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Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 22:56 Uhr

Husum : Keiner soll erfrieren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Winternotprogramm des Diakonischen Werkes Husum für Obdachlose startet am 1. Dezember. Hierfür ist eine Wohnung in der Richard-von Hagn-Straße angemietet worden.

Bei Minusgraden ist jeder froh, wenn er es sich zu Hause im Warmen gemütlich machen kann. Doch es gibt Menschen, die haben kein Dach mehr über dem Kopf. Bei ihnen geht es bei Kälte um Leben und Tod: Zu erfrieren stellt bei einer Übernachtung im Freien eine große Gefahr dar.

Für Obdachlose in Nordfrieslands Kreisstadt ist bereits vor 20 Jahren über das Diakonische Werk Husum ein Winternotprogramm initiiert worden. Vom 1. Dezember bis zum 31. März steht in der Richard-von-Hagn-Straße eine komplett eingerichtete Zwei-Zimmer-Wohnung zur Verfügung, in der bis zu vier Menschen untergebracht werden können. Als Vermieterin tritt die Stadt auf.

Zuständig für dieses Programm ist der Sozialpädagoge und Diakon Jens Frank. Seine Wintergäste kommen aus ganz Deutschland. Mit den Bewohnern auf Zeit schließt er lediglich eine Nutzungsvereinbarung ab. „Früher hatten wir eine Vier-Zimmer-Wohnung.“ Aber günstiger Wohnraum ist knapp in der Stadt – und so muss die kleinere Variante ausreichen. „Es geht.“

Auch deshalb, weil es eine weitere Anlaufstelle des Diakonischen Werkes für Obdachlose gibt: die Bahnhofsmission. Dort stehen Betten für vier Männer und drei Frauen bereit, und es ist möglich, zu duschen und Wäsche zu waschen. Schlafsäcke und warme Kleidung werden ebenfalls bei Bedarf abgegeben.

In der Notwohnung verteilt Frank, wenn nötig, Pullover. Einige „seiner“ Betroffenen wollen in den vier Monaten auch erproben, ob ein festes Zuhause wieder eine Option für sie sein könnte. Mindestens ein Obdachloser im Jahr entscheidet sich gegen das „Platte machen“. Der Diakon legt Wert darauf, dass es sich in der Richard-von-Hagn-Straße um ein betreutes Hilfsangebot handelt: Denn er steht den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite, sodass der Wunsch nach einer Rückkehr in ein bürgerliches Leben geebnet werden kann.

Dann gibt es diejenigen, die ein Leben hinter festen Wänden überhaupt nicht mehr ertragen: „Die melden sich um 12 Uhr an und sind um 19 Uhr wieder weg.“ Dabei sei es schwieriger geworden, im öffentlichen Raum einen Platz zum Übernachten zu finden – „Bänke in Wartesälen sind oft so gestaltet, dass man nicht darauf liegen kann“. Zur dritten Gruppe gehören die, die nur überwintern wollen. Wie viele Obdachlose sich außerhalb der Unterkünfte bereits in Husum aufhalten, vermag er nicht einzuschätzen. Nicht jeder holt sein „Tagesgeld“ ab. 12 Euro bekommen Obdachlose aus der Husumer Stadtkasse für Lebensmittel ausgezahlt – auf ihrem Ausweis ist der Vermerk „ohne festen Wohnsitz“ eingetragen. Sie werden jedoch aufgefordert, einige Stunden am Tag gemeinnützige Arbeit als Ein-Euro-Jobber zu leisten. Für Frank eine Auflage, die helfe, Struktur in den Tag zu bekommen.

Arbeitslosigkeit sei oft „der klassische Anfang“ für den Weg in die Obdachlosigkeit, erklärt der Sozialpädagoge. Eine Suchtproblematik oder psychische Krankheiten verschärfen nach seinen Worten die Situation – und ohne soziale Kontakte ist der Weg auf die Straße fast programmiert. Jens Frank: „Es ist ein Prozess. Bei einigen funktionieren die ersten drei Monate vielleicht mit Sofa-Hopping – dann kommt ein Scheideweg: auf Trebe gehen oder etwas Festes versuchen.“ Frauen sind zunehmend betroffen. Frank weiß, dass es bei ihnen oft eine „versteckte Obdachlosigkeit“ ist. „Diese Frauen leben in prekären Abhängigkeitsverhältnissen.“

Wer einen Obdachlosen entdeckt, der erfrieren könnte, sollte sich an die Stadt-, Gemeinde- oder Amtsverwaltung oder die nächste Polizeidienststelle wenden.

 

Das Geld reicht nicht

Marcel Balke vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein erläutert, dass das Land 20 000 Euro im Jahr für das Winternotprogramm zur Verfügung stellt, die die Einrichtung dann an seine einzelnen Werke verteilt. So erhalten die Husumer einen Zuschuss für Miete, Strom und Mobiliar für ihre Überwinterungsadresse. Balke: „Der Bedarf im Land ist seit Jahren höher als die 20 000 Euro abdecken. Deshalb stocken wir diese Summe aus unserem Fortbildungstopf auf.“

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erstellt am 29.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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