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Husumer Nachrichten

11. Dezember 2016 | 07:13 Uhr

Milchkrise in Schleswig-Holstein : Die Milch macht’s nicht mehr - Bauer Petersen aus Hochviöl gibt auf

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Von den mehr als 4000 spezialisierten Betrieben in Schleswig-Holstein haben 250 in diesem Jahr geschlossen: Auch Paul Petersen (62) zwang die Milchkrise in die Knie.

Auf dem Hof in Hochviöl ist es idyllisch an diesem Nachmittag im September. Alles scheint wie immer zu sein. Zwei Esel grasen neben der Zufahrtstraße, Hund Strolchi jagt nach einer Katze. Die Sonne scheint und taucht alles in goldenes Licht. Paul und Petra Petersen stehen vor ihrem Wohnhaus mit Reetdach. Der leichte Wind weht ihnen ins Gesicht. Beide kommen gerade aus dem Urlaub und wirken erholt. Es war der erste seit langer Zeit.

Am 15. August hat Paul Petersen seine 50 Milchkühe auf die Nachbarkoppel getrieben. Für immer. Der 62-Jährige hat den Familienbetrieb, der seit 1919 existierte, aufgegeben. Die Tiere hat ein Nachbar gekauft, ebenso das Wohnhaus und die Ställe. Seine 40 Hektar Eigenland hat er verpachtet. Die Milch auf dem Küchentisch stammt schon nicht mehr von den eigenen Kühen. Gerne hätte Petersen noch ein, zwei Jahre länger gemacht, aber die derzeitige Milchkrise hat ihn im Mai zum Umdenken bewegt. Jetzt steht er vor den leeren Ställen, wo das gemütliche Muhen verstummt ist. Bald zieht das Ehepaar nach Viöl. Dann ist das Kapitel Milchhof Petersen endgültig abgeschlossen.

„Ein bisschen Abstand tut der Sache ganz gut“, sagt Petersen. Seine Frau ergänzt: „Dann muss man nicht immer draufgucken.“ 40 Cent pro Liter Milch hätten drin sein müssen, um wirtschaftlich weiterzuarbeiten. 30 Cent wären auch gegangen, doch dann seien keine großen Investitionen drin gewesen. 10.000 Liter Milch produziert jede seiner Kühe im Jahr.

Im Mai lag der Milchpreis dann unter der 30-Cent-Marke. Der Stall aus dem Jahr 1978 muss repariert werden, in die Melkanlage hätten knapp 6000 Euro investiert werden müssen. Ein Steuerberater kalkuliert alles mit den Petersens durch. Das Ergebnis: Zwei Euro Stundenlohn kommen bei der Schufterei rum. Die Entscheidung, den Betrieb aufzugeben, fiel nicht leicht. „Meinem Mann ging es ein Vierteljahr nicht gut“, sagt Petra Petersen. Nie habe er Tiere zugekauft, jedes Kalb in seinen Händen gehabt, sagt der 62-Jährige. „Man gibt einen Teil der Familie auf.“

Mittlerweile ist er erleichtert, so entschieden zu haben. „Das Schlimme ist ja nicht die Arbeit, sondern der Papierkram.“ Von der Milchkontrolle über die Sauberkeit oder das Medikamentenbuch bis hin zur Dokumentation des Tierwohls: Der Verwaltungsaufwand sei immens und immer auch an Agrarprämien gekoppelt, sagt der Landwirt über seinen Job, der auch unabhängig davon hart ist und wenig Raum für Freizeit übrig lässt. „Man hängt halt mit dem Herzen dran“, sagt er.

Milch in Zahlen

Ein Bundesbürger verzehrt im Jahr im Schnitt 54 Kilogramm Milch, 24,5 Kilo Käse, 17 Kilo Joghurt und sechs Kilo Butter. Aus 22 Litern Milch, der durchschnittlichen Tagesmenge einer Kuh, lassen sich beispielsweise fünf Päckchen Butter, zwei Kilo Magermilchpulver oder 2,5 Kilo Schnittkäse herstellen.  An einer Packung der günstigsten Vollmilch  für exemplarische 46 Cent verdient der Landwirt 15,3 Cent. Eine Hochleistungsmilchkuh hat heute eine Lebenserwartung von sechs Jahren und gibt bis zu 50 Liter pro Tag. Der tägliche Energiebedarf liegt bei rund 60.000 Kalorien. Vor 100 Jahren gab eine Kuh 20 Liter, lebte im Schnitt 20 Jahre und vertilgte Futter im Gegenwert von rund 10.000 Kalorien.

 

Doch als dann der Preis immer weiter in den Keller rutschte, ging es bei dem 62-Jährigen auch an die Substanz. „Ich hatte keine Lust, irgendwann im Stall umzukippen.“ Einen Nachfolger für den Betrieb gab es nicht, und so stand die Entscheidung fest: besser jetzt als zu spät. Ein zweites Standbein kam in ihrem Alter nicht mehr in Frage und die Petersens hatten sich in den guten Jahren von 2010 bis 2014 ein Polster aufgebaut, um im Fall des Falles liquide zu bleiben.

Schon bei der Milchkrise 2008 und 2009 hatte das Ehepaar Geld verloren. Die jetzigen EU-Hilfen? „Die sind ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagen beide. Drei Monate 14 Cent für jeden nicht produzierten Liter Milch sei erstens zu wenig, und dann bleibe die Frage, wie es danach weitergehe noch immer unbeantwortet. Dabei hätten die Prognosen vor der Krise zunächst vielversprechend ausgesehen. Dann kam das russische Embargo, der Nachfragerückgang aus China und das billige Öl, weshalb viele arabische Staaten weniger Milchprodukte importiert hätten. Dann habe auch noch Aldi wegen des Überangebots die Preise gedrückt.

„Der Wegfall der Milchquote ist nur zu einem geringen Teil Schuld an der Misere“, sagt Petersen. Da käme einiges zusammen. Viele Bauern hätten zu viel produziert, jetzt müsse der Markt das regeln. „Am Ende geht das nicht, ohne dass Bauern ihren Betrieb aufgeben. Nur so geht die Milchmenge hierzulande runter“, sagen die Petersens. „Aber Länder wie die USA oder Neuseeland produzieren einfach weiter, egal ob wir hier die Produktion einschränken oder nicht.“ Die Milchmenge ist in diesem Jahr tatsächlich weniger geworden. „Eine Patentlösung ist das alles nicht“, sagen die Petersens. Die gebe es aber auch nicht.

Der 62-Jährige weiß, wovon er spricht. 25 Jahre lang war er im Vorstand der Meierei Viöl, 30 Jahre lang Ausbilder. Dass es keine Milchquote mehr gibt, sei schade. „Die hätte sich länger halten sollen. Immerhin gab das für rund 30 Jahre Sicherheit.“ Bauern stünden heute mehr und mehr in Konkurrenz zueinander und eine wirkliche Lobby hätten die Landwirte auch nicht. „Mit dem Wegfall der Quote überleben jetzt Betriebe, die gut finanziert sind“, sagt Petersen. 160 bis 200 Kühe seien das Minimum. Da gehe es um Millionen. Früher sei sein Betrieb durchschnittlich groß gewesen. „Heute ist das klein.“

Als 1957 ein moderner Stall gebaut wurde, habe es sogar Betriebsbesichtigungen gegeben. Doch das ist Geschichte. „Wir müssen das jetzt ordentlich auflösen und dann gucken, wie es weitergeht“, sagt der Landwirt. Einige ehemalige Lehrlinge des Betriebs sind noch gut mit den Petersens befreundet. Sie können die Entscheidung nachvollziehen. Dass er seine Kühe jetzt nicht mehr melken muss, sie aber ab und an noch auf der Weide sehen kann, gibt Petersen ein angenehmes Gefühl. „Ich weiß, dass sie gut behandelt werden. Das war mir wichtig.“

Mit den Petersens geht in Hochviöl auch ein Stück Dorfleben verloren. „Viele sind bereits weggezogen“, sagt die 65-Jährige. Darunter leide die Gemeinschaft. „Jetzt folgen bald wir.“ Die Geschichte der Petersens ist eine von 250 und steht exemplarisch für ein Problem ohne Lösung.

Für die Erzeuger ist die Krise noch lange nicht überwunden

Bis Mai 2016 haben laut Daten des Statistikamtes Nord rund 3,7 Prozent der Milchbetriebe im Land aufgegeben. Waren es im Mai 2015 noch 4418, sind es zum gleichen Zeitpunkt 2016 nur noch 4255 Betriebe. Stephan Gerstauer, Generalsekretär des Bauernverbandes, schätzte die Zahl im August sogar noch höher, auf rund 250 Betriebe, ein. Die nächsten Zahlen gibt es im November. Auch wenn sich die Preise  etwas verbessert hätten, sei die Milchkrise für die Milcherzeuger in Schleswig-Holstein noch lange nicht überwunden, sagt Nicola Kabel, Pressesprecherin des Landeswirtschaftsministeriums in Kiel. „Die Preise sind noch bei Weitem unter dem, was die Bauern brauchen.“

Der Preis für das Kilo Milch lag im Juli bei 22 Cent. 35 wären erforderlich, um kostendeckend zu arbeiten. „Die Bauern machen immer noch mit jedem Liter, den sie melken, minus“, sagt Kabel. Im Jahr werden im Land knapp drei Millionen Tonnen Milch erzeugt. Die leichte Markterholung sei bei den schleswig-holsteinischen Bauern noch nicht angekommen. Grund dafür seien auch bestehende Kontrakte. Wichtig sei nun, dass die anstehenden Preisverhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel erfolgreich verlaufen.

Gut ein Viertel aller Milchbetriebe im Land hat derweil einen Antrag auf Beihilfen gestellt. Die Bauern wollen die Milchmenge in einem ersten Zeitraum von Oktober bis Dezember freiwillig drosseln. Dafür zahlt  die Europäische Union pro nicht produziertem Kilo Milch 14 Cent. Die EU hatte im Juli ein zweites  Hilfspaket in Höhe von 500 Millionen Euro geschnürt. Es enthält die 150 Millionen für die Drosselung und weitere 350 Millionen Euro zur Verteilung an die EU-Staaten. Deutschland erhält  58 Millionen Euro. Der Bund stockt die Hilfsgelder auf 116 Millionen Euro auf.

Warum die Milch so billig ist, und wie es weitergehen könnte, können Sie hier nachlesen.  Und auf dieser Karte finden Sie die Milchtankstellen in Schleswig-Holstein:

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erstellt am 03.Okt.2016 | 15:54 Uhr

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