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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 09:03 Uhr

Almdorf bei Bredstedt : Ein Dorf vermisst seine zahme Elster

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Almdorf bei Bredstedt: So sehr der Vogel die Bewohner mitunter auch nervte, so sehr fehlt er ihnen jetzt: Wurde Stina-Charly gekidnappt?

„Es hört sich vielleicht seltsam an, aber die Almdorfer Elster ist letzte Woche von Ortsfremden gekidnappt worden.“ Mit dieser Nachricht wandte sich Jan Meier an unsere Zeitung. Die Recherche förderte eine spannende Geschichte zutage, die im Mai mit einem frühmorgendlichen Spektakel im Garten der Almdorfer Familie Meier  / Berke begann: „Gegen 5 Uhr holte mich lautes Vogelgeschrei aus dem Bett. Im Baum vor dem Schlafzimmerfenster konnte ich sehen, dass sich mehrere Vögel vehement gegen den Angriff eines Raubvogels zur Wehr setzen. Der gab schließlich auf und so legte ich mich wieder hin“, erinnert sich Jan Meier. Gegen Mittag entdeckte seine 13-jährige Tochter Martje unter dem Baum zwei Vogelküken, die offenbar aus dem Nest gefallen waren. „Eines lebte nicht mehr, das andere aber, eine kleine Elster, nahmen wir mit ins Haus. Wir haben den Vogel mühsam mit der Pinzette gefüttert und tatsächlich kam er langsam zu Kräften“, erzählt Meier.

Als die kleine Elster namens Stina im Juni damit begann, erste Flugversuche zu unternehmen, sollte sie peu á peu an die Freiheit gewöhnt und schließlich ausgewildert werden. Erst hielt sie sich vornehmlich im Garten der Familie auf, unternahm dann aber immer öfter Ausflüge zu den Nachbarn und besuchte auch andere Dorfbewohner. Dabei leistete sie sich so manche kleine Frechheit. So pickte sie dem Dackel gegenüber gerne spielerisch in den Schwanz. Konsequent verfolgte sie Jogger und erschreckte diese mit fiesen Attacken auf den Hinterkopf. Manchmal begleitete sie auch verdutzte Radfahrer ein Stück des Weges oder fuhr auf dem Lenker eines Motorrollers bis an den Dorfrand.

Durch ein kaputtes Fenster gelangte die Elster eines Tages in den Fahrradschuppen von Nachbar Helmut Herbaux und richtete sich dort auf dem Werkzeugschrank ihr Nachtquartier ein: Pünktlich um 22 Uhr kam sie abends nach Hause und flog morgens um 6 Uhr wieder davon. Wenn der Lehrer sein Grundstück verlassen wollte, kalkulierte er stets 15 Minuten mehr ein, denn Charly, wie er die Elster nannte, war immer sofort zur Stelle. Sie versuchte, mit ins Auto zu kommen, um es sich dort auf dem Lenkrad bequem zu machen. Oder sie hüpfte so dicht unter dem Auto herum, dass sich der Tierfreund nicht traute, den Wagen zu starten. Erst wenn es ihm gelungen war, Charly mit kleinen Hundeleckerlis abzulenken, konnte Herbaux zur Arbeit fahren.

Auch an seiner Schule in Bredstedt kannten viele den frechen Vogel, denn im Rahmen einer Projektwoche zum Thema „Tiere schützen“ machten etliche Schüler (auf nicht immer angenehme Weise) Bekanntschaft mit dem „Gast“ ihres Lehrers. Der Vogel pickte nämlich zu gerne in menschliche Beine oder setzte sich ungebeten auf fremde Schultern. Das gefiel nicht jedem. Dennoch hatten alle irgendwie Spaß mit dem Tier, das sich von den Dorfbewohnern offenbar adoptiert fühlte. In Almdorf kannte daher fast jeder Stina-Charly – und so mancher hat seine ganz eigene Geschichte mit dem zahmen Tier erlebt. Dass es sich immer um das gleiche handelte, beweist ein Farbfleck, den sich die Elster bei Familie Meier/Berke geholt hatte, als dort die Fenster weiß gestrichen wurden.

So sehr der Vogel manchmal auch nervte, so sehr vermissen viele nun ihre Dorf-Elster. Alle waren froh darüber, dass sie zuletzt immer mehr Zeit mit ihren Artgenossen verbrachte und sich nicht mehr ganz so viel für die Menschen interessierte. Mit einem erfolgreichen Familienanschluss als Grund für ihr Verschwinden hätten alle leben können, doch seit bekannt wurde, was eine Dorfbewohnerin vergangene Woche beobachtet hat, sind die Almdorfer in Sorge: Sie berichtete Jan Meier nämlich von einem Mädchen, mit dem die Elster auf der Straße „angebandelt“ hatte. Als ein Auto neben dem Mädchen hielt, soll es eingestiegen sein und das Tier zu sich ins Auto gelockt haben. Dann fuhr der Wagen (ein Mercedes?) davon. Seitdem wurde der Vogel nirgendwo mehr gesehen.

Wurde er gekidnappt? Oder steckt etwas ganz anderes hinter den Geschehnissen? Die Almdorfer möchten es wissen, vor allem aber sichergehen, dass es dem Tier gut geht. Daher bitten sie die „Entführer“ darum, Stina-Charly herauszugeben. Möglichst ohne Lösegeldforderung, obwohl man durchaus bereit wäre, im Dorf zu sammeln, wie Jan Meier betont. Er appelliert an das Umfeld der „Täter“: „Wo ist eine extrem zahme Elster mit weißem Farbfleck am Kopf durch ihr zutrauliches und freches Verhalten aufgefallen?“, fragt er und ist sich sicher: Wer Stina-Charly begegnet ist, wird diese Beschreibung sofort zuordnen können.

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erstellt am 02.Sep.2016 | 18:28 Uhr

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