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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 13:14 Uhr

Minderjährige Flüchtlinge in Husum : Hilferuf eines Sozialarbeiters: „Überhang an jungen Männern hat das Jugendzentrum verändert“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bernd Biermann leitet das Jugendzentrum der Stadt Husum und spricht über die Probleme, die die Betreuung geflüchteter Jugendlicher mit sich bringt.

Husum | Seit ungefähr einem Jahr wird das Kinder- und Jugendforum der Stadt Husum (Biss) hauptsächlich von jugendlichen Flüchtlingen besucht. Der Leiter Bernd Biermann erklärt, welche Herausforderungen diese Entwicklung mit sich bringt – und warum sein Team sie nur begrenzt bewältigen kann.

Was ist denn derzeit los in der offenen Betreuung im Biss?
Seit Herbst 2015 kommen zunehmend syrische und afghanische Flüchtlingskinder. Am Anfang war es eine Handvoll, heute sind es mittlerweile 60 Teenager, von ihnen sind 95 Prozent Jungen. Vorher haben wir ungefähr 30 tägliche Besucher betreut, davon fünf Kinder mit Migrationshintergrund. Dieser Überhang an jungen Männern hat das Jugendzentrum verändert. Das hat aus meiner Sicht auch negative Konsequenzen: Früher kamen auch zehnjährige Mädchen zu uns – heute kommen sie nicht mehr. Die Eltern wollen ihre kleinen Töchter nicht mehr in den offenen Bereich, in diese Männergesellschaft schicken.

Wenn sich jetzt nicht nur die Zahl der Jugendlichen, die sie betreuen, erhöht hat, sondern sich auch ihre Aufgaben so verändert haben, steht Ihnen dann auch mehr Personal zur Verfügung?Nein (lacht). Wir sind sogar weniger, weil wir unsere drei Bundes-Freiwilligendienst-Stellen nicht besetzen konnten. Wir arbeiten im „Biss“ mit dreieinhalb Stellen. Das Problem ist, dass wir im offenen Bereich seit einem Jahr mindestens zu zweit, am besten zu dritt sein müssen. Wir gehen schon auf dem Zahnfleisch.

Die Anforderungen sind nun ganz andere, wir müssen interkulturell vermitteln. Und es ist sehr laut geworden: Wir haben einmal Messungen gemacht. Das waren über 90 Dezibel. Wir sind auch deshalb etwas belastet, weil Jugendarbeit für uns bedeutet, dass wir sinnvolle Freizeitbeschäftigung vermitteln. Weg vom Handy, weg vom Computer. Das größte Problem der Arbeit ist, dass es gerade kaum produktiv ist.

Was meinen Sie damit?
Es funktioniert nicht. Mit unseren Jungs ist fast das Einzige, was wir können, kickern und Tischtennis spielen. Und damit endet es. Das liegt an zweierlei Dingen: Zum einen können viele der Jungs schlecht Deutsch. Und sie sind anders sozialisiert. Es ist beispielsweise ein unglaublicher Kampf, sie dazu zu bringen, gegenüber unseren Erzieherinnen Respekt zu zeigen.

Wir haben jetzt schon strengere Regeln aufgestellt: Kein Handy-Ton, das Gepiepse macht einen sonst wahnsinnig. Außerdem haben wir sukzessive eingeführt: Es wird nur Deutsch gesprochen. Dadurch beherrschen die Jungs die Sprache besser. Es fruchtet langsam, aber es fruchtet.

Wenn Sie sagen, wir gehen auf dem Zahnfleisch: Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Der Personalschlüssel ist zu gering: Wir brauchen zumindest eine halbe sozialpädagogische Assistentenstelle mehr. Am 15. Dezember berät das Stadtverordnetenkollegium darüber. Eigentlich müsste aber noch viel mehr passieren.

Es ist ja so: Wir bieten neben der offenen Betreuung als „Biss“ ja noch viel mehr an. Wenn es keine personelle Lösung für uns gibt, dann müssen wir natürlich bei diesen Angeboten Abstriche machen. Dann machen wir die Kinderstadt Lüttsum nicht. Oder den Welt-Kinder-Tag.

Sie klingen in Ihrer Bewertung recht hart. Müssen Sie den Jugendlichen nicht auch Zugeständnisse machen? Sie wissen ja nicht unbedingt, was sie durchgemacht haben.
Es ist eine Gratwanderung. Aber es funktioniert einfach nicht, wenn man zu weich ist.

Hat sich bei Ihnen die Einstellung zur Flüchtlingspolitik generell geändert?
Nein. Wir leben zum Glück im Frieden. Wenn wir verfolgt würden, fände ich es auch gut, wenn uns ein anderes Land Asyl gewähren würde. Und wir dürfen nicht vergessen: Wir brauchen diese Jugendlichen in Deutschland – ich erinnere an den Fachkräftemangel. Wir brauchen sie, aber wir fordern sie zu wenig.

Sie klingen alles in allem nicht sonderlich optimistisch.
Es ist so: Wenn sich diese Jugendlichen nicht der Leistungsgesellschaft annähern, dann wird es nicht funktionieren. Aber zumindest wir arbeiten daran.

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