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Husumer Nachrichten

11. Dezember 2016 | 07:17 Uhr

IHK zur Reaktivierung der Route Flensburg-Niebüll : Marschbahn-Ausbau hat weiter Vorrang

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Irritationen um eine Reaktivierung der Strecke zwischen Flensburg und Niebüll: Die Industrie- und Handelskammer prüft das Projekt auf Herz und Nieren.

„Das Gerücht ist blind, aber es läuft schneller als der Wind“, besagt ein Sprichwort. Schneller als die Marschbahn dürfte es allemal sein, denn die zentrale Bahnstrecke an der Westküste muss seit Langem ertüchtigt werden. Darin sind sich alle Akteure aus Wirtschaft und Politik einig. Seit Jahrzehnten fordert die Region deshalb beim Bund gebetsmühlenartig den kompletten zweigleisigen Ausbau zwischen Klanxbüll und Westerland und die Elektrifizierung ein – bis heute vergebens. Auch mit dem Bundesverkehrswegeplan 2030, den das Bundeskabinett Anfang August verabschiedet hatte, gab es keinen Durchbruch.

Seitdem geistert als Alternative zu den altbekannten, aber nach wie vor nicht fruchtenden Forderungen nun vielmehr die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Flensburg und Niebüll durch die Region. Das Vorhaben bietet Chancen wie Risiken gleichermaßen. Vor allem an der Westküste wird befürchtet, dass letztere überwiegen und die Marschbahn durch ein Umlenken von Fernverkehren an die Ostküste zusätzlich geschwächt würde (wir berichteten). Der Industrie- und Handelskammer zu Flensburg wird immer wieder zugeschrieben, sie treibe das Projekt der Strecken-Reaktivierung aktiv voran.

Dabei haben ihre mehr als 41.000 Mitgliedsunternehmen im Norden und Westen Schleswig-Holsteins durchaus unterschiedliche Interessen. Da die IHK die alternativen Bahnverkehrs-Pläne in ihrer Veranstaltungsreihe zur Energiewende auf der Schiene thematisierte, hatte sich der Eindruck – von der Kreis- bis hinaus zur Landespolitik – bei vielen verfestigt, die IHK habe sich schon festgelegt.

Doch der Fall liegt offensichtlich anders: Während sich der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Dirk Nicolaisen zuletzt gegen ein „Denkverbot“ ausgesprochen hatte, gibt es inzwischen zusätzlich eine Klarstellung der Kammer: „Die Reaktivierung der Bahnstrecke Flensburg-Niebüll wird durch die IHK Flensburg nicht befördert – und dies noch weniger auf Kosten einer Ertüchtigung der Marschbahn“, präzisiert Pressesprecherin Petra Vogt. Vielmehr habe die IHK-Vollversammlung beschlossen, ein solches Projekt zu prüfen, um mögliche Vorteile sorgfältig mit Gegenargumenten abzuwägen, „um so zu einer begründeten Position zu kommen“. Die Überlegung dabei: „Die Reaktivierung und gleichzeitige Elektrifizierung der seit 1981 nicht mehr für den Personenverkehr genutzten Strecke von Flensburg nach Niebüll – geschätzte Kosten 30 bis 40 Millionen Euro – würde den Nordwesten Schleswig-Holsteins direkt mit der Hauptstrecke Hamburg-Flensburg verbinden und „mit vergleichsweise geringem Aufwand eine Elektrifizierung bis nach Westerland erlauben“, wobei Absatzmöglichkeiten für regional erzeugten Windstrom geschaffen werden könnten. Alle Vorteile, Einsparungen und den tatsächlichen Kostenrahmen möchte die IHK zunächst genau untersucht wissen.

Ungeachtet dessen hat „die Marschbahn-Ertüchtigung aus Sicht der IHK Flensburg eindeutig Vorrang“, unterstreicht die Sprecherin. In der Tat findet sich dies auch explizit in den „Energiepolitischen Positionen“ der Kammer an vorderer Position wieder: Danach bedarf diese sogenannte Kursbuchstrecke 130 einer weiteren Kapazitätserweiterung, damit sie ihre Funktion – nicht zuletzt im touristischen Verkehr Richtung Sylt – dauerhaft erfüllen könne. Zu berücksichtigen sei dabei, dass die heute Lok-bespannten IC-Züge nach 2020 schrittweise auslaufen und durch elektrische Triebzüge ersetzt würden. „Soll auch langfristig ein Fernverkehrsangebot an der Westküste erhalten bleiben, so ist eine Elektrifizierung dafür – zumindest nach heutigem technologischen Stand – unabdingbar“, heißt es in der IHK-Position.

Politisch bleibt eine Reaktivierung der Strecke Flensburg-Niebüll ohnehin umstritten: Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Verkehrsminister Reinhard Meyer hatte sich unlängst bei einer internen Gesprächsrunde auf Sylt dagegen ausgesprochen – mit dem Hinweis: „Die Westküste darf nicht abgekoppelt werden.“ Auch Landrat Dieter Harrsen – „Niebüll-Flensburg ist eine Fata Morgana und lenkt ab von dem, was wir an der Westküste eisenbahntechnisch benötigen“ – und Nordfrieslands Christdemokraten hatten davor gewarnt, die Marschbahn zu schwächen.

Dagegen macht der Husumer Grünen-Landtagsabgeordnete Andreas Tietze eine andere Rechnung auf: „Wir können noch 30 Jahre krakeelen, wir kriegen sie nicht“, sagt er mit Blick auf die geforderte Elektrifizierung. Bei geschätzten 280 bis 300 Millionen Euro Kosten rechne sich diese schlicht und einfach nicht. Und ohne Vollelektrifizierung an der Westküste werde es „auf Dauer schwierig, die Marschbahn in der jetzigen Form zu halten“.

„Wir müssen uns dieser Innovations-Diskussion stellen“, sagt Tietze deshalb mit Blick auf Überlegungen in punkto Strecken-Reaktivierung. Um den Erfordernissen des Tourismus – mit den Gäste-Magneten Sylt, Föhr und Amrum –, aber auch den Interessen im Nahverkehr an der Westküste Rechnung zu tragen, hält er einen intelligenten Mix aus Infrastruktur-Ausbau, Elektrifizierung und einem attraktiven Netzplan für erforderlich. Denkverbote darf es auch nach seiner Ansicht nicht geben: „Pünktlichkeit und Schnelligkeit entscheiden.“

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erstellt am 27.Sep.2016 | 16:00 Uhr

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