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Husumer Nachrichten

28. Juli 2016 | 22:16 Uhr

Nachfolger von Fiede Nissen : Johann Petersen ist der neue Hallig-Postschiffer

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Johann Petersen pendelt mit Lore oder Schiff zwischen Festland und Halligen. Er ist der Nachfolger von Postschiffer Fiede Nissen. Seine Fracht: Rechnungen und Liebesbriefe.

„Das Wetter lässt sich nicht bestellen“, sagt Johann Petersen und schaut etwas vergrätzt aus der Wäsche wegen des „Schietwedders“. Es stürmt, ist kalt und regnet ohne Unterlass. Der Loren-Bahnhof in Dagebüll ist dementsprechend matschig. Ein kurzer Blick auf den Leuchtturm und den Deich – Romantik an der Nordseeküste will nicht aufkommen.

Was für ein Job, den Johann Petersen im Oktober vergangenen Jahres angetreten ist, als Nachfolger von Fiede Nissen, dem Postschiffer. An sechs Tagen in der Woche muss er los, um als selbstständiger Spediteur die Bewohner der Halligen Oland, Langeness, Gröde und – im Sommer – Habel mit Post zu versorgen. Immer in Einklang mit den Gezeiten, wobei es für Johann Petersen keine Absprachen gibt. Mit wem auch? Der 48-Jährige muss sich tagtäglich der Natur anpassen, ob er will oder nicht. Ist vormittags Ebbe im Wattenmeer oder ist es sehr stürmisch, nimmt er die Lore und fährt entlang des zehn Kilometer langen Damms auf Schienen zum Festland nach Dagebüll und zurück. Bei Flut nimmt er sein Schiff, die „Robbe“, um den Fährhafen Schlüttsiel anzusteuern.

Fiede Nissen ging im September nach 37 Jahren in Rente.
Fiede Nissen ging im September nach 37 Jahren in Rente.
 

Am jeweiligen Ziel wird er dann von Postbotin Anne Nahnsen mit der Fracht versorgt. Vor Weihnachten war weder eine Tour per Lore noch per Boot möglich – „Land unter“ hieß es auf den Halligen. Der Postschiffer telefoniert täglich um 8 Uhr mit der Post, dem Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein und informiert sich beim Wetterdienst. Dann wird ein Termin mit der Post ausgemacht, wo und wann die Übergabe der Postfracht stattfindet. „Die Natur gibt immer den Ton an“, sagt der Postschiffer, der diese Weisheit schon von Kindesbeinen an kennt. Er wurde auf der Hallig Oland geboren und weiß um die Naturgewalten der Nordsee. „Ich bin als Kind unmittelbar auf dem Wasser groß geworden“, erzählt er.

Dank der grünen Kante um Oland herum gebe es keine Strömung und deshalb könne man nicht abdriften, erzählt er. Auf Langeneß sehe das anders aus, ebenso auf Gröde. „Das Schiff ist zehn Meter lang und das muss erst einmal an die Kante“, sagt er und auch, dass bei den ersten Posttouren Ehefrau Irina mit an Bord war. Inzwischen bleibt sie zu Hause, kümmert sich um Haus und Hof, hält aber weitestgehend Fernglaskontakt mit ihm.

Im Prinzip ist es von Vorteil, den Job im Herbst zu übernehmen. Volle Breitseite vom Wetter her, mehr geht nicht und härtet nochmal richtig ab. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass sich Johann Petersen „wahnsinnig“ auf den Sommer freut. Obwohl: „Postschiffer zu sein, macht wirklich Spaß. Ich bin freier Spediteur, bringe nicht nur Mahnungen, sondern vielleicht auch so manches Mal Liebesbriefe“, schmunzelt der sechsfache Vater.

Und nach Feierabend, nach einem vier- bis sechsstündigen Arbeitstag? Was liegt an auf Langeness? Tiere versorgen, sich um Feriengäste kümmern, Familienalltag und vieles mehr, so der Postschiffer. Fernsehgucken gehört nie dazu, denn das Gerät sucht man im Hause Petersen vergebens. „Das Programm ist einfach zu niveaulos, wir haben den Fernseher irgendwann weggeschmissen“, so Johann Petersen. Als ehemaliger Halligkaufmann von Langeness ist er mitsamt seiner Familie schon oft im Fernsehen gewesen und dementsprechend viele Leute kennen ihn.

Als Langeness einem Fernsehteam für Dreharbeiten diente und die Schauspieler Charly Hübner und Anke Engelke auf der Hallig waren, erkannten sie den Mann mit dem Bart und der Mütze sofort. „Ich kannte sie aber nicht und das fanden die beiden eher ungewöhnlich“, erzählt er. Das ganze Brimborium um seine Person mag er ohnehin nicht wirklich. „Es geht immer nur darum, was ich mache und nicht darum, was ich denke“, sagt er verständnislos. Oft schon wurden seine erzählten Gedanken um die Missstände in der Welt einfach aus Filmen weggeschnitten oder in Artikeln gar nicht erst aufgenommen. „Es gibt soviel Wichtigeres auf der Welt als mich“, meint er und schiebt einen Wunsch hinterher. „Ich wünsche mehr Gerechtigkeit für alle Menschen, denen Unrecht geschieht.“

Am Loren-Bahnhof in Dagebüll übergibt Postbotin Anne Nahnsen ihre Fracht an den Postschiffer Johann Petersen.
Am Loren-Bahnhof in Dagebüll übergibt Postbotin Anne Nahnsen ihre Fracht an den Postschiffer Johann Petersen. Foto: Mommsen

Mittlerweile ist seine Lore am Dagebüller Bahnhof voll beladen mit Paketen, Koffern von Feriengästen und Boxen mit Briefen. Klitschdurchnass hat Postbotin Anne Nahnsen immer noch ein Lächeln auf den Lippen, trifft auf ihre Kollegin Liv Schladenhaufen, der Postbotin von Langeneß. Ein kurzer Klönschnack zwischendurch und dann müssen alle schnell los.

Und, wie ist der Postschiffer als neuer Kollege so? „Ich bin wirklich zufrieden“, freut sich Anne Nahnsen, die seit 20 Jahren im Zustellstützpunkt Bredstedt der Deutschen Post für den Transport der Halligpost zur Küste zuständig ist. „Bis morgen“, ruft sie Petersen noch zu. Wahrscheinlich wieder in Dagebüll oder vielleicht doch Schlüttsiel? Wer weiß? Wie sagte Anne Nahnsen doch: „In dem Job muss man flexibel sein.“

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erstellt am 03.Jan.2015 | 15:15 Uhr

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