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Husumer Nachrichten

07. Dezember 2016 | 13:38 Uhr

Mit Rollstühlen ins Watt vor Nordstrand : „Das ist wie ein geschenkter Tag“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Zum inzwischen fünften Mal sind die Bewohner einer Bredstedter Seniorenwohnanlage zu einem Ausflug vor die Küste Nordstrands aufgebrochen

„Wir machen einen Ausflug nach Nordstrand, picknicken am Deich von Fuhlehörn und gehen dort auch ins Watt.“ Was sich für die meisten von uns ganz normal und fast schon alltäglich anhört, ist für manche Menschen ein Erlebnis, von dem sie in ihrem Leben nicht (mehr) zu träumen gewagt hätten. Dementsprechend fließen dann oft auch die Tränen, wenn das scheinbar Unmögliche für eben diese Menschen möglich gemacht wird. Gemeint sind die Bewohner der Seniorenwohnanlage Bredstedt, denen das Team um Pflegedienstleiterin Anka Clausen nun zum inzwischen fünften Mal ein aufregendes Watterlebnis beschert hat.

Bei allerschönstem Sommerwetter fuhren sie mit 24 Bewohnern hinaus nach Nordstrand. An der Badestelle Fuhlehörn hatte Anka Clausen Strandkörbe reservieren lassen, die im Halbrund aufgestellt allen den Blick aufs Meer ermöglichen sollten. Für den Transport wurden geländegängige Leihrollstühle organisiert und jede Menge Decken, Kissen sowie Hygieneutensilien eingepackt. Sogar an Waschschüsseln zum Reinigen der Füße und frische Socken hatte jemand gedacht. Mit Kaffee, kleinen Snacks und dem gegen Mittag vom Heim direkt an den Deich gelieferten Imbiss waren alle bestens versorgt.

Doch das Picknick war nur ein Teil eines ganz besonderen Plans, und die Idee dazu hatte die Physiotherapeutin des Heims bereits vor fünf Jahren: „Sie meinte, wir sollten mit unseren Bewohnern auch ins Watt gehen“, erinnert sich Anka Clausen daran, wie alles begann. „Natürlich fragt man sich da zuerst, wie das gehen soll, schließlich sind die meisten unserer Senioren auf Rollatoren oder gar Rollstühle angewiesen. Die wenigsten sind noch einigermaßen gut zu Fuß.“ Doch die Physiotherapeutin wusste Rat: „Als ehrenamtliche Nationalpark-Wattführerin habe ich Zugriff auf die speziellen Wattrollstühle der Gemeinde Nordstrand, und die orderte ich kurzerhand für den ersten Ausflug“, erzählt Christine Dethleffsen.

Und tatsächlich: Was von fast allen anfangs kritisch beäugt wurde, klappte erstaunlich gut. Die Senioren wurden in die Watt-Rollis gesetzt und bei Ebbe weit hinaus geschoben. An einem Priel halfen ihnen die Betreuer dann langsam ins Wasser. Ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, freundeten sich alle mit dem Teil unserer Region an, dem sie sich aufgrund ihrer körperlichen Konstitution oft schon sehr lange nicht mehr hatten nähern können.

Dabei geschah etwas fast Unglaubliches: So manche alte Dame, die sich sonst nur noch mit kurzen Tippelschritten vorwärtsbewegt, wagte bei diesem gestützten Spaziergang durch den Priel plötzlich wieder richtige Schritte und ließ sogar das Wasser übermütig aufspritzen. Etliche, die zuvor am Deich in gebeugter Haltung gestartet waren, hielten sich mit einem Mal aufrecht und strahlten über das ganze Gesicht. „Das sind die Augenblicke, in denen auch uns das Herz aufgeht“, zeigte sich eine Betreuerin sichtlich bewegt, als die Tour ins Watt nun zum inzwischen fünften Mal stattfand. Ein Drittel der Heimbewohner konnte und wollte diesmal daran teilnehmen. Schon Tage vorher waren alle sehr aufgeregt, weil es nun bald wieder losgehen sollte.

„Bei so einem Spaziergang passiert ganz viel“, erklärt Christine Dethleffsen und beschreibt das Gefühl als natürliche Fußmassage, mit der alle Sinne geweckt werden. Um das zu unterstützen und den Teilnehmern nachhaltige Erinnerungen zu schenken, grub sie vor den Augen der Senioren Wattwürmer aus, zeigte ihnen Krebse und andere Meeresbewohner, ließ sie das Salz auf der Haut schmecken und am Seetang schnuppern. Das gab vielen einen zusätzlichen Kick: Manche, die im Alltag sonst kaum noch Worte verlieren, fingen plötzlich an, aus ihrer Kindheit zu erzählen, in der sie an der Nordsee glückliche Zeiten verlebt haben. So erinnerte der ausgegrabene Wattwurm einen alten Herrn daran, wie gerne er früher geangelt und zu diesem Zweck nach Würmern gebuddelt hat. Eine Senioren fasst das Erlebte mit den Worten zusammen: „Das ist wie ein geschenkter Tag.“

Und damit alle diesen kleinen Urlaub vom Heimalltag rundum genießen konnten, gab es quasi eine 1:1-Betreuung: Zusätzlich zu den Mitarbeitern sowie einigen Angehörigen aus dem Bredstedter Heim begleiteten elf Schüler der Husumer Altenpflegeschule ÖBiZ (Ökumenisches Bildungszentrum) die Senioren nach Nordstrand und packten tatkräftig mit an. „Ich weiß jetzt schon, dass auch morgen noch alle leuchtende Augen haben und von nichts anderem reden werden“, freute sich Anka Clausen über den gelungenen Ausflug.

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