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Husumer Nachrichten

25. August 2016 | 01:12 Uhr

Leidenschaft für Tattoos : Geschichten auf der Haut erzählt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Rella bevorzugt nicht nur Tattoos als Körperschmuck, sondern arbeitet auch als Tätowiererin in einem Husumer Studio. Wie alle aus der Szene ist sie ein Zeichentalent.

Husum | Mit 17 Jahren bekam sie ihr erstes Tattoo. Das hat sie sich „erschlichen“ – denn erlaubt ist dieser Körperschmuck erst mit der Volljährigkeit. Wie bei den meisten war es auch bei Rella zuerst nur ein kleines: Sie hatte für den hinteren Halsbereich Alpha und Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des klassischen griechischen Alphabets ausgewählt. Doch schon damals wusste die heute 30-Jährige – „es war einfach ein Gefühl“ –, dass sie am ganzen Körper tätowiert sein möchte. Arme, Dekolleté, Rücken und die Finger sind inzwischen verziert – mit Bildern und besonderen Buchstaben.

Doch Rella liebt nicht nur an ihrem Körper Tattoos, sondern tätowiert selbst. Sie ist die einzige Frau im „Westcoast Husum“-Studio, wo sie mit drei Kollegen zusammenarbeitet. Ein Piercer gehört mit zum Team. Nein, Tätowierer sei kein klassischer Ausbildungsberuf – „leider gibt es keine Prüfungen“. Und so müssen sich Anfänger einen „Meister“ suchen, bei dem sie lernen. Den fand Rella in einem Freund. „Außerdem bin ich viel gereist und habe mich fortgebildet.“ Wie alle aus der Szene besitzt sie ein Talent fürs Zeichnen.

Als jüngere Frau war für sie die Außenseiter-Rolle eine, die sie bewusst ausgefüllt hat und die sie durch Tattoos auf jeden Fall bekam, denn damals waren Tätowierungen nicht salonfähig und wurden eher mit Seeleuten, Rockern und Gefängnisinsassen verbunden. Das ist heute anders.

Der genaue Ursprung von Tattoos lässt sich nicht zurückverfolgen. Ließen sich in der Frühzeit Menschen aus kulturellen und religiösen Gründen tätowieren, ist in der Gegenwart die Motivation höchst individuell. Für die einen ist eine Tätowierung ein modisches Accessoire, für andere – wie für Rella – steckt mehr dahinter. „Tattoos sind ein Statement“, findet sie und spricht auch davon , dass sie sich so ihre Haut zurückerobere. „Du veränderst Dich durch Tattoos.“ Am Beginn dieses Prozesses steht der Schmerz. „Egal, wo gestochen wird, es tut weh. Das ist der Preis, den man zahlt und der gehört mit zum Ritual. Es gibt Menschen, die sich so von traumatischen Erlebnissen befreien.“

Anker, Sterne und Totenköpfe sind ein beliebter Körperschmuck, aber auch Zitate, Symbole oder Gesichter. Ansonsten sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Politische Tattoos werden im Studio abgelehnt.

Frauen und Männer zwischen 20 und 40 Jahren stellen zwar die Hauptgruppe des „Westcoast“-Kundenstamms. Doch tätowieren lassen sich alle von 18 bis 85, erklärt Rella. „Zu uns kommen hauptsächlich die, die sich großflächig verändern möchten.“ Die Tätowiererin ist Spezialistin für „Vollfarbiges“. Und so sind auch Porträts von Tieren und Kindern in ihrer Mappe zu finden. Jeder ihrer Kollegen hat eine bevorzugte Stilrichtung – eine davon ist „Black and Grey“.

Mit Interessenten aus anderen Regionen wird ein längeres Telefonat geführt, ansonsten gibt es immer ein Vorgespräch, um sich kennenzulernen. „Eine Tätowierung ist etwas sehr Privates – und es sind viele viele Stunden, die zusammen verbracht werden.“ Das leuchtet ein – schließlich lässt man nicht jeden an seine Haut. Aber auch nicht jeder bekommt ein Tattoo von Rella. „Ich versuche herauszufinden, ob jemand weiß, worauf er sich einlässt.“ Und so hat sie einem jungen Mann den Rat gegeben, erst einmal abzuklären, ob er einen Beruf ergreifen will, in dem Tattoos toleriert werden.

Wie die große Mehrheit der Tätowierer in der westlichen Welt benutzt auch Rella eine elektrische Tätowiermaschine. Mit Hilfe von zwei Spulen erzeugt die ein elektromagnetisches Feld, das die eingespannte Nadel zwischen 800 und 3000 Mal pro Minute in die Haut eindringen lässt.

Mit einer Nadel werden die Umrisse gestochen – für Flächen sind ganze Nadelblöcke erforderlich. Die Tiefe der Einstiche kann genau auf die Hautdichte eingestellt werden. Farbe gelangt höchstens bis in die zweite Schicht: die Lederhaut (Dermis). Vor Sonne sollten Tattoos geschützt sein, damit sie nicht verblassen.

Wie jede Farbe müssen auch die für Tätowierungen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mit allen Inhaltsstoffen angemeldet werden. „Wir benutzen nur das Neueste und Beste“, betont Rella. Das Gesundheitsamt kontrolliere, dass nur erlaubte Farben verwendet würden.

Hygiene hat oberste Priorität im Studio. Handschuhe, manchmal ein Mundschutz sowie saubere Nadeln und Griffstücke an der Tätowiermaschine, die entweder sterilisiert oder als Einwegprodukte gleich nach Gebrauch entsorgt werden, sind Standard. Für Rella eine Selbstverständlichkeit: „Wir wollen für uns selbst ja auch Qualität. Und es geht um etwas, dass ein Leben lang zu einem gehört.“

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erstellt am 05.Mär.2016 | 16:00 Uhr

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