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Husumer Nachrichten

05. Dezember 2016 | 11:40 Uhr

Dorfkrug Lütjenholm : Ein Dorf zimmert sich seinen Gasthof

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Im vergangenen Jahr hat die Gemeinde Lütjenholm ihren ehemaligen Dorfkrug gekauft. Den Umbau organisieren die Bürger zum Großteil selbst – ein Engagement, das in Lütjenholm Tradition hat, sagt der Bürgermeister.

Es gab Zeiten, da gab es ihn in nahezu jedem Dorf: den Landgasthof. Dort trafen sich die Menschen zum Klönen, die Vereine versammelten ihre Mitglieder, kurzum: Der Krug war Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Inzwischen macht der Begriff Gasthöfe-Sterben die Runde. Viele Kröger finden keine Nachfolger oder werfen das Handtuch, weil die Gäste ausbleiben. Andere überleben trotz des demografischen Wandels und geänderten Freizeitverhaltens. Wie ihnen das gelingt, ist ebenso Thema unserer Landgasthof-Serie wie die Facetten des Niedergangs.

Sonnabendmorgen in Lütjenholm: In den meisten Straßen ist es noch ruhig, auf dem Gasthof an der Hauptstraße 8 stehen allerdings schon mehrere Dorfbewohner und verlegen Dachfolie. Es ist Regen angekündigt, bis dahin wollen sie fertig werden. Ein Großteil der Renovierungsarbeiten an dem kürzlich von der Gemeinde gekauften Gebäude wird von den Bürgern selbst erledigt – ein gemeinschaftliches Engagement, das in Lütjenholm Tradition hat, wie Bürgermeister Diedrich Sönksen sagt.

Schon beim Anbau der Schule vor rund 17 Jahren halfen zahlreiche Dorfbewohner mit, etwa 3000 Arbeitsstunden kamen damals zusammen. Vom gesparten Geld konnte noch eine Grillhütte gebaut werden. „Die wird heute von Leuten aus der gesamten Region gemietet“, sagt Sönksens Stellvertreter Erich Scholz. Und beide sind davon überzeugt, dass auch beim Umbau und den Renovierungsarbeiten der Gaststätte wieder ein paar tausend Stunden an Eigenleistung zusammenkommen werden. Zehn bis 20 Einwohner kommen sonnabends regelmäßig zu den gemeinsamen Arbeitstreffen an die Dorfstraße.

Im vergangenen November hatte die Gemeinde den ehemaligen Gasthof Zur alten Schmiede gekauft. Bereits seit rund zwei Jahren stand das Gebäude mit seiner langen und bewegten Geschichte damals leer. Erstmals 1755 taucht die Dorfstraße 8 in der Chronik der Gemeinde auf, damals als Wohnhaus mit Stall, Loh und Schmiede von Jens Petersen. 1794 zog mit Broder Jensen erstmals ein Krüger ein, danach gab es eine ganze Reihe von Betreibern. Manche von ihnen verschwanden spurlos, andere gaben bereits nach kurzer Zeit wieder auf. Häufig hat es zudem gebrannt und mehrfach ist das Haus zwangsversteigert werden – zuletzt im vergangenen Jahr.

Im August 2015 fand der erste Zwangsversteigerungs-Termin des Amtsgerichts Husum statt, nachdem der letzte Betreiber Insolvenz angemeldet hatte. „Damals hatte sich die Gemeindevertretung schon die ersten Gedanken über den Kauf gemacht“, sagt der Bürgermeister. Es kursierten die wildesten Gerüchte über potenzielle Käufer – und mögliche neue Nutzungen. „Die Gefahr der Fremdnutzung bestand“, sagt Sönksen, der den Gasthof gemeinsam mit der Gemeindevertretung unbedingt erhalten wollte: „Dorf-, Vereins- und Familienfeste sollen im Dorf bleiben. Sonst sind es keine Dorffeste mehr.“

Nach vielen Sitzungen hatte die Gemeindevertretung dann beschlossen, an der Zwangsversteigerung teilzunehmen, um genau dem entgegenzuwirken. Man nahm Kontakt zur Bank auf und kaufte den Krog, bevor es überhaupt zu einem zweiten Termin im Rahmen der Zwangsversteigerung kommen konnte. „Seitdem wir die Idee hatten, haben wir auch mit der Finanzierung geplant“, sagt Sönksen. „Und es ist finanzierbar.“ Zwar wisse man, dass sich das Gebäude nie selbst tragen kann – denn auch die Vereine werden nichts zahlen müssen. Doch sei die Gemeinde durch die gute Gewerbesteuereinnahmen aus Windkraft abgesichert.

Kurz nach dem Kauf wurde eine Einwohnerversammlung einberufen, um die Bürger zu informieren. Selbst sollten sie mitentscheiden können, wie man das Gebäude in Zukunft nutzen will und was daran verändert werden könnte. „Die Gemeindevertreter hatten schon einen groben Plan für einen möglichen Umbau erstellt, dem zu 100 Prozent zugestimmt wurde“, sagt Erich Scholz. In einer weiteren Sitzung wurden dann die Details besprochen und der fertige Entwurf an einen Planer übergeben.

Die ehemalige Kegelbahn im hinteren Teil des Gebäudes soll nach einem Wassereinbruch zum Großteil abgerissen werden und stattdessen ein Abstellraum – unter anderem für die Bühne der Theatergruppe – entstehen. „Bislang musste diese außerhalb gelagert werden und für Aufführungen immer mit dem Trecker zum Gasthof gefahren werden“, sagt Scholz. Die Küche wurde bereits entfernt, die Bewirtschaftung bei künftigen Festen soll durch Caterer erfolgen. Der Clubraum im vorderen Gebäudeteil soll zudem vergrößert werden, damit auch kleinere Gruppen, denen der Saal zu groß ist, das Gebäude nutzen können. Außerdem werden die sanitären Anlagen erneuert und das gesamte Erdgeschoss energetisch auf den neusten Stand gebracht. Einzelne Wände und Decken sind bereits isoliert worden, demnächst sollen die Fenster ausgetauscht werden. Für das Obergeschoss mit fünf Gästezimmern und einer Wohnung gibt es bislang keine Pläne.

Ziel ist es, die Arbeiten Ende des Jahres abzuschließen. Doch auch bis dahin finden weiter Feiern statt – im Februar wurde bereits das Feuerwehrfest im Gasthof begangen. In Zukunft soll das Gebäude dann von einem Verein unterhalten werden. Noch gibt es den zwar nicht, aber auch der wird sich finden, ist sich der Bürgermeister sicher: „Der Zusammenhalt im Dorf ist enorm, wenn etwas anzupacken ist.“

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erstellt am 28.Apr.2016 | 15:00 Uhr

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