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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 03:12 Uhr

Resilienz : Innere Stärke fußt auf sieben Säulen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Ärztin und Kommunikationsexpertin Eva Kalbheim spricht auf Einladung der drei Husumer Lions-Clubs über innere Stärke und seelische Widerstandkraft – und wie man beides erlangen kann.

Dr. Eva Kalbheim ist Ärztin und Kommunikations-Expertin. Viele Jahre arbeitete sie als Pressesprecherin für gemeinnützige Organisationen – unter anderem für die Deutsche Krebshilfe. Als Buchautorin geht sie heute der Frage nach, wie Menschen in schwierigen Zeiten innere Stärke (Resilienz) gewinnen und bewahren können. Auf Einladung der drei Husumer Lions-Clubs kommt Eva Kalbheim in Zusammenarbeit mit der Schlossbuchhandlung am Mittwoch, 30. November, in den Kulturkeller (Schlossgang 7). Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Die Husumer Nachrichten sprachen schon vorher mit ihr.

 

Frau Kalbheim, warum ist es heute eigentlich so schwer, der zu sein, der man ist?

Die Ansprüche, die von außen an jeden von uns gestellt werden, nehmen zu, und die Lebensumstände sind bei vielen Menschen unberechenbar. Niemand ist gefeit vor Problemen oder Krisen, die Berufs-Biografien sind heute längst nicht mehr so geradlinig wie früher, und die raschen technischen Veränderungen verlangen uns hohe Flexibilität ab. Die Gesellschaft ist auf Erfolg, Gesundheit, Jugend, Geschwindigkeit und Stärke fixiert. Doch jeder Mensch wird älter, erleidet Schicksalsschläge und muss sich immer wieder aufrappeln. Da fliegt so mancher aus der Bahn oder kommt nach einer einschneidenden Veränderung nicht mehr auf die Füße. Fehlende familiäre Vernetzung, die Verdichtung der Arbeit und unverbindliche soziale Kontakte machen es umso schwerer, nach einer Krise die notwendige Unterstützung zu bekommen. In solchen Fällen ist professionelle Hilfe unabdingbar, auch wenn einige bereits die Psychiatrisierung der Gesellschaft anprangern.

 

Dass gerade die frühen Lebensjahre für die Entwicklung eines Menschen von großer Bedeutung sind, ist nichts Neues. Aber was tut man, wenn es trotzdem nicht reicht? Wie können Sie – noch dazu ferndiagnostisch, in Buchform – erwachsenen Menschen helfen, die nötige Resilienz zu entwickeln und sich besser gegen die Unbilden des Arbeitslebens zu wappnen?

Resilienz, also seelische Widerstandskraft und innere Stärke, ist zum Teil ererbt und zum Teil anerzogen. Zu den erblichen Faktoren zählen Temperament, Intelligenz und Bindungsfähigkeit. Resilienz basiert auf sieben Säulen: Optimismus, Akzeptanz, Handlungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Lösungsorientierung, Netzwerkpflege und Zukunftsplanung. Diese Faktoren werden durch die Erziehung ganz wesentlich geprägt, können aber im Laufe des Lebens modifiziert werden. Wer in der Kindheit nicht genug Resilienz-Faktoren mitbekommen hat, kann diese auch später noch trainieren. Wer in guten Zeiten vorsorgt, kann in schwierigen Zeiten darauf zurückgreifen.

 

Wäre es nicht sinnvoller, anstelle der Symptome die Ursachen von Krisen und Pessimismus zu bekämpfen?

Die Ursachen von Krisen sind äußerst vielfältig und individuell. Doch aus meiner Sicht ist es wesentlich, die Prävention – also Vorbeugung von körperlichen und seelischen Erkrankungen – in den Vordergrund zu rücken. Wer gesund lebt, seine zwischenmenschlichen Beziehungen pflegt, seine Bedürfnisse wahrnimmt und für sich und seine Mitmenschen sorgt, lebt zumeist optimistisch und gefestigt. Die innere Haltung ist wichtig: Wenn ich die Wechselfälle des Lebens akzeptiere und zuversichtlich nach vorne schaue, wenn ich bedenke, wie viele Schwierigkeiten ich schon bewältigt habe, und wenn ich daran glaube, dass alles für irgendetwas gut ist, überstehe ich Probleme und Schwierigkeiten besser.

 

Aber wie weit sind Erfolge überhaupt erzielbar, wenn draußen in der rauen Wirklichkeit alles bleibt, wie es ist?

Man kann keinen anderen Menschen ändern und oft sind auch die äußeren Umstände nur wenig veränderbar. Daher rate ich den Menschen, sich selbst auf den Weg der Veränderung zu machen. Dann ist es oft wie bei einem Mobile: Wenn man es an einer Ecke anstößt, kommt alles in Bewegung.

 

In den 1980er Jahren, als die Diskussionen um Umweltverschmutzung und Klimawandel an Schärfe zunahmen, beklagten kritische Wirtschaftswissenschaftler, dass die größten Dreckschleudern nun auch noch beauftragt würden, ihren eigenen Unrat staatlich subventioniert wieder zu beseitigen. Was können Experten wie Sie tun, damit ihre Ideen und gut gemeinten Lösungsansätze nicht durch den Markt ad absurdum geführt werden?

Meine Arbeit setzt auf der Mikroebene an, beim einzelnen Menschen. Ich ermutige dazu, sich selbst zu reflektieren und sowohl das Beziehungsnetzwerk als auch das soziale System, in dem man sich bewegt, zu hinterfragen. Mit Optimismus, Akzeptanz, Verantwortungsbereitschaft und Lösungsorientierung kann jeder Mensch in seinem direkten Umfeld viel bewirken. Und je freier man im Denken ist, desto weniger ist man abhängig vom Jahrmarkt und seinen Eitelkeiten.

 

Krisen gehören zum Leben wie Fehler zur Arbeit. Aber es gibt viele, die sagen, wir hätten weder eine Fehler-Kultur in der Arbeit noch eine Krisen-Kultur im Leben. Wie sehen Sie das?

Kultur bedeutet aus meiner Sicht, sich aktiv mit Themen zu beschäftigen – und zwar mit Tiefgang und Herzblut. Fehler-Kultur, Kommunikations-Kultur, Krisen-Kultur dürfen daher keine Lippenbekenntnisse sein, sondern sollten mit einer sichtbaren Haltungsänderung einhergehen. Wenn ich Fehler als Lernchancen und Krisen als Herausforderungen sehe, und wenn ich Kommunikation nutze, um mein Gegenüber kennen zu lernen und mich selbst verständlich zu machen, dann bin ich auch in der Lage, eine Kultur zu schaffen, in der Entfaltung und Verarbeitung gut möglich wird.

 

Welchen Rat geben Sie Menschen, die das dumpfe Gefühl haben, in einer Krise zu stecken?

Sprechen hilft! Wer auf andere zugeht und Beistand einholt, hat schon fast gewonnen. Viel zu oft meinen wir, mit unseren Problemen allein klarkommen zu müssen. Die Erfahrung zeigt, dass der Austausch es erleichtert, sich über seine Gefühle, Ängste und Wünsche klar zu werden. Wichtig ist auch, sich keine Denkverbote zu erteilen. Alles ist denkbar – was ich dann umsetze, ist erst der zweite Schritt. Selbstwirksamkeitsüberzeugung versetzt Berge: Wenn ich daran glaube, dass ich etwas erreichen und verändern kann, dann schaffe ich das auch.

> Karten gibt es in der Schlossbuchhandlung, Schlossgang 10, Telefon 04841/89214.

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erstellt am 26.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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