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Husumer Nachrichten

27. März 2017 | 02:45 Uhr

Krankenhaus Tönning : Ein Opfer der Gesundheitspolitik

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Schließung des Krankenhauses in Tönning scheint nicht abwendbar zu sein – das wurde bei einem Infoabend der SPD in Tönning deutlich.

Wie hoffnungslos die Lage für das Klinikum Tönning ist, wurde beim Info- und Diskussionsabend des SPD-Kreisverbands NF in der Tönninger Stadthalle deutlich. In der Reihe „Politik vor Ort“ ging es um die Frage „Was wird aus unserer Klinik in Tönning?“. Denn am 23. März wird der Kreistag über die Schließung des stationären Angebots und die Umwandlung in ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) entscheiden. Dieser Plan stößt auf der Halbinsel auf große Ablehnung (wir berichteten). Zwar wollte Thomas Nissen, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag, an diesem Abend keine Stellungnahme abgeben, da sich seine Abgeordneten erst am 18. März festlegen werden, wie er sagte, doch ließ seine Darstellung keinen Zweifel am Ernst der Situation. Die Moderation des Abends hatte der Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen übernommen. Rund 150 Eiderstedter, darunter viele SPD-Mitglieder, hatten sich eingefunden – und die meisten gingen enttäuscht und resigniert nach Hause.

Das Klinikum NF, zu dem das Haus in Tönning gehört und dessen Träger der Kreis Nordfriesland ist, schreibt schon seit einigen Jahren rote Zahlen. Laut Nissen waren es von 2012 bis 2014 im Durchschnitt 1,3 Millionen Euro Defizit. Im vergangenen Jahr drohte die Insolvenz. Der Kreistag beschloss daraufhin 2015 und 2016 je 2,25 Millionen Euro zuzuschießen. Nach einer Prognose wird 2019 das Defizit vier Millionen Euro betragen. Ferner bestand ein Kreditbedarf für Investitionen von zehn Millionen Euro, der Kreis übernahm eine Bürgschaft von acht Millionen . „Bleibt die Struktur, wie sie ist, wird die Liquidität Ende 2017 aufgebraucht sein“, so Nissen. Der Geldgeber, die Nordostsee-Sparkasse, habe verlangt, dass bis zum 30. Juni ein Gutachten als Nachweis für ein künftig ausgeglichenes Betriebsergebnis vorliegen müsse. In den beiden vorliegenden Gutachten wird die Schließung von Tönning empfohlen.

Schuld an der Misere sind laut Nissen die Rahmenbedingungen. „Wir in Schleswig-Holstein sind benachteiligt.“ Der Landesbasisfallwert, mit dem stationäre Leistungen abgerechnet werden, liege für Schleswig-Holstein ein Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt. Dadurch fehlen dem Klinikum NF 650.000 Euro. Ferner finanziere das Land, anders als vorgesehen, keine Investitionen für die Krankenhäuser. Angesichts von Zinsen und Abschreibungen bedeute dies ein Defizit von 1,8 Millionen Euro, so Nissen. „Wenn wir diese 2,5 Millionen Euro hätten, schriebe das Klinikum einen Gewinn von einer Million Euro. Dann säßen wir nicht hier.“ Das Krankenhaus in Tönning selbst habe 2014 ein Minus von 766.000 Euro eingefahren, zitierte Nissen aus dem BDO-Gutachten zum Klinikum NF, das vergangene Woche vorgestellt worden war.

In der Diskussion plädierten die Redner, darunter der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Stefan Krämer, der Vorsitzende der Wirtschaftsförderungsgemeinschaft St. Peter-Ording, Werner Bruhn, der ehemalige Tönninger Bürgermeister Gerhard Bittner, der Seniorenbeirats-Vorsitzende von Tönning, Heiner Hahn, die SPD-Mitglieder Hans Wolff und Michael Katryniak und Tönnings Bürgermeisterin Dorothe Klömmer vehement für die Beibehaltung des stationären Angebots und die Sicherstellung der Notfallversorgung. „Die ärztliche Versorgung auf Eiderstedt steht auf der Kippe“, sagte Hans Jacob Peters, Vorsitzender des Fördervereins der Tönninger Klinik. Was sei mit den Senioren und den Urlaubern? Allein in St. Peter-Ording hielten sich im Sommer zigtausende Gäste auf, vor allem an den Wochenenden. Man hätte Tönning aufwerten müssen. Und: „Das Klinikum wird durch die Schließung Tönnings nicht gerettet.“ Denn auch der Standort Niebüll schreibt 1,2 bis 1,5 Millionen Defizit, soll aber erhalten werden, da sich sonst die Wegzeiten für den Rettungsdienst unvertretbar erhöhten, nämlich um 65 Minuten. Es gebe aber Signale vom Sozialministerium, dass es für Niebüll einen Sicherstellungszuschlag geben könnte, so Nissen. „Wenn es diesen Zuschlag jedoch nicht gibt, wird auch die Diskussion für Niebüll aufgemacht werden müssen.“

Um die Notfallversorgung drehte sich dann auch ein Großteil der Diskussion, fürchten doch viele den Tod im Rettungswagen, wenn von Eiderstedt die Fahrt nach Husum oder Heide gehen muss. Laut Gutachten verlängert sich die Zeit im Durchschnitt um 13 Minuten, und das sei zumutbar. Nissen betonte aber, dass das natürlich nur ein Durchnittswert sei.

Zur von Tönnings Bürgermeisterin Dorothe Klömmer angesprochenen Einrichtung einer Geriatrie, die das Defizit um 250.000 bis 350.000 Euro senken könnte, zitierte Nissen aus dem Gutachten, dass der Bedarf begrenzt sei und die Erlöse in Zukunft sinken werden. Nissen will sich dafür einsetzen, dass die Beschlussformel für den 23. März so formuliert werde, dass die Notfallversorgung und der Betrieb des MVZ vor einer Schließung am 30. Juni 2017 geklärt sein müssen. Auch dass der Durchgangsarzt der Berufsgenossenschaft in Tönning bleiben muss, nahm er aus der Versammlung mit.

Wenig Hoffnung machten Matthias Ilgens abschließende Worte: „Die Alternative zur Schließung Tönnings wäre die Insolvenz und die anschließende Filettierung des Klinikums NF. Die Notfallversorgung muss natürlich gewährleistet sein. Aber schwere Fälle kommen sowieso nicht nach Tönning. Und fragen Sie sich selbst: Wer von Ihnen hat eigentlich das Krankenhaus schon einmal beansprucht?“

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erstellt am 12.Mär.2016 | 07:00 Uhr

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