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Husumer Nachrichten

01. Juli 2016 | 06:32 Uhr

Kreis Nordfriesland : Kliniken sollen gesundschrumpfen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Millionen-Defizit in Nordfrieslands Kliniken: Ein Gutachter schlägt vor allem für Tönning und Niebüll harte Einschnitte vor. Der Kreistag entscheidet im Dezember über die Empfehlungen.

Der Kreis Nordfriesland zieht die Reißleine: Angesichts von fortwährenden Millionen-Verlusten im Klinikum Nordfriesland und seinen vier Häusern mit 429 Betten in Husum, Tönning, Niebüll und Wyk soll noch in diesem Jahr ein Rettungskonzept auf den Weg gebracht werden. Als Grundlage dienen Handlungsempfehlungen des Diplom-Kaufmanns Karl-Heinz Vorwig – er war bis September Kaufmännischer Vorstand der Diako Flensburg.

Der Gutachter rät zu einem Bündel betriebswirtschaftlicher Maßnahmen, das harte Einschnitte vor allem für die Klinik-Standorte Tönning und Niebüll bedeuten würde. Bei einem Pressegespräch mit Kreispräsident Heinz Maurus und Landrat Dieter Harrsen im Husumer Kreishaus zeigte er jedoch auf, dass daran kein Weg vorbeiführt, wenn auch in Zukunft flächendeckend eine qualitativ hochwertige medizinische Grund- und Regelversorgung für Nordfriesland sichergestellt werden soll. Vorwig: „Es hört sich ziemlich brutal an, aber wenn man betriebswirtschaftlich überleben will, gibt es keine Alternative dazu.“

Das Konzept von Karl-Heinz Vorwig hat folgende Bausteine:

❍Klinik Tönning: Patienten werden in Zukunft in einem medizinischen Versorgungszentrum ambulant behandelt. Die derzeitige stationäre Versorgung in der kleinsten nordfriesischen Festlands-Klinik soll eingestellt, die Adipositas-Abteilung nach Husum verlagert werden. Mit nur 29 Betten und 2500 stationär aufgenommenen Erkrankten könne die Tönninger Klinik angesichts seiner Fixkosten nicht mehr wirtschaftlich arbeiten.

❍Klinik Niebüll: An dem 124-Betten-Standort plädiert der Gutachter für den Ausbau der geriatrischen Kapazitäten sowie den Erhalt einer inneren Abteilung mit Ergänzung durch ein medizinisches Versorgungszentrum in Kooperation mit der Diako Flensburg. Die Niebüller Chirurgie soll in eine Tages-Chirurgie umgewandelt werden, die gynäkologische Abteilung mit der Geburtshilfe sowie die HNO-Abteilung hingegen geschlossen werden.

❍ Klinik Husum: Der größte nordfriesische Klinik-Standort (258 Betten) sollte laut Gutachten gestärkt werden. Er soll die in Tönning und Niebüll wegfallenden Angebote, insbesondere in der Geburtshilfe, aufnehmen. Allerdings rät der Gutachter, die Husumer Neurochirurgie- und die Physiotherapie-Abteilung zu überprüfen und bei unveränderten Defiziten zu schließen. Auch in anderen Bereichen – wie Küche, Sterilgut-Versorgung oder beim Controlling – sieht Vorwig Potenzial für Optimierungen.

❍Klinik Wyk:Für die Inselklinik Föhr-Amrum in Wyk mit nur 18 Betten schlägt der Gutachter keine weiteren Veränderungen vor, nachdem in der kleinsten der vier Kliniken eben erst die Geburtshilfe geschlossen worden war (wir berichteten). Solange die Krankenkassen ihren jährlichen Sicherstellungszuschlag gewähren, könne auch der Standort aufrechterhalten werden, so die Botschaft.

Die über kurz oder lang drohende Insolvenz der gemeinnützigen Klinikums-Gesellschaft hatte die Nordfriesen – nach den vor drei Jahren gescheiterten Fusions-Verhandlungen mit dem Westküsten-Klinikum in Heide – zuletzt bewogen, mit der Diako Flensburg als möglichem Partner zu verhandeln. Angesichts der desaströsen Finanzsituation der NF-Kliniken liegt eine ganz enge Kooperation bis hin zur Fusion jedoch erst einmal auf Eis.

„Erst wenn die Hausaufgaben gemacht sind, ist der Weg auch frei für eine nachhaltige Kooperation“, sagte Landrat Harrsen. „Wir gehen davon aus, dass der Umstrukturierungsprozess um die drei Jahre dauern wird“, ergänzte Maurus. Beide räumten ein, dass die Bemühungen um eine zukunftsfeste Krankenhaus-Versorgung für Nordfriesland im Nachgang zum Bürgerentscheid gegen die Klinik-Teilprivatisierung vor 13 Jahren in eine Sackgasse geführt haben. Ihre Botschaft: „Jetzt muss ganz schnell gehandelt werden.“ Denn der seinerseits defizitäre Kreis Nordfriesland – er hatte eben erst das Kapital des Klinikums um 4,5 Millionen Euro erhöht und eine Bürgschaft von 8,5 Millionen übernommen – könne die Kliniken nicht dauerhaft aus dem Kreishaushalt subventionieren.

Vorwigs Handlungsempfehlungen waren vorgestern dem Klinikums-Aufsichtsrat, dem Kreistag als Gesellschafterversammlung sowie Vertretern des Betriebsrates und der Standortgemeinden vorgestellt worden. Die Vorschläge sollen jetzt in den Gremien des Kreises beraten werden, ehe der Kreistag bereits am 11. Dezember über ihre mögliche Umsetzung entscheidet.

Nach Einschätzung von Vorwig haben kleine Kliniken der allgemeinen Versorgung künftig bundesweit „fast keine Überlebenschance“. Um die Fixkosten zu refinanzieren, seien bestimmte Mindestgrößen erforderlich. Seine Überzeugung mit Blick auf die Situation in Nordfriesland: „Wird das Konzept konsequent umgesetzt, ist der Turnaround zu schaffen.“ Wichtig dabei sei jedoch, dass die Verantwortlichen im Umfeld aller Klinik-Standorte merken, dass sie dabei an einem Strang ziehen müssen.

Landrat Dieter Harrsen jedenfalls geht davon aus, dass das Problem- und Verantwortungsbewusstsein vor Ort durchaus vorhanden ist. „Das Ringen um die bestmögliche Lösung darf nicht zu Lasten der Betriebswirtschaft gehen“, betonte er. Aber zumindest den rund 1500 Beschäftigten des Klinikums Nordfriesland verspricht er: „Wir werden sehr genau darauf achten, dass die erforderlichen Veränderungen nicht zu betriebsbedingten Kündigungen führen.“

 

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erstellt am 04.Nov.2015 | 07:00 Uhr

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