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Husumer Nachrichten

09. Dezember 2016 | 14:44 Uhr

Schienen-Gespräche : Die Angst vor dem Abstellgleis

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vierter und letzter Teil im IHK-Dialog um die Energiewende auf der Schiene: Eine Expertenrunde fordert in Husum einmal mehr eine bessere Anbindung der Westküste ein.

Es ist diese latente Angst, über kurz oder lang abgekoppelt zu werden vom Rest der Republik. Wem logistisch und verkehrspolitisch eine Randlage zukommt, der fühlt sich schon mal näher am Abstellgleis als andere Regionen. Zur (termino-)logischen Frage „Kommt der Norden noch zum Zug?“ ist es da nicht mehr weit. In den Raum gestellt hat sie am Donnerstag, 8. September, im Husumer Nordsee-Congress-Centrum die Industrie- und Handelskammer (IHK) Flensburg – im vierten und letzten Teil ihrer Dialogreihe „Energiewende auf der Schiene“. Gemeinsam mit der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft Schleswig-Holstein (DVWG SH) richtete man als Veranstalter dabei den Fokus auf die Perspektiven und Optionen, die eine bessere Anbindung der nordfriesischen Inseln, Halligen und der Westküste über das Schienennetz bieten würden. Rund 50 Fachleute, Bürgermeister, Amtsvorsteher und andere Interessierte konnten Dirk Nicolaisen (IHK) und Ingo Dehwald-Kehrer (DVWG) dazu begrüßen.

Mit zahlreichen Akteuren aus Wirtschaft und Politik fordern die Gastgeber nicht erst seit gestern die Elektrifizierung und den zweigleisigen Ausbau der Marschbahn-Strecke, um den Engpass im nördlichen Abschnitt zwischen Klanxbüll und Westerland auf Sylt zu beseitigen. Damit ließen sich dort die Verkehre neu ordnen – und letztlich Kosten senken, Impulse für die Wirtschaft setzen und die Nachfrage steigern.

Tourismus-Experte Nicolaisen nutzte seine Einleitung erst einmal dazu, um „offene Worte“ zur aufgekommenen Diskussion um eine mögliche Reaktivierung der Bahnstrecke Flensburg-Niebüll zu sprechen. Das sei beileibe keine „Fata Morgana“ (wie Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen den Vorstoß jüngst bezeichnet hatte; Anm. d. Red.) – und auch nicht „unausgegoren“. In der Auflistung der eigenen Verkehrspolitischen Grundsatzpositionen finde sich dazu – übrigens eine Prioritätsstufe unter der bereits erwähnten „Ertüchtigung der Marschbahn“ (B.1.) – folgende Einschätzung der IHK, die „nicht unter Realitätsverlust leidet und sich in der Regel durch ihre Bodenhaftung auszeichnet“: Eine Reaktivierung würde den Aufbau einer Nahverkehrsachse (Lübeck-)Kiel-Flensburg-Niebüll-Westerland  /  Dagebüll ermöglichen und damit den Nahverkehr in Ost-West-Richtung stärken. Nutzungspotenzial ergäbe sich zusätzlich auch im Fernverkehr. Der weitaus überwiegende Teil der Fernverkehrsreisenden auf der Marschbahn hat Westerland (rund zwei Drittel) sowie Dagebüll-Mole als Reiseziel. Eine Reaktivierung und Elektrifizierung der Strecke Flensburg-Niebüll einschließlich anschließender Elektrifizierung weiter bis Westerland würde in erheblichem Umfang regionale Absatzmöglichkeiten für Windstrom aus Nordfriesland schaffen. Nicolaisen: „Dazu sollte es kein Denkverbot geben.“

Dass die effiziente Anbindung der Westküste mit den Inseln und Halligen sowohl für Pendler als auch für Touristen von großer Bedeutung ist, machte noch einmal Bente Grimm vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) deutlich. Besonders für Urlaubsgäste spielen die Faktoren Erreichbarkeit und Verkürzung der Reisezeit eine wesentliche Rolle. Das verdeutlicht auch eine aktuelle Studie zu „Mobilität und Tourismus in Schleswig-Holstein“, an der Grimm im Auftrag des Tourismusverbandes Schleswig-Holstein mitgewirkt hat – und deren Ergebnisse sie nun in Husum vorstellte. Eine der zentralen Botschaften: „Auf der Schiene liegt noch sehr viel Potenzial“ – nicht nur angesichts der Tatsache, dass kein anderes Bundesland einen geringeren Anteil an Bahn-Urlauben aufweist als Schleswig-Holstein (2014: sieben Prozent). Erforderlich sei ein touristisches Mobilitätskonzept, so Grimm. Voraussetzung für dessen Erfolg sei die Abstimmung der „Mobilitätserfordernisse der Zukunft“ mit den touristischen Strategien auf regionaler und landesweiter Ebene – besonders auch in Bezug auf das Ziel der Nachhaltigkeit.

Moritz Luft, Marketing-Chef der Insel Sylt, ließ ebenfalls keinen Zweifel daran, warum die Verbesserung der Bahnanbindung für den regionalen Tourismus so wichtig ist. 2016 werde die Zahl der Ankünfte in der Sylter Aufenthaltsdauer-Statistik erstmals die Schallgrenze von 900.000 überschreiten – bei aktuell 6,7 Millionen Übernachtungen im Jahr. „Dagegen blieb die Anzahl der Zugverbindungen in den letzten zehn Jahren nahezu gleich“, rechnete Luft vor und listete am Ende die Sylter Forderungen auf: dringender Straßenausbau inklusive Alternativen zur Elbquerung (B 5, A 20 und A-21-Verlängerung bis zur A 39), Elektrifizierung der Marschbahn-Strecke sowie deren durchgehende Zweigleisigkeit, Ausbau des dritten Gleises zwischen Elmshorn und Hamburg, kurzfristige Verbesserung der Infrastruktur (Übergänge, Weichen etc.), keine weiteren Planungen zum Ausbau der Strecke Niebüll-Flensburg sowie stärkere Wertschätzung und gemeinsame Förderung des Flughafens Sylt.

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erstellt am 09.Sep.2016 | 15:00 Uhr

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