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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 21:29 Uhr

Nordfriesland : Kreis will Wohnberatung beerdigen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

39 ehrenamtliche Wohnberater in Nordfriesland sollen jetzt in einem eigenen Verein weitermachen. Die Begründung: Ihre Arbeit wird angeblich von Profis bereits hinreichend geleistet.

Ein großes Haus mit paradiesischem Garten am Ortsrand von Leck: Konrad und Liesbeth Breckau feierten dort gestern ihre eiserne Hochzeit. Um ein Haar hätten sie ihre Gäste in einer in der Nähe gelegenen Senioren-Einrichtung empfangen müssen, denn 2014 standen sie unmittelbar vor einem Umzug ins Heim. Die Ehefrau bedarf ständiger Betreuung, die Konrad Breckau immer schwerer gefallen war. Die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, das kleine Duschbad im Erdgeschoss – das waren auch hier zwei der klassischen Hürden, die vielen ein langes Leben in den eigenen vier Wänden irgendwann unmöglich machen.

Rechtzeitig fiel ihm ein Flyer des Pflegestützpunktes des Kreises in die Hände, in dem eine kostenlose Wohnraum-Beratung angeboten wurde. Die übernahm auf Bitten des Kreises Helmut Stauss aus Leck, einer der 39 ehrenamtlichen Wohnberater, die in Sachen Barrierefreiheit und Energieeffizienz 2012 und 2013 aus Mitteln des Landesprogramms „Qualifizierung des Handwerks – Wohnen in Stadt und Land“ durch den Kreis geschult und in feierlichem Rahmen zertifiziert worden waren. Architekten, Energieberater und Handwerker zählten neben anderen zu den Referenten, die die Ehrenamtler unterrichtet hatten. Der Clou an der Sache: Sie sollten befähigt werden, Bürger Nordfrieslands niederschwellig und vor allem kostenfrei in ihrem privaten Umfeld so zu beraten, dass ihnen lange ein Leben daheim möglich ist.

Doch seit einem Jahr kümmert sich seitens des Kreises keiner mehr um die ehrenamtlichen Wohnberater, ist zumindest der Eindruck eines halben Dutzends von ihnen, die sich kürzlich an unsere Zeitung wandten und ihr Leid klagten: Unklarheit, in welchem Fachdienst ihr Projekt angesiedelt ist; kein Protokoll einer als kreativ empfundenen Sitzung im Sommer 2015; hinhaltende Mails auf ihre Bitte um ein erneutes Treffen; neue Mitarbeiter beim Kreis, die sich erst einarbeiten müssten. Schließlich betonte jener neue Mitarbeiter, dass er kein Treffen arrangieren könne, weil er noch mit der wissenschaftliche Aufarbeitung (Evaluierung) befasst sei.

Die Gruppe ahnte insgeheim, was nun amtlich ist: Der Kreis will das Projekt, kaum geboren, schon wieder beerdigen. Die Verwaltung schlägt in einer Vorlage für den am 26. Mai tagenden Arbeits- und Sozialausschuss vor, aus dem Projekt mit den Ehrenamtlern auszusteigen. Falls sie selbst die Arbeit fortführen wollten, ließe sich über eine Anschubfinanzierung von 2000 Euro für die Gründung eines Vereins diskutieren. Doch die Arbeit werde von den Profis im Pflegestützpunkt, von den Beratern der Menschen mit Handicaps und von den ambulanten Pflegediensten hinreichend geleistet.

Die Sprecher können sich mit der Vereins-Idee nicht anfreunden, müssten sie dann sogar ihre Fahrtkosten selbst erwirtschaften – von der Finanzierung weiterer und stets erbetener Fortbildungen ganz zu schweigen. Sie denken eher darüber nach, bei einem anderen Träger unterzuschlüpfen. Wie wäre es, wenn Diakonie, Sozialverband, Kreishandwerkerschaften oder die Volkshochschule als Koordinatoren einsteigen würden, spekulieren sie. Dabei ist allerdings eines für sie klar: Sie wollen mindestens Fahrtkosten erstattet bekommen, ansonsten würde das Feuer, das sie als Ehrenamtler verspüren, erlöschen.

Wie sah nun die Hilfe aus, die dem Ehepaar Breckau zuteil wurde? Wohnberater Stauss brauchte nur zwei Stunden, um mit den Eheleuten folgende Ideen zu entwickeln, die Handwerker dann auch schnell umgesetzt haben: Konrad und Liesbeth Breckau haben ihr großes Wohnzimmer im Erdgeschoss geteilt, in der einen Hälfte ihr neues Schlafzimmer eingerichtet und nebenan ein rollstuhlgerechtes Duschbad einbauen lassen. „Wir sind heilfroh über diese Lösung, denn ich mit meinen 89 und meine Frau mit ihren 94 Jahren haben nun gute Chancen, unseren Lebensabend, wie geplant, daheim verbringen zu können – und das Heim wäre ja auch viel teurer.“

Genau das ist für die Wohnberater eines der wichtigsten Argumente, um das Projekt weiterzuführen. Stauss: „Vermeidbare stationäre Unterbringung spart dem Kreis viel Geld – das sollten Verwaltung und Politiker in ihre Überlegungen einbeziehen.“ Auf ganz andere Weise konnte Stauss in Niebüll helfen. Dort erläuterte er Thomas Holst und seiner Frau Hanni, dass die Pflegekasse zum Einbau des erforderlichen Treppenlifts 4000 Euro zuschieße.

Der Pressesprecher des Kreises, Hans-Martin Slopianka, verweist auf die Vorlage für den Sozialausschuss, in der der Kreis eine andere Rechnung aufmacht. Trotz vieler positiv verlaufener Beratungen seien für Schulungen, Öffentlichkeitsarbeit, Fahrtkostenerstattungen rund 103  000 Euro ausgegeben worden, bezogen auf 54 Wohnraum- und 24 Energieberatungen seien somit Kosten pro Fall von 1300 Euro angefallen. Die als hinhaltend empfundenen Äußerungen gegenüber der Gruppe seien auf die „Umbruchphase“ im Hause zurückzuführen gewesen – mit Umstrukturierungen und der neuen Zuordnung des Pflegestützpunktes beim Fachdienst Gesundheit.

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