zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

26. September 2016 | 22:45 Uhr

Uni Kiel : Kritik an Rechtsextremismus-Studie: Jeder zehnte Schüler in Nordfriesland rechts?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kreispolitiker setzen sich mit einer Regionalanalyse der Universität Kiel auseinander – und sind mit der Art der Datenerhebung überhaupt nicht einverstanden.

Husum | Hitzige Diskussionen, hochrote Politiker-Köpfe und eine leichenblasse Referentin: In der gemeinsamen Sitzung des Kultur- und Bildungsausschusses und des Jugendhilfeausschusses des Kreises sorgte eine Studie der Universität Kiel für Zündstoff. Das Thema der Regionalanalyse: Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein. Danach soll mehr als jeder zehnte Schüler in Nordfriesland rechtsextreme Ansichten haben.

Die Studie der Uni Kiel sieht fremdenfeindliche, nationalistische und rassistische Einstellungen in Deutschland als „mehr als nur ein Randphänomen“. Als rechtsextrem wird eine Haltung gewertet, die all jene abwertet, „die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, ihres sozialen Status oder ihrer körperlichen Merkmale nicht alszugehörig zur eigenen Gemeinschaft erscheinen“. Auch in Flensburg wurde allerdings die Methodik der Studie kritisiert: Dort wurden 87 Schüler befragt, in NF 233.

Doch von vorn: Nachdem die Ergebnisse Ende Juni im Kieler Landeshaus vorgestellt wurden, schrillten bei den Mitgliedern der grünen Kreistagsfraktion die Alarmglocken. Sie brachten zur Kreistags-Sitzung einen Dringlichkeitsantrag ein und drangen darauf, dass man sich intensiv mit den Ursachen für diese erschreckenden Ergebnisse auseinandersetze. So wurde im Kreistag beschlossen, dass Experten befragt werden sollen. Bei der Ausschuss-Sitzung war auch Antje Gansewig vom Kieler Innenministerium zu Gast, die die Studie noch einmal vorstellte.

Unter der Federführung von Prof. Thomas Bliesener wurden 2014 rund 3000 Schüler der Klassen 7 bis 9 an allgemeinbildenden sowie 400 Jugendliche und junge Erwachsene an beruflichen Schulen in weiten Teilen Schleswig-Holsteins befragt, um der Einstellung und dem Verhalten des Nachwuchses auf den Grund zu gehen. Dabei ergab sich ein Nord-Süd-Gefälle. Denn im Landgerichtsbezirk Flensburg, also in den Kreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg sowie der Stadt Flensburg habe laut Studie rund jeder achte Schüler rechtsextrem-affine Haltungen. Dem steht der Landgerichtsbezirk Itzehoe (Kreise Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg) gegenüber, in dem das nur auf rund jeden 25. zutrifft. Im Landesschnitt ist es jeder zwölfte Schüler. Doch auch Lehrer, Polizisten und Sozialarbeiter kommen in der Regionalanalyse zu Wort. Rund ein Drittel von ihnen glaubt, dass Rechtsextremismus im Norden zugenommen hat.

Die Gremiums-Mitglieder hatten sich gut vorbereitet. Viele von ihnen hatten den 160-seitigen Abschlussbericht der Studie oder die 52-seitige Kurzfassung von April 2016 vor sich liegen. Zahlreiche Stellen waren rot oder gelb angemarkert. Es dauerte nicht lange, da gab es schon den ersten Einwurf. „Das kann doch nicht repräsentativ sein, wenn von fast 13.000 Berufsschülern in Nordfriesland und Flensburg nur 54 beziehungsweise 16 befragt wurden?“, monierte ein Mitglied. Auf die Idee, die Berufsschüler zu befragen, sei man erst sehr spät gekommen, als die Laufzeit der Studie sich bereits dem Ende näherte, so Gansewig. „Deshalb weisen die Verfasser auch ausdrücklich darauf hin, dass diese Ergebnisse nicht repräsentativ sind.“ Sie betonte, dass sie nicht zu den Autoren gehöre, sondern lediglich als Vortragende vor Ort sei. Eine undankbare Aufgabe, wie sich schnell herausstellte. Denn die Kritik wurde immer lauter.

„Ich halte das Ganze für eine statistische Luftgitarre“, sagte auch Finn Brandt, Leiter der Kreis-Berufsschule in Niebüll, der als Experte geladen war. Ihm gehe es gegen den Strich, dass Berufsschüler ständig unter Generalverdacht stünden. Durchschnittlich tendieren Berufsschüler laut Studie eher zu rechtsextremen Einstellungen als die der allgemeinbildenden Einrichtungen. So haben beispielsweise 53,8 Prozent die positiv formulierte Aussage abgelehnt, dass Ausländer willkommen geheißen werden sollen. Bei den Schülern der allgemeinbildenden Schulen im Landgerichtsbezirk Flensburg waren es 23 Prozent. „Berufsschule ist auch nicht gleich Berufsschule. Es macht schon einen Unterschied, ob es sich um eine berufliche Vollzeitklasse, die Fachschule für Erzieher oder das Fachgymnasium handelt. Das ist überhaupt nicht berücksichtigt worden“, gibt Brandt zu bedenken. „Ich halte die Studie aber nicht nur aus mathematischen Gründen für bedenklich. Der Mikrokosmos Schule bildet unsere Gesellschaft ab. Das ist etwas anderes als reines Zahlenmaterial.“ Auf die Frage, ob seine Schule an der Erhebung teilgenommen habe, konnte Brandt nur mit „Nein“ antworten. Er sei gar nicht angeschrieben worden, sagte er. Frank Zahel (CDU) bezeichnete die Analyse als „irritierend und kompliziert“. Vor allem wurde aber bemängelt, dass nur 233 Schüler an der Befragung teilgenommen haben, die die allgemeinbildenden Schulen in Nordfriesland besuchen.

Dann waren die Experten am Zug. „Ich will Frau Gansewig in Schutz nehmen. Sie hatte die undankbare Aufgabe, diese schlechte wissenschaftliche Arbeit vorzustellen. Aber eines macht die Studie doch klar: Wir haben keinen Grund, uns zurückzulehnen“, erklärte Torsten Nagel vom Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus Flensburg. Er machte deutlich, dass es mittlerweile eine neue Form des Rechtsextremismus gebe, und wer dort aktiv sei, müsse nicht unbedingt Springerstiefel tragen.

Sowohl die beiden Leiter der Beruflichen Schulen Niebüll und Husum als auch die Vertreter der Regionalschule Nord in Husum waren sich einig, dass sie alle ihre Antennen schärfen und wachsam sein müssen – denn viel spiele sich verdeckt ab. Auffälligkeiten konnten sie an ihren Einrichtungen bislang aber nicht feststellen.

Am Ende der dreistündigen Sitzung äußerte Ulrich Stellfeld-Petersen (SSW) aber auch Kritik am Vorgehen der eigenen Reihen. „Wir reden viel, machen aber unterm Strich zu wenig. Im Gegenteil: Wir bauen sogar soziale Leistungen ab. Kein Wunder, dass die Leute dann auf dumme Gedanken kommen.“

 

Rote Warnlampen – ein Kommentar von Patricia Wagner

 

Da müssen die Wissenschaftler der Uni Kiel wohl nochmal ran. Nichts ist schlimmer als eine Studie, die auf Anhieb und mit Leichtigkeit zerpflückt werden kann – so wie es im Husumer Kreistagssitzungssaal passiert ist. Schade, denn das Thema Rechtsextremismus ist es allemal wert, Ursachenforschung zu betreiben. Bei aller Kritik an der Datenerhebung: Die Tendenz ist unverkennbar. Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung mehr und macht auch nicht vor Jugendlichen halt. Da sollten bei uns alle roten Warnlampen angehen. In den Köpfen der jungen Leute tut sich was, und sie geben ein gesellschaftliches Stimmungsbild wieder – das heute noch dramatischer ist als vor zwei Jahren. Grund genug für die Forscher, nachzubessern und beim nächsten Mal den Lesern der Studie die ein oder andere konkrete Handlungsempfehlung mit auf den Weg zu geben.

 

 

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen