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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 09:03 Uhr

Tierische Grenzgänger in Nordfriesland : Die Problem-Hirsche aus Dänemark

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Eingewandertes Rotwild bereitet Nordfrieslands Jägern zunehmend Sorgen. Auch der Marderhund richtet mittlerweile enorme Schäden an.

Der Kreisjägermeister zielt auf das Bundesjagdgesetz. Im Visier hat der Olderuper Thomas Carstensen Paragraf 27, der die „Verhinderung übermäßigen Wildschadens“ regelt. Wenn ein Bestand nur nach behördlicher Anordnung – also per Abschussplan – unabhängig von den Schonzeiten in bestimmtem Umfang verringert werden dürfe, gehe das an der Realität vorbei. Allein schon, weil die größte Hirschart – das Rotwild – seit einigen Jahren aus Dänemark einwandert und besonders in Südtonderns Landesforsten wachsende Schälschäden verursacht. „Unser Hegering im Norden darf zwar tätig werden, weil die Untere und Obere Jagdbehörde sich keinen anderen Rat wissen und dies dulden“, sagt Nordfrieslands Chef-Waidmann. „Wir agieren aber nach wie vor in der Grauzone“, liefert Carstensen der Regierung des Landes, das längst Verbreitungsgebiet für alle Hochwildarten sei, die Munition, um den umstrittenen Paragrafen abzuschießen.

Die tierischen Immigranten aus Dänemark – wo Rotwild angesichts einer Abschussprämie in Höhe von 5000 Euro pro Hirsch zwar nicht sonderlich alt wird, aber gerade deshalb häufig genug vorkommt – sind nicht das einzige Argument gegen diesen Passus. „Ob durch Rotwild, Gänse oder Kaninchen verursacht – die Zahl der Schadensanträge liegt mittlerweile bei 120 im Jahr“, erklärt Marion Petersen-Klopfer von der Jagd- und Waffenbehörde des Kreises. „Um den Einzelfall zu prüfen, müsste ich eigentlich jedes Mal vor Ort sein – das ist gar nicht leistbar.“

Petersen-Klopfer ist das Bindeglied zur Verwaltung für Carstensen, den Ansprechpartner aller Jäger im Süden des Kreises, und dessen Stellvertreter Manfred Uekermann – der Sylter übernimmt diese Rolle ab einer Linie nördlich von Langenhorn. Beide sind jetzt erneut an die Spitze der rund 1800 Jäger im Kreis gewählt worden. Für den Landrat ein „überzeugender Vertrauensbeweis“. Carstensen und Uekermann informieren Dieter Harrsen regelmäßig über Sorgen und Nöte der grünen Zunft. „Für mich sind diese Treffen sehr wichtig, weil ich die Erkenntnisse an anderen Stellen mit einfließen lassen kann, wenn ich etwa Gespräche über Naturschutzangelegenheiten führe“, unterstreicht der Verwaltungschef bei einem Pressegespräch im Husumer Kreishaus.

Und Erkenntnisse sammelt die Jägerschaft wahrlich genug. Zum Beispiel, dass der wachsende Rotwild-Bestand verbuschte, halb offene Landschaften bevorzugt, die in Nordfriesland allerdings selten vorkommen. Da die Hirsche nicht dumm sind, lernen sie schnell, dass ihnen auf den Feldern, die den Jägern ein freies Schussfeld bieten, mehr Gefahren drohen als im Wald – deshalb verlassen sie die kleinen Wälder so gut wie gar nicht mehr und sind dort schwer zu bejagen. Die nahrhafte Rinde junger Bäume ist für die Tiere eine Delikatesse, die sie gerne abschälen. Stirbt der Baum dadurch ab, entstehen große wirtschaftliche Schäden – und die will kein Jäger mehr im Rahmen eines Jagdpachtvertrages übernehmen. Also bleiben die Waldbesitzer auf ihren Schäden sitzen. Carstensen fordert denn auch einen Interessenausgleich zwischen den Jägern in Feld und Wald: „Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Deshalb werde ich versuchen, alle an einen Tisch zu bekommen.“

Mit Sorge betrachtet man auch den Marderhund, den es seit einigen Jahren vermehrt nach Westen zieht. Hier leben weder Bären noch Luchse und nur wenige Wölfe, die ihm in seiner asiatischen Heimat das Leben schwer machen. „Auf Nordstrand gab es vor einigen Monaten an einem Tag eine Jagdstrecke von fünf Füchsen und fünf Marderhunden“, erinnert sich Carstensen. 200 Exemplare wurden in der Saison 2015/2016 in Nordfriesland erlegt. Der Räuber, der es auf bis zu zwei Würfe im Jahr mit jeweils vier bis sechs Jungen bringt, ist ein Allesfresser. Er nimmt auch Nester der Bodenbrüter sowie kleine Kaninchen und Hasen aus. „Uns Jägern liegt die ganze Natur am Herzen, auch das nicht-jagdbare Wild“, so Uekermann. „Wir haben uns das Ziel gesetzt, das Gleichgewicht in der Natur zu fördern. Dafür ist es zwingend erforderlich, den Bestand des Marderhundes möglichst gering zu halten. Er verringert die Artenvielfalt.“

Auch Grau- und Nonnengänse finden in Nordfriesland ideale Lebensbedingungen vor, haben hier aber außer dem Fuchs keine natürlichen Feinde. Für Landwirte mittlerweile ein Riesen-Problem, weil die Vögel die Saaten wegfressen und die Felder und Wiesen verschmutzen.

Dem mehrfach von Harrsen an das Land gerichteten Appell, schnell eine Entschädigungsregelung für die Landwirte in Kraft zu setzen, schließen sich Carstensen und Uekermann an. „Parallel dazu sollte die Bejagung der Gänse vereinfacht werden“, hofft auch Petersen-Klopfer. „Momentan müssen wir jeden Abschuss außerhalb der Jagdzeit einzeln genehmigen.“ Im vergangenen Jahr habe allein diese bürokratische Notwendigkeit rund 100 Verwaltungsvorgänge ausgelöst.

Und Uekermann schlägt in diesem Zusammenhang vor, „die vom Land aus der Bewirtschaftung genommenen Vorlandflächen zu mähen und zu mulchen – oder, noch besser, wieder wie früher in Beweidung zu nehmen“. Denn Versuche hätten gezeigt, dass Gänse gern auf kurzgrasigen Wiesen fressen, weil dort das Gras eiweiß- und nährstoffreicher ist. „So ließe sich viel Druck von den landwirtschaftlichen Flächen nehmen“, sagt der stellvertretende Kreisjägermeister. Das Land setze jedoch immer noch auf den Vertragsnaturschutz und hoffe, die Landwirte dazu bewegen zu können, große, nebeneinanderliegende Flächen als Nahrungsgebiete für Gänse zur Verfügung zu stellen. „Ich halte das für Wunschdenken. Das widerspricht betriebswirtschaftlichen Erfordernissen und wird nicht funktionieren“, erklärt Carstensen.

Während die Gänse gedeckte Tische vorfinden, haben ihre bodenbrütenden Verwandten auf den Halligen massive Probleme: Auf Langeneß, Oland und Nordstrandischmoor fiel praktisch der komplette Bestand an Löfflern und Austernfischern eingewanderten Räubern zum Opfer. Dazu der Kreisjägermeister: „Jedem Fachmann war klar, dass Fuchs und Marderhund sich nicht von der Fuchssperre am Olanddamm stoppen lassen würden.“ Vogelschützer fordern die ganzjährige Bejagung der Raubsäuger auf den Halligen. Das allerdings widerspreche dem Jagdgesetz, denn Elterntiere seien in der Brut- und Aufzuchtzeit immer geschützt. „Auch hier brauchen wir ein abgestimmtes Gesamtkonzept, um sowohl den Menschen als auch der Tierwelt gerecht zu werden“, fordert Uekermann. „Halligbewohner, Jäger und Nationalparkamt müssen an einen Tisch.“

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erstellt am 08.Nov.2016 | 15:00 Uhr

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