zur Navigation springen

Husumer Nachrichten

06. Dezember 2016 | 19:00 Uhr

Die Leidensgeschichte einer gequälten Frau : In den Fängen einer brutalen Bestie

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen öffnet sich eine Betroffene gegenüber unserer Zeitung – und erzählt ihre erschütternde Leidensgeschichte.

„Es ist eine Bestie – ich bin viel zu lange bei ihm geblieben“, erzählt eine Frau. Ihr Name darf nicht genannt werden. Sie wurde zum Opfer eines brutalen Schlägers, wurde misshandelt und täglich aufs Tiefste gedemütigt. Ihn verlassen konnte sie nicht – zu groß war die Angst und die Scham. Ihr Leben änderte sich auf einen Schlag – wortwörtlich, denn als sie zum ersten Mal verprügelt in der Küchenecke lag, begann ein langer Leidensweg. Natürlich hat sie nicht einmal im Traum gedacht, dass ihr so etwas jemals widerfahren könnte. Hätte sie das auch nur geahnt, wäre sie nicht der Leibe wegen von Süddeutschland nach Nordfriesland gezogen. Die Welt der Frau und ihres Haustiers war in Ordnung, als sie ihr neues Leben begann. Doch schon nach zwei Wochen mit ihrem neuen Partner unter einem Dach gab es zwei Meinungen, eine Diskussion und dann schlug er zu.

Während des Gesprächs mit ihr in einem Café irgendwo in Nordfriesland muss sie weinen, ab und zu verlässt sie den Tisch und braucht eine Pause. Ihre seelischen Wunden klaffen auf, doch sie will erzählen, sich damit von den Qualen befreien und anderen Menschen Mut machen. Warum er beim ersten Mal auf sie wie auf einen Sandsack mit Fäusten eingedroschen hat, weiß sie nicht. Sie kann sich nur daran erinnern, wie sprachlos, entsetzt und überfordert sie mit der Situation war. Auch an die großen Worte seiner Entschuldigung mitsamt einem Geschenk als Geste der Wiedergutmachung. Rückblickend betrachtet war es für sie der Beginn ihrer seelischen Talfahrt, aber ehe sie das bewusst wahrnahm, hatte sie sich ihre Würde bereits nehmen lassen. „Manchmal dachte ich an meinen Tod. Dann hätte ich endlich Ruhe gehabt.“

Ihre Arbeitskollegen sprachen sie auf ihre schlechte Verfassung an, sie erfand Ausreden. Gingen sie und ihr Partner aus, betrat sie die Bühne mit einem gequälten Lächeln, um die Fassade zu wahren. Irgendwann schlug er sie auch öffentlich und andere schauten einfach nur zu. „Ich habe mich gefragt, warum mir niemand hilft“, sagt sie. Tag für Tag ertrug sie Tritte, Fäuste, sexuelle Übergriffe, „wann immer er wollte“. Ihr Peiniger machte auch vor ihrem Haustier nicht halt. „Er misshandelte mein Tier, als es mich beschützen wollte.“

Sie war froh, Arbeit im sozialen Bereich und damit auch Nachtschichten zu haben. Dann war sie nicht mit ihm unter einem Dach, ihr Tier brachte sie währenddessen im Tierheim unter. Krank durfte sie nicht werden, denn das hätte bedeutet, an zu Hause gefesselt zu sein. Als sie sich die Elle am Unterarm durch eine von ihm zugeknallte Tür brach, musste sie nach den unzähligen Übergriffen erstmals ins Krankenhaus. Sie erfand eine Geschichte, wie das passiert ist, und bekam es irgendwie hin, dass sie keinen gelben Zettel erhielt. Arbeitgeber und Kollegen wussten inzwischen Bescheid – irgendwann hatte sie keine Ausreden mehr, als sie grün und blau geschlagen auftauchte. Alle wollten ihr helfen, doch sie nahm die Hilfe nicht an. „Ich habe mich so geschämt“, erzählt sie unter Tränen.

Ein Umdenken setzte erst ein, als „mich die Bestie nachts fast bewusstlos gewürgt und auf mich und mein Tier massiv eingeschlagen hat“. Mit gebrochenem Jochbein, Schmerzen am ganzen Körper und „höllischer Angst um mein Leben“ flüchtete sie mit ihrem Tier aus dem Haus und rannte leicht bekleidet zu einer Freundin. Die rief sofort die Polizei. Krankenhaus, Intensivstation, die Suche nach einer Wohnung, unzählige Gespräche mit Menschen, Stalking-Attacken ihres Peinigers, Behörden-Wirrwarr und und und...

Jahre sind inzwischen vergangen – und sie gab sich die Chance, noch einmal neu anzufangen. Auch mit Hilfe des Weißen Rings, dessen ehrenamtliche Mitarbeiter ihr immer noch zur Seite stehen. „Ich kann dort rund um die Uhr anrufen. Das bringt mir Sicherheit“, meint sie. Ihr Selbstbewusstsein baut sich immer mehr auf, doch es gibt sie noch in ihrem Kopf, die Erinnerungen. Dann, wenn ein bestimmtes Datum im Jahr ist. Der Tag, an dem sie voller Hoffnung nach Nordfriesland kam, der heftigsten Prügelattacken, von Gerichtsterminen... „Ich merke, dass es langsam verblasst“, erzählt sie.

Ihr Appell an die Opfer, zu denen auch sie gehörte und deren Dunkelziffer groß ist: „Sobald euch jemand schlägt, geht sofort und sucht euch Hilfe. Es gibt ein großes Netzwerk, erzählt dort ohne Scham eure Geschichte.“ Sie hat den Sprung zurück ins Leben geschafft. Ihr erlittenes Leid wird immer ein Teil davon sein, sie weiß das. Dennoch blickt sie nach vorne – auch, weil sie eine neue Beziehung zu einem Mann aufbauen konnte. „Das fühlt sich gut an“, sagt sie. Und wieder hat sie Tränen in den Augen. Dieses Mal allerdings vor Glück.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen