zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 10:41 Uhr

Serie: Risiko-Piste B 5 : Leben retten mit Schere und Spreizer

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wenn es auf der Bundesstraße 5 wieder einmal kracht, sorgt die Feuerwehr dafür, dass sich Ärzte und Sanitäter so schnell wie möglich um die Verletzten kümmern können.

Die Bundesstraße 5 gilt als wichtigste Verkehrsader Nordfrieslands – und als gefährlichste. Immer wieder ereignen sich dort schwere Unfälle – nicht wenige mit tödlichem Ausgang. Warum passiert so viel? Wie kann man die Strecke sicherer machen? Fragen wie diesen gehen wir auf den Grund. In unserer Serie „Risiko-Piste B 5“ kommen unter anderem Unfallopfer, Polizisten, Rettungsassistenten und Verkehrs-Experten zu Wort.

Eingeschlagene Autoscheiben, zerschnittene Anschnallgurte, zerstörte Sitze und herausgerissene Türen. Der rote Kleinwagen bietet einen erbärmlichen Anblick.

„Genau so sehen Pkw nach einem schweren Verkehrsunfall auf der B 5 aus, wenn wir eingeklemmte Unfallopfer bergen mussten“, sagt Kreiswehrführer Christian Albertsen und blickt in die völlig derangierte Fahrgastzelle. Dieses Auto – oder was davon übrig ist – stammt glücklicherweise von einem Schrottplatz und steht zusammen mit zwei weiteren Wracks auf dem Hof der Kreisfeuerwehrzentrale in Husum. Sie wurden angeschafft, damit die Männer und Frauen der Freiwilligen Feuerwehren den Umgang mit Rettungsschere und Spreizer üben können – Werkzeuge, die unter Umständen über Leben und Tod entscheiden.

„Wir sorgen dafür, dass sich Ärzte und Rettungsassistenten so schnell wie möglich um die Verletzten kümmern können. Oft sind die Unfallopfer eingeklemmt und müssen mit schwerem Gerät befreit werden“, erklärt der Viöler. Und schwer sind Schere und Spreizer tatsächlich. Sie wiegen jeweils rund 24 Kilogramm. „Das ist Knochenarbeit. Halten Sie so ein Ding mal über dem Kopf, zum Beispiel, wenn ein Auto im Graben liegt. Dann wissen Sie, was ich meine“, macht er deutlich.

Christian Albertsen verantwortet seit 14 Jahren als oberster Brandmeister des Kreises die Organisation von 132 Freiwilligen Feuerwehren. Rund 162.000 Menschen leben in Nordfriesland. Dem stehen nur 5384 Kameraden gegenüber, erklärt der Kreiswehrführer nachdenklich, dem der Mitgliederschwund großen Kummer bereitet. In den 36 Jahren, die er bei der Feuerwehr aktiv ist, hat er schon viele Einsätze gehabt, bei denen er die Rettungsschere benutzen musste. Und trotz seiner langjährigen Erfahrung habe auch er an so einigen Dingen, die er im Einsatz mitansehen musste, zu knabbern. „Der Psychosoziale Dienst, der bei uns seit acht Jahren im Aufbau ist, gewinnt immer mehr an Bedeutung“, erklärt der 49-Jährige. Gerüche, Geräusche, Bilder – banale Dinge können dazu führen, dass bei Feuerwehrleuten Erlebnisse wieder hochkommen, die sie verdrängt haben. Ein Phänomen, das „Flashback“ genannt wird. „Solange ich unter Leuten bin, ist alles gut. Doch Zuhause kommt dann das Kopfkino. Und das geht vielen Kameraden genauso.“

Neben der Bergung helfen die Feuerwehrleute auch dabei, die Unfallstelle abzusperren, für Ordnung zu sorgen und aufzuräumen. Dabei arbeiten sie eng mit der Polizei zusammen. In einigen Fällen stehen ihnen dabei Schaulustige im Weg. Manchmal müssten sich die Einsatzkräfte Pöbeleien oder Handgreiflichkeiten gefallen lassen, wenn sie die ungebetenen Zuschauer auffordern, Platz zu machen, so Albertsen. „Das ärgert uns schon. Aber andere Verkehrsteilnehmer – auch wenn sie es noch so eilig haben – können warten, Schwerverletzte nicht.“

Nicht allein auf der B 5, auch auf der B 199 und der B 200 ereignen sich zahlreiche Unfälle, gibt der Brandmeister zu bedenken. Woran liegt es denn aus Sicht der Feuerwehr, dass es auf den Straßen so oft kracht? Kreisgerätewart Heiko Feddersen, der gerade in der Atemschutzwerkstatt der Zentrale die Masken prüft, hält sein Smartphone in die Höhe. „Daran“, sagt er. Albertsen nickt. „Die Leute sind einfach zu unaufmerksam, schreiben und lesen ihre Nachrichten während der Fahrt, anstatt kurz rechts ranzufahren“, sind sich die beiden einig. Doch auch Touristen, die aufs Gaspedal treten, um ihre Fähre noch zu erreichen, unterschätzten die Gefahrenpunkte der B  5. Die steigende Verkehrsdichte gebe ihm zu denken, sagt Albertsen. Die Bundesstraßen seien voll – auch mit Schwerlastverkehr, der die Autobahnen umfährt, um die Maut zu sparen. Und daran werde ein Ausbau der B  5 auch nichts ändern, sind Feddersen und Albertsen überzeugt.

„Die sind jetzt auch so langsam endgültig durch“, meint der Feuerwehr-Chef, als er an den völlig zerpflückten Autowracks vorbeigeht. „Sie werden bald abgeholt und es kommen neue vom Schrottplatz.“ Und dann wird weiter geübt – für den Ernstfall.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen