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Husumer Nachrichten

01. Juli 2016 | 10:09 Uhr

Windpark Langenhorn : Ein Kampf gegen Windmühlen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Eine Langenhorner Familie beklagt gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Infraschall von Windparks. Die Betreiber bedauern, dass nicht direkt Kontakt mit ihnen aufgenommen wurde. Sie wollen jetzt Messungen vornehmen.

Sie sind am Ende. Ihr gesamtes Geld und viel Liebe hat eine Langenhorner Familie in ihr Haus gesteckt. Und dann kamen die Windmühlen. Mehr als 20 Stück stehen auf Grundstücken der Gemeinden Bordelum und Langenhorn nun vor ihrem Haus. Seitdem sei Schlafen für Kinder und Eltern zu einem Fremdwort geworden, sagen die Langenhorner, die namentlich nicht genannt werden wollen. Sie müssten ständigen Lärm wie an einem Flugplatz oder an einer Autobahn ertragen – und ihr Eigenheim habe jetzt bereits einen Wertverlust von 100.000 Euro. Sie wollen nur noch weg.

Hörbarem Infraschall mit sehr hohen Schallpegeln werden Effekte auf das Herz-Kreislaufsystem nachgesagt, die zum Teil sowohl in Tierexperimenten als auch bei Menschen beobachtet werden, beschreibt eine wissenschaftliche Studie des Bayerischen Landesamts für Umwelt und Gesundheit. Auch Ermüdung, Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit, Benommenheit, Schwindelgefühl und Abnahme der Atemfrequenz sowie eine Beeinträchtigung des Schlafes und erhöhte Müdigkeit werden als Wirkungen von Infraschall unterhalb der Hörschwelle aufgeführt. „Dann kann Infraschall zu Störung und Belästigung führen“, heißt es in der Studie.

Für die Ur-Langenhornerin nur ein schwacher Trost. Die gelernte Krankenpflegerin hatte beim Kauf des alten Reetdachhauses in unmittelbarer Nähe zum Grundstück ihrer Großmutter nie damit gerechnet, dass sich ihr Gesundheitszustand, der ihres Mannes und auch der ihrer drei Kinder so extrem verschlechtern würden. „Ich kann nachts nicht schlafen. In der Schule knalle ich aber mit dem Kopf auf den Tisch“, klagt die 15-jährige Tochter über ihre permanente Müdigkeit am Tag. Ihr Vater bekomme nachts Nasenbluten, die Mutter habe Bluthochdruck. Sie müsse Medikamente nehmen.

Liegen die Pegel des Infraschalls unterhalb der Hörschwelle, konnten in Studien am Menschen bisher allerdings keine Wirkungen auf das Gehör, auf das Herz-Kreislauf-System oder andere Symptome beobachtet werden – „auch wenn zahlreiche Forschungsbeiträge entsprechende Hypothesen postulieren“, so die Machbarkeitsstudie zur Wirkung von Infraschall des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2014.

Seit 2007 wohnt die fünfköpfige Langenhorner Familie in der Straße Rott. Damals waren die vier- und sechsjährigen Söhne noch nicht auf der Welt. Außerdem standen weder der Bordelumer noch der Langenhorner Windpark direkt vor der Haustür. Die medizinische Fachkraft hätte nie erwartet, dass von Windkraftanlagen solche negativen Schwingungen ausgehen können, gemeinsam zeichnete das Ehepaar sogar blauäugig Anteile am Bürgerwindpark.

Die 37-jährige Mutter ist nunmehr selbst gezeichnet von den unruhigen Nächten. Fahrig berichtet sie aus ihrem handschriftlichen Tagebuch: Seinerzeit hätte die gelernte medizinische Fachkraft, Menschen, die Beschwerden vortragen, noch als Hypochonder abgetan. Doch ihre Geschichte werde sie bestimmt mit vielen Bordelumern und Langenhornern teilen, ist sich die derzeitige selbstständige Kauffrau sicher. Denn laut ihren Empfindungen dürfe das Thema Windkraft in beiden Gemeinden nicht öffentlich besprochen werden. „Wenn man sich dahingehend äußert, wird man belächelt und bekommt gesagt, man solle sich nicht so anstellen“, rezitiert die Langenhornerin ihre Widersacher. Die dreifache Mutter sei prinzipiell nicht gegen Windkraft, betont sie immer wieder: „Nein, im Gegenteil. Ich bin für die Energiewende. Und ich weiß auch, dass jeder seine Opfer dafür bringen muss“, erklärt sie vehement. „Als wir vor acht Jahren in unser Traumhaus nach West-Langenhorn gezogen sind, hätten wir nicht daran gedacht, dass es zu einer gefühlten Hölle werden könnte. Jedoch war seinerzeit auch von Windkraft keine Rede. “

Natürlich habe sich die Familie schon an die Betreiber gewendet, sie um Hilfe gebeten. Aber wer gesetzlich nicht helfen muss, tut es auch nicht, so ihre Erkenntnis nach etlichen Gesprächen. Ihre Nachbarn seien aufgrund der Windmühlen bereits weggezogen. Das könne ihrer Ansicht nach auch nicht der richtige Weg sein – „aber wir müssen auch verkaufen“, erklären sie. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen könnten die Eltern ihren Kindern und sich selbst nicht mehr zumuten: Lärmeinwirkungen, Schattenwurf, Schlaflosigkeit und Bluthochdruck. Sie wollen eine Entschädigung. „Damit sich der Wertverlust für unser Traumhaus relativiert“, erklärt der 47-jährige Familienvater.

Seit zwei Jahren wollen sie ihr Eigenheim verkaufen. Ein beauftragter Makler hätte viele Interessenten. Aber die Familie benötige eine Entschädigung, um an anderer Stelle wieder neu anfangen zu können. „Ich bin nicht mehr der Jüngste und wir werden geschädigt“, pocht der gebürtige Bredstedter auf sein Recht und bezieht sich auf eine dänische Studie, in der Daten von 48 kleinen und großen Windenergieanlagen (80 Kilowatt bis 3,6 Megawatt) ausgewertet wurden – und zu folgendem Schluss kommt: „Windenergieanlagen emittieren ganz gewiss Infraschall.“

Es sei schade, dass die betroffenen Personen sich nicht direkt mit uns in Verbindung gesetzt hätten, entgegnet Melf Melfsen, Geschäftsführer des Windparks Langenhorn I, auf die Hilferufe über die Presse. Die Familie hätte zwar schon vor einiger Zeit ein Entschädigungszahlung eingefordert. Jedoch bezog sich diese auf bauliche Mängel, die von ihrem eigenen Gutachter infrage gestellt wurden, erinnert er sich. „Sie dürfen aber gerne erneut auf uns zukommen“, bittet der Geschäftsführer um ein Gespräch mit dem West-Langenhorner Ehepaar. Er sieht es ähnlich wie sein Partner Hansjörg Brunk. Daher gibt es jetzt konkrete Pläne, Messungen zum Wohle der Anwohner durchzuführen, zeigt sich Melfsen kooperativ: „Wir wollen damit schnellstens beginnen.“

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erstellt am 24.Sep.2015 | 11:45 Uhr

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