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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 15:28 Uhr

Entschleuniger-Serie : Glücksgefühle ohne Schickimicki

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In der Akademie am Meer wird Sylt ganz unmittelbar erlebt: Klappholttal steht unter Freiheitsliebenden bundesweit für Qualität.

„Wir sind keine religiösen Eiferer“, stellt Hartmut Schiller mit Nachdruck fest. Der Leiter der Akademie am Meer grenzt sich gern ab. „Das ist auch wichtig, weil sich mit unserem Haus viele Bilder verbinden, die glauben lassen, dass wir hier ein Treff für Esoteriker sind.“ Das ist Klappholttal mit seinem geradezu legendären Ruf als Bildungs- und Erholungsstätte sicher nicht. Aber die vor fast 100 Jahren gegründete „älteste Volkshochschule in Schleswig-Holstein“ ist dennoch ein sehr besonderer Ort. Einer, den man wohl gerade auf Sylt nicht vermutet.

Aber Hartmut Schiller ist davon überzeugt, „dass man an kaum einem anderen Ort der Insel-Natur so nahe ist“ wie in den Dünen zwischen Kampen und List, in denen sich auf einer Fläche von 7,5 Hektar die vorwiegend kleinen Häuser von auffällig schlichter Architektur zu einem Ensemble vereinigen, das wie ein eigener Kosmos wirkt. Ein Refugium der Ruhe, das weder durch Autogeräusche noch durch hektische Betriebsamkeit in seiner eigenen Taktung störbar erscheint. Weil „das Ambiente der Akademie am Meer Inspiration und vermehrte Lebensfreude gibt“, heißt es auf der Internetseite des Anwesens, das mit seinen 176 Zimmern und 250 Betten eigentlich zu den großen Hotels der Insel gezählt werden könnte. Doch so wird es nicht empfunden.

Klappholttal ist anders – und seine Gäste sind es auch. Zwischen den „normalen Urlaubsgewohnheiten auf Sylt und den Aufenthalten in Klappholttal sind große Unterschiede“. Hartmut Schiller glaubt, dass der „klassische Sylt-Urlauber Luxus sucht“. Die Akademie am Meer ist dazu der Gegenentwurf. „Hier gibt es keinen Luxus. Alles ist bewusst einfach und schlicht.“ Denn „Bildung zwischen Vortragssaal und Strand sind hier Programm“. Die beinahe klösterliche Anlage versteht sich als einen „Ort der Begegnung und des Gesprächs, ein Platz der Ruhe und der Gemeinschaft“. Hier kommt her, wer „die Abgeschiedenheit sucht, die unbedingte Ruhe – eigentlich banal, aber das ist ja schon Luxus auf der Insel“.

Entschleunigung möchte Hartmut Schiller das nicht nennen, was sich in Klappholttal ereignet. Langsamkeit ist ihm der richtigere Begriff. Die beherrscht man dort trotz des umfangreichen Jahresprogramms der „größten und erfolgreichsten Bildungsstätte des Landes“. Wer hier Gast ist, soll durch die „attraktiven, allgemeinbildenden Angebote in seiner geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit angespornt werden“. Schreibwerkstatt, Kaligrafie- oder Tanz-Workshops, Experimentelles Malen in der Landschaft und im Atelier, Yoga und Meditations-Seminar, Feldenkrais und Singen mit Herz und Seele, Vogelkundliche Kurse, Konzerte, Medizinisches Qi Gong, Morgentanz und Morgensingen sind nur einige Beispiele aus dem Programm in den Dünen, das Hartmut Schiller seit seinem Amtsantritt 1998 als Direktor jährlich entwickelt. Dabei möchte er gerne, „dass die Gäste bei uns die Langsamkeit genießen und sich selbst bestimmen. Die Entscheidung, wo geh’ ich hin, und wo geh’ ich nicht hin – bei einem Angebot von bis zu 14 Stunden pro Tag – muss jeder selbst treffen. Wir sind keine Animateure.“

Klappholttal ist zwar vielen Syltern ein Mysterium, aber unter Bildungsbürgern bundesweit ein Qualitätsbegriff. So hat man auf der Insel längst mitbekommen, dass dieser für Sylt ungewöhnliche Ort seinen sehr speziellen Reiz und eine gewisse Exklusivität bietet. „Eine kulturelle Oase“, nennt Sylt Marketing die Akademie am Meer und wirbt mit der Feststellung, dass dort „Kreativität unter weitem Himmel über den Alltag hinauswachsen kann“.

Der Geist, der dort weht, wurde 1919 vom Kampener Arzt Knud Ahlborn den verlassenen Baracken eingehaucht. Er gründete in dem ehemaligen Militär-Lager das sogenannte Freideutsche Lager Klappholttal auf Sylt.

Frei sein, sich frei fühlen und frei bewegen, hat viele Klappholttaler an der Kultur-Oase gereizt. Die Freikörperkultur war hier sehr beliebt, freie Ausdrucksformen in Tanz und Darstellender Kunst sind bis heute Programmangebote, die Erinnerung an die legendäre Sylter Ausdruckstänzerin Gret Palucca wird hier gepflegt, die Paluccawoche in Klappholttal mit der Palucca Schule Dresden gehört zum festen Repertoire. „Wir waren und sind der Sehnsuchtsort der Freiheitsliebenden“, sagt Hartmut Schiller lächelnd und schaut dabei über die schier unbegrenzt erscheinenden Dünentäler von Klappholttal. „Hier sein zu dürfen, macht ruhig und reich. Der wahre Luxus eben.“

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erstellt am 04.Sep.2016 | 16:00 Uhr

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