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Husumer Nachrichten

03. Dezember 2016 | 16:44 Uhr

Minister „gerettet“ : Eine Hallig probt den Ernstfall

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Landunter und medizinischer Notfall: Bei einer groß angelegten Übung auf Hallig Hooge zeigen Helikopter-Crew und Rettungskräfte, was in ihnen steckt.

Schreck für Halligbewohner Lars Sönnichsen: Bei einem Streifzug über die Ockelütz-Warft entdeckt er einen Mann, der auf dem Sportplatz zusammengebrochen ist. Er setzt sofort einen Notruf ab: „Hier liegt eine hilflose Person. Ja, ist ansprechbar. Klingt aber verwaschen“, sagt er ins Telefon. Nur wenige Minuten später kommen Halligpfleger Thomas Frank und -retterin Katja Just mit ihrem kleinen Krankenwagen herbeigeeilt.

Die beiden knien sich neben den Mann, der über Kopfschmerzen klagt und seine linke Seite nicht mehr spürt. Schnell ist klar: Verdacht auf Schlaganfall. Jetzt ist Eile geboten. In doppelter Hinsicht, denn der Sportplatz liegt in morastigem Gebiet und das Wasser steigt. Frank fordert einen Rettungshubschrauber an. „Niebüll und Rendsburg sind weg“, sagt er zu seiner Kollegin. „Der Offshore-Helikopter kommt aus St. Peter.“ Dann misst er den Blutdruck seines Patienten und legt eine Infusion. Währenddessen ist auch schon die Feuerwehr eingetroffen und sichert das Gelände ab.

In einer großangelegten Übung – die erste dieser Art auf Hallig Hooge – proben die Hubschrauber-Besatzung der Firma Northern Helicopter und Hooger Rettungskräfte den Ernstfall. Auch wenn die Sonne scheint und nur ein mäßiger Wind weht – die Beteiligten haben die Aufgabe, genau so zu handeln als würden Sturm und Regen wüten.

Von Ferne ist ein leichtes Brummen zu hören. Es wird immer lauter und kommt näher. Rund zwölf Minuten braucht der Helikopter in der Regel vom Stützpunkt St. Peter-Ording bis zur Hallig. „Ich kriege immer wieder eine Gänsehaut, wenn ich dieses Brummen höre“, sagt Matthias Piepgras, der gerade am Ort des Geschehens eingetroffen ist. „Sie glauben gar nicht, was das für eine Erleichterung ist, wenn man auf den Rettungshubschrauber wartet und dann dieses Geräusch hört.“

Im Schlepptau hat der Hallig-Bürgermeister Stefan Studt, der vom Polizeiboot „Sylt“ nach Hooge gebracht wurde. „Ich bin ganz gespannt. Ich habe so einen Einsatz mit dieser Dramatik noch nicht gesehen“, sagt der Innenminister und zückt sein Mobiltelefon, um ein paar Fotos zu machen. „Aber das wirkt alles sehr professionell und damit auch unglaublich beruhigend auf mich. Denn auf so einer Hallig gibt es nicht einfach einen Arzt um die Ecke“, erklärt er und muss fast schreien, denn mittlerweile schwebt der Airbus-Helikopter lautstark über dem Sportplatz.

Der gelb-rote AS  365    Dauphin  N2 lädt zwei Notärzte ab, die gebückt auf die Helfer zulaufen, um dann den Patienten zu untersuchen. Auch Versorgungsmaterial, ein Luftrettungs-Bergesack und eine Puppe werden abgeseilt. Das ist das Zeichen für „Schlaganfall-Patient“ Herbert Janssen. Der Betriebsleiter von Northern Helicopter steht auf und überlässt der Puppe, die so schwer ist wie ein normalgewichtiger Erwachsener, seinen Platz. Sie wird in den aufgeblasenen Rettungs-Sack gelegt, fest verschnürt und vom Helikopter per Seilwinde nach oben „gewinscht“.

„Ich habe großen Respekt vor den Rettungskräften, der Routine des Piloten und vor der Leistung dieses Helikopters“, erklärt der Minister. Knapp 20 Minuten später wird Studt mit eben diesem Helikopter mitfliegen dürfen. Doch das muss er sich erst verdienen. Denn bei der Hubschrauber-Übung ist noch ein weiteres Szenario vorgesehen – und Studt spielt dabei eine Hauptrolle.

Die zweite Übung findet auf der gegenüberliegenden Hans-Warft statt. Das Drehbuch: Sturm und Springflut bedrohen Hooge. Die Bewohner müssen so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden. Sie sollen mit Hilfe einer speziell konstruierten Rettungshose an Bord des Helikopters gehievt werden. Der Innenminister ist der erste, der auf diese Art von der Hallig „evakuiert“ wird. Dafür verharrt der Helikopter auf rund 25 Metern über der Erde. Weiter runter darf er nicht, weil die Lautstärke sonst unerträglich wäre. Die Schulkinder, die gerade zu Besuch auf der Hallig sind und neugierig die Übung mitverfolgen, halten sich ohnehin schon die Ohren zu. Auch hier kommt wieder die Winde zum Einsatz. Der Minister wird von einem Crew-Mitglied gut gesichert und dann langsam hochgezogen.

„Sehr eindrucksvoll, wie leistungsfähig die Rettung aus der Luft ist. Das kann im Ernstfall überlebenswichtig sein – nicht nur bei Landunter“, sagt Studt später, als er wieder festen Boden unter den Füßen hat. „Das ist unsere Chance“, ruft Piepgras den Feuerwehrleuten zu. „Wer will, kann sich auch hochziehen lassen. Damit ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie es den Opfern geht.“ Und tatsächlich, zwei Einsatzkräfte lassen sich ebenfalls an Bord hieven. „Das hat irgendwie Spaß gemacht“, sagt Jörn Rolfs wenig später grinsend.

Der eingesetzte Helikopter hat neben der Winde einen weiteren großen Vorteil: Er ist auch bei sehr schweren Wetterverhältnissen einsatzfähig. „Haben wir beim Anlassen jedoch eine Windstärke von mehr als 45 Knoten, dann ist auch bei uns Schicht“, gibt Janssen zu bedenken. Ein sehr zufriedenes Gesicht macht Jens-Peter Lindner, Rettungsdienstleiter des Kreises Nordfriesland. Er ist nach Hooge gekommen, um zu sehen, ob das Zusammenspiel zwischen Rettungskräften und Crew greift. Das Konzept habe reibungslos funktioniert. Für Piepgras war es allerhöchste Zeit, dass eine Übung dieser Art auf Hallig Hooge, die rund 100 Einwohner hat, stattfindet: „Es wird viel zu wenig geübt – im Ernstfall haben wir keine Zeit für sowas.“

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erstellt am 02.Sep.2016 | 14:00 Uhr

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