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Husumer Nachrichten

07. Dezember 2016 | 11:42 Uhr

Neues Dragseth-Album in Vorbereitung : Eine Folkband, die viele Töne anschlägt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Dragseth arbeitet an einem neuen Album, das noch in diesem Jahr erscheinen soll – und blickt auf bewegte musikalische Zeiten zurück.

Es gibt Menschen, die halten Dragseth für eine nordfriesische Band – besonders, seit sie 2008 den Hans-Momsen-Preis bekommen hat und damit in den Olymp der Friesen eingezogen ist. „Dabei haben wir gar nicht viele friesische Stücke geschrieben“, sagt Manuel Knortz, Gründungsmitglied des einstigen Duos. Plattdeutsches und Friesisches ist aus Dragseths Repertoire allerdings genauso wenig wegzudenken wie die Traditionen der anglo-amerikanischen Songwriter. Und letztlich ist es wohl gerade diese Mischung, die Dragseth als Band so einzigartig macht.

Jeden Mittwoch treffen sich Kalle Johannsen (Gitarre, Blues-Harp) und Jens Jesse (Gitarre, Slide, Banjo, Gesang) mit Knortz (Gitarre, Pipes und so ziemlich alles, was er sonst noch in die Finger bekommt) in dessen Haus am Westerdeich, um zu essen und Musik zu machen. Noch in diesem Jahr wollen die drei ein neues Album herausbringen – nach mehr als drei Jahrzehnten Höhen und einem fast schon historischen (re)kreativen Tiefpunkt.

Ausgerechnet das, was Knortz und Johannsen im tiefsten Herzen vereint, führte 1993 zu ihrer Trennung. Viele Jahre lang hatten die beiden zusammen musiziert und mit ihren Alben „Lichtjahre“ und „Es ist ein Flüstern“ sogar renommierte Musikkritiker wie Thomas Rothschild überzeugt: „Musik und Interpretation bilden eine Einheit“, schrieb dieser 1989 im Feuilleton-Teil der Frankfurter Rundschau, „frei von romantisierender Nostalgie, auch von jeglicher Deutschtümelei, ein angenehmes Gegengewicht zum immer einförmigeren amerikanischen Popgedudel“. Dennoch war 1993 Schluss.

Musik muss Freude machen – in diesem Punkt waren sich die beiden Musiker, die bereits im Chor der Hermann-Tast-Schule „ganz ordentlich“ harmoniert hatten, einig. Doch der schleichende Verschleißprozess – eine Folge der vielen Auftritte und des damit verbundenen Rückzugs aus dem Privaten – hatte seinen Tribut gefordert. „Irgendwann haben wir uns angeschaut und gefragt: ,Fällt Dir noch was ein?‘ – ,Nee. Und Du, hast Du noch Lust?‘ – ,Eigentlich nicht.‘“ Danach herrschte ein Jahrzehnt lang Schweigen.

2003 dann die Rückkehr. Langsam zunächst. „Wir redeten, tranken Rotwein, und wenn uns danach war, griffen wir zur Gitarre“, sagt Johannsen. Von einem ersten Auftritt im „Waldheim“ (Haaks) bekam die dänische Folk-Formation Drones & Bellows Wind. Man kannte sich von früher. Dem gemeinsamen Konzert folgte ein grenzübergreifendes Album in jenen fünf Sprachen, die in Sonderjylland und Schleswig gesprochen werden: Plattdüütsch, Hochdeutsch, Friesisch, Sonderjysk und Hochdänisch.

Außerdem knüpfte „Hiimstoun“ im besten Sinne an Dragseths eigene Traditionen an. Als in den 1970er und 1980er Jahren die Rock- und Popmusik alles andere platt zu walzen drohte, bekannten sich Johannsen und Knortz zum Folk. Drei Dekaden später, anlässlich der Hans-Momsen-Preisverleihung, erklärten sie auch warum: „Volksmusik ist alles – bis auf Volksmusik. Und sie ist wahrhaftig: Man muss einen Song so verinnerlichen, als hätte man ihn selbst geschrieben.“

Kein Wunder, dass sich Johannsen für seine Hommage an Nordfriesland im belgischen Flandern bedient und Jacques Brels „Le plat pays“ in „Mien platte Land“ umfrisiert haben. In „Stää un Stünn“ wird diese Tradition fortgesetzt. Der plattdeutsche Titel steht übrigens nicht für „Stehen und Staunen“, sondern für „Ort und Stunde“. Und mit den Themen Raum und Zeit wird dieser musikalische Gedankengang jetzt fortgesetzt. Tatsächlich haben alle drei zuletzt mehr Songs geschrieben, als sie auf dem neuen Album unterbringen könnten.

Darunter sind auch einige Literatur-Vertonungen – etwa von Mascha Kaléko, Erich Kästner oder der früh verstorbenen englischen Lyrikerin Elaine Waterson. In Knortz’ Atelier-Studio erhalten sie gerade ihren Feinschliff. „Einer stellt was vor, und das lassen wir dann gemeinsam zur Reife hinwachsen“, beschreibt Jesse den Entstehungsprozess. Die ersten Früchte zeigen sich bereits. Und manches hört sich auch ein bisschen anders an. Aber so ist Folk. Und so ist Dragseth.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 08:00 Uhr

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