zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

29. Juni 2016 | 18:27 Uhr

Opfer von Einbrüchen : Manchmal hilft nur ein Umzug

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Einbruchs-Opfer leiden oft noch lange unter den Folgen. Manche Menschen sind regelrecht traumatisiert. Der Weiße Ring steht ihnen zur Seite – wie den beiden Husumerinnen Gudrun K. und Eva D.

Für die Versicherung ist es ein einfacher Schadensfall, für den Betroffenen womöglich einer von bleibender Wirkung. Fast jeden Tag gibt es in und um Husum Einbrüche und Einbruchsversuche. Für die Geschädigten heißt das: aufgehebelte Türen, eingeschlagene Fenster, aufgebohrte Türschloss-Zylinder, manchmal Chaos und Verwüstung. Aber damit nicht genug. Für viele Betroffene steht die Welt auch Wochen und Monate nach dem Einbruch noch immer Kopf. Sie fühlen sich dort, wo sie zu Hause sind, nicht mehr sicher – stehen neben sich, ja einige sogar unter Schock. „Schlimmstenfalls kann sich so etwas zu einem handfesten Trauma auswachsen“, weiß Ulrike Lemke, Außenstellenleiterin des Weißen Ringes Nordfriesland-Süd. Mit ihrem ehrenamtlichen Team kümmert sie sich um die Opfer. „In guter und enger Zusammenarbeit mit der Polizei“, sagt Lemke, die selbst Kriminalkommissarin war und daher auch fachlich über einen geschulten Blick verfügt. Aber wichtiger als kriminalistische sind in diesem Fall die psychologischen Aspekte.

„Mein Haus ist meine Burg“ – so hätten wir es gern. Ein Zufluchtsort, an dem wir abschalten, uns mit vertrauten Dingen umgeben, tun und lassen können, was wir wollen. Und dann ein so massiver Eingriff in die Privatsphäre. „Für viele Menschen ist danach nichts mehr, wie es wahr“, berichtet Lemke.

Zum Beispiel für Gudrun K. (Namen wurden von der Redaktion geändert). Die Husumerin lebte lange Zeit zur Miete, sparte auf ein eigenes Haus. Die Vorfreude auf ihr eigenes Heim war riesig, und Gudrun K. sollte nicht enttäuscht werden: Das Haus übertraf alle ihre Erwartungen. „Ich fühlte mich restlos geborgen.“ Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Als sie aus einem Urlaub zurückkehrte, glich ihr Domizil einem Schlachtfeld. Einbrecher hatten die Terrassentür aufgehebelt und danach alles auf den Kopf gestellt. „Seither fühle ich mich im eigenen Haus nicht mehr sicher“, sagt Gudrun K. , während sie mit den Tränen kämpft.

„Sie müssen sich vorstellen, dass Einbrecher – noch dazu professionelle – sehr zielorientiert vorgehen. Wenn sie nicht gestört werden, drehen die jeden Stein um“, erläutert Ulrike Lemke. Viele Geschädigte, vor allem Frauen, täten sich auch so schwer, solch einen Vorfall zu verarbeiten. „Stellen Sie sich vor, die Täter haben bei ihrer Suche nach Wertgegenständen die gesamte Unterwäsche durchwühlt, Büstenhalter und Slips in Händen gehalten. Manch einer wird diese Bilder nicht mehr los“, erklärt Lemke.

So ging es auch Eva D., die in einem Mehrfamilienhaus wohnt und sich dort lange sehr wohl gefühlt hat. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem sie „nur mal schnell zur Nachbarin rüberging“ und – wie viele Male zuvor – die Terrassentür offen stehen ließ. Als sie eine Viertelstunde später zurückkehrte, wunderte sie sich nur, dass der Hausschlüssel nicht mehr da war. „Aber noch bevor ich die Sache richtig begriff“, schubste mich ein junger Mann mit Kapuze zur Seite und floh aus der Wohnung. Wütend nahm Eva D. die Verfolgung auf – mit einer Bratpfanne in der Hand. Doch der junge Mann konnte fliehen, Handy und Portemonnaie waren weg. Im ersten Moment fehlten Eva D. allerdings vor allem die Zigaretten. „Ich hätte auf den Schreck zu gern eine geraucht“, sagt sie mit verkniffenem Lächeln. Aber auch ihre Glimmstengel hatte der Täter mitgehen lassen.

Zuhause wollte Eva D. nicht bleiben, quartierte sich zunächst bei einer Freundin ein. Gemeinsam mit den Betreuern vom Weißen Ring ging sie in den kommenden Wochen und Monaten daran, sich ihre Wohnung im besten Wortsinn „Stück für Stück zurückzuerobern“. Aber die Ängste blieben, und sie wurden stärker: „Ich habe nicht mehr bei offenem Fenster schlafen können.“ Und als ihr Sohn – „er hat einen Schlüssel für meine Wohnung“ – einmal die Tür nur zugezogen und nicht hinter sich abgeschlossen hatte, traute sie sich nicht mehr in die eigene Wohnung hinein.

Es war ein schleichender Prozess. Nach dem Einbruch wusch sie zunächst sämtliche Kleidungsstücke aus – einmal, zweimal, ein drittes Mal. „Und beim Duschen zog ich nicht mehr den Vorhang zu.“ Es dauerte Wochen, bis sich Eva D. wieder ins eigene Bett legte, denn auch das hatten die Täter eingehend durchwühlt. Als dann noch neue Nachbarn einzogen und im Oktober vergangenen Jahres die neue Einbruchsserie begann, „geriet ich abermals ins Wanken“. Inzwischen steht fest: „Ich werde mir eine neue Wohnung suchen.“ Eine Freundin habe mal gesagt: „Mensch, das ist so lange her, das musst Du doch längst vergessen haben. Aber das habe ich nicht.“ Stattdessen plagen Eva D. „ungesunde Gedanken“ und rauben ihr die Energie.

Tatsächlich sind die Reaktionen auf einen Einbruch so unterschiedlich wie die Charaktere der Menschen, denen sie widerfahren. Der eine verbringt plötzlich mehr Zeit bei der Arbeit als zu Hause, bis er merkt, dass er das nur tut, weil er sich zu Hause nicht mehr sicher fühlt. Ein anderer versucht so zu tun, als habe es den Vorfall gar nicht gegeben. Aber auch das gelingt nicht immer.

„Männer versuchen das Ganze cooler zu nehmen“, sagt Ulrike Lemke. Frauen täten sich da schwerer, hat sie beobachtet. Die Folgen seien Schlaflosigkeit und innere Unruhe, aber auch Misstrauen und Verschlossenheit. Manche fangen auch an, sich zu verbarrikadieren. „Wir legen dann gemeinsam eine Zeitspanne fest, wann sich die Opfer in ihren Wohnungen oder Häusern wieder wohlfühlen wollen“, berichtet die einstige Kripo-Frau. In der Zwischenzeit werden Gespräche geführt und nötigenfalls Psychologen hinzugezogen – unbürokratisch und schnell. Aber in manchen Fällen hilft am Ende nur der Umzug.

Der Weiße Ring hilft Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind und kümmert sich auch um deren Angehörige. Der 1976 gegründete Verein tritt für die Interessen der Betroffenen ein und unterstützt Präventionsmaßnahmen. Geschädigte können sich an mehr als 3000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in 420 Außenstellen wenden. Zu den Leistungen des Weißen Ringes zählen:

> Menschlicher Beistand und persönliche Betreuung nach einer Straftat

> Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht

> Vermittlung von Hilfen > Außendienstleiterin Ulrike Lemke ist unter Telefon 04861/6176543 oder per E-Mail (u.lemke.weisserring@t-online.de) erreichbar.

zur Startseite

von
erstellt am 31.Jan.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen