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Husumer Nachrichten

01. Oktober 2016 | 20:56 Uhr

Nahverkehr in Nordfriesland : Kreis fährt auf Salzwedeler Konzept ab

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Kreis Nordfriesland ist auf der Suche nach neuen Formen der regionalen Mobilität. Ein Verkehrs-Konzept aus Sachsen-Anhalt könnte sich als Vorbild entpuppen.

Sich von gut funktionierenden Konzepten inspirieren zu lassen, um am Ende selbst eines zu haben, ist seit jeher eine Erfolg versprechende Methode. So holte sich der Wirtschaftsausschuss des Kreises Nordfriesland, der zurzeit mit dem Nachbarkreis Schleswig-Flensburg und der Stadt Flensburg an einem gemeinsamen Regionalen Nahverkehrsplan (RNVP) strickt, jetzt Know-how aus Sachsen-Anhalt ins Husumer Kreishaus. Das Gremium ließ sich über die Strategie und Organisation der Personenverkehrsgesellschaft Altmarkkreis Salzwedel mbH (PVGS) informieren – und zwar von deren Geschäftsführer Ronald Lehnecke und Diana Woll, seiner Managerin für Netzplanung und Service-Entwicklung im Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV).

Der Blick gen Südosten der Republik macht insofern Sinn, als der nach dem Landkreis Prignitz in Brandenburg am wenigsten besiedelte Kreis in Deutschland mit seinen 2293 Quadratkilometern nur „unwesentlich größer“ (Lehnecke) ist als Nordfriesland (2049 km²) – und dabei mit einer nur rund halb so großen Einwohnerzahl gesegnet (86.312). Eine derart geringe Bevölkerungsdichte, wie es sie 38 Einwohner pro Quadratkilometer darstellen, mit einem ebenso durchdachten wie durchgetakteten ÖPNV-Netz zu überziehen, mutet an wie eine logistische Höchstleistung. Im ländlich strukturierten Altmarkkreis Salzwedel mit seinen 58 Schulen, zu denen im Verkehrsplan weitere 16 Bildungseinrichtungen außerhalb des Landkreises zu berücksichtigen sind, scheint die PVGS diese Leistung mit Bravour vollbracht zu haben. Entsprechend hochachtungsvoll fielen im Ausschuss denn auch die Reaktionen auf die Ausführungen der Gäste aus dem Nordwesten Sachsen-Anhalts aus, der im Norden übrigens an den niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg stößt.

Nach dem Perikles-Motto „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf sie vorbereitet zu sein“ aus der griechischen Antike ging man in Salzwedel auf die Suche nach neuen Formen der Mobilität – ausgerichtet auf die Rahmenbedingungen des demografischen Wandels seit 2008. Daraus wurden maßgeschneiderte Angebote entwickelt, denen die PVGS keine geringeren Attribute als „lebensnah“, „zuverlässig“ und „omnipräsent“ anheftet. Am Ende stand ein gut verzahnter Mix aus den Verkehrsträgern Bahn, Linien- und Rufbus – mit der Schülerbeförderung als Rückgrat. „Wir führen jährliche Abstimmungsgespräche mit allen Schulen, Elternvertretern und Gemeinden und geben anschließend einen Flyer heraus“, erklärte Lehnecke.

Der ÖPNV im Altmarkkreis Salzwedel zeichnet sich heute insbesondere durch sein flächendeckendes und untereinander vertaktetes Fahrplanangebot mit hoher Verfügbarkeit für sämtliche Orte aus. Das Netz wird an allen Wochentagen im Zwei-Stunden-Takt von etwa 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends bedient – über insgesamt 1100 Haltestellen. Dabei ist der Rufbus, der in der Regel als Zubringer zu den Hauptlinien genutzt wird, laut Lehnecke ein „echtes Pfund“ im System. Das belegt auch die Statistik: Entfielen auf diesen Verkehrsträger 2007 noch 2880 Fahrgäste, so stieg deren Zahl seit Einführung des neuen Fahrplanangebotes am 25. August 2008 beinahe explosionsartig auf zuletzt etwa 80.000 im Jahr.

Die 118 Mitarbeiter zählende PVGS ist mit 81 zum Teil erdgasbetriebenen Standardlinien- und Kleinbussen als alleiniger Konzessionär unterwegs. Gesellschafter des in der Kreisstadt Salzwedel und in Gardelegen sitzenden Unternehmens ist zu 100 Prozent der Altmarkkreis. Das Land Sachsen-Anhalt macht jährlich einen Zuschuss in Höhe von einer Million Euro locker – für die strukturelle Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel (Lehnecke: „Da sind Ideen und Lösungen gefragt!“) gab es keinen Cent obendrauf. Eine Optimierung ohne zusätzlichen finanziellen Aufwand – das hat Charme. „Hier in Nordfriesland gibt es dagegen Prognosen, dass uns das Ganze ein bis zwei Millionen Euro mehr kostet“, bedauerte Landrat Dieter Harrsen.

Womit die Beteiligten bei der Gretchenfrage wären, in welcher Form die hiesigen RNVP-Planer Honig aus dem Salzwedeler Vorbild saugen könnten. In seiner Antwort beschönigte der Gastredner nichts: „Abgesehen von der unterschiedlichen räumlichen Struktur gibt es in Nordfriesland einen deutlich größeren Wettbewerb. Bei sechs bis sieben Anbietern bestmögliche Auslastung und Betriebsabläufe zu erzielen, ist ein schwieriges Unterfangen.“ Noch dazu eines, das weitere Ausgaben nach sich ziehen werde, wie Burkhard Jansen, Fachbereichs-Leiter für Kreisentwicklung, Bau und Umwelt der Kreisverwaltung, noch einmal betonte: „Wenn das Gutachten auf dem Tisch liegt, wird eines der Ergebnisse sein, dass die Umsetzung nicht zum gleichen Preis wie jetzt zu leisten ist. Wundern Sie sich darüber nicht: Das ist der Situation in Nordfriesland geschuldet.“ Alles in allem enthalte das Konzept der PVGS aber natürlich viele wünschenswerte Standards. Einer davon ist der Rufbus, für den es bereits ein positives Beispiel in Ladelund gibt.

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