gab es früher ja einige. Was machte Stine  so besonders?

Sie ist jetzt seit 22 Jahren tot, aber irgendwie auch nicht. Im Gedächtnis der Husumer ist Stine fest verankert. Das liegt an vielen Dingen: ihrer Art, mit Tieren umzugehen zum Beispiel. Das war sehr liebevoll – von Achtung und Würde geprägt. Sie war sehr unkonventionell und hat ganz eigene Strategien entwickelt, um ihr Leben zu meistern.  Und sie verstand sich sehr gut darauf, Menschen einzuspannen.  Dass sie mit ihrem Trecker regelmäßig gegen die Einbahnstraße fuhr, war vielleicht nicht erlaubt, aber andererseits hätte sie den Verkehr sonst nur noch mehr aufgehalten. Außerdem hatte sie Humor und manchmal sogar den  Schalk im Nacken.  Sie hatte extrem gute Noten in der Schule und ist dennoch Bäuerin  geworden. Und sie war praktisch veranlagt. Als sie merkte, dass ihr der Hahn hinterherlief, als sie zur Sparkasse wollte, hat sie ihn sich unter den Arm geklemmt und mitgenommen. Es gibt viele Geschichten um Stine. Die meisten haben sich als wahr  herausgestellt.  All diese Aspekte machen aus Stine einen besonderen Menschen.

 

Wie war das mit der Recherche? Gibt es noch viel Material über Stine   oder glich die Suche eher der berühmten Nadel im Heuhaufen?

Schriftlich gab es nur die Trauerrede. Im Grunde war es so, dass ich durch einen Ansprechpartner zum nächsten kam – Verwandte, Pastoren, Nachbarn, Tierärzte, Landwirte und der Betreuer, den sie zum Ende ihres Lebens hatte, gehörten dazu.

 

Was war die größte Überraschung bei Ihren Recherchen, und haben Sie etwas herausgefunden, was Sie  nicht gewusst haben?

Ich wusste, dass sie besonders ist. Aber dass sie so etwas Besonderes ist, hat mich doch ein bisschen überrascht und gefreut. Vieles, was ich bei meinen Recherchen herausgefunden habe, war mir vorher so nicht bekannt gewesen.

 

Gibt es etwas, wofür Sie diese eigenwillige Frau bewundern?

Dafür, dass sie authentisch war, für ihren Umgang mit den Tieren, ihren Humor und ihre Zufriedenheit.

 

Glauben Sie, dass Stine, wenn sie noch  unter uns wäre, irgendetwas anders machen würde?

Heute würde sie mit ihrer Art Hofführung bei den Behörden sicher nicht mehr so durchkommen, aber sonst? Nein! Stine war einfach echt und hat sich schon damals nicht von äußeren Umständen abschrecken lassen. Und das würde sie auch heute nicht tun, glaube ich.

 

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