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Husumer Nachrichten

10. Dezember 2016 | 09:55 Uhr

Nordstrand : Das Ende einer Tradition

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach 130 Jahren schließt die Norderbäckerei auf Nordstrand-Osterdeich ihre Pforten. Für die Region wird der Strukturwandel immer spürbarer.

Eike Friedrichsen wollte nicht mehr. Ihre Norderbäckerei auf dem Osterdeich 104 in Nordstrand ist seit diesem Monat geschlossen. In der Vergangenheit sanken die Umsätze stetig und die Jahresgewinne fielen zunehmend geringer aus. „Ketten und Discounter produzieren Brot und Brötchen in Massen und für Preise, zu denen wir wirtschaftlich nicht mithalten können“, sagt die 63-Jährige.

291 Bäckereien sind 2016 in der Handwerksrolle Schleswig-Holstein eingetragen. 2010 waren es noch 368. Jedes Jahr schließen im Schnitt zehn bis 15 Bäckereien im Land. 2016 ist auch die von Eike Friedrichsen dabei. „Es sind eher die kleineren Betriebe, die aufhören, weil sie beispielsweise keinen Nachfolger finden“, sagt Landesinnungsmeisterin der Bäcker- und Konditorenvereinigung Nord, Maren Andresen. „Die größeren Handwerksbetriebe werden dafür immer größer.“ Im Schnitt hätten die Betriebe heute rund 22 Mitarbeiter. Vor fünf Jahren seien es noch 20 gewesen. Der Backwarenumsatz steige und sowohl die Zahl der Verkaufsstellen als auch die Mitarbeiterzahlen seien stabil, so Andresen.

In Eike Friedrichsens Laden seien vor allem ältere Kunden gekommen. Die meisten jungen Leute würden heute nicht mehr bei Bäckereien wie ihrer kaufen, sondern zu den Großen gehen. „Die Preise zu erhöhen, ergibt dann ja auch keinen Sinn mehr“, sagt Friedrichsen etwas resignierend. Auch Andresen bestätigt: Discounter machen dem Bäckerhandwerk „zu schaffen“ – vor allem bei Brot und Brötchen. „Die meisten gleichen das aber durch ein gutes Snackangebot wieder aus“, sagt die Innungsmeisterin. Damit meint sie zum Beispiel belegte Brötchen, Teilchen oder Heißgetränke.

Die Norderbäckerei bekam auch zu spüren, dass die meisten Insulaner heute zum Tanken über den Damm aufs Festland fahren und dort auch gleich einkaufen gehen. Auf Nordstrand selbst gibt es keine Tankstelle mehr und auch keine Apotheke. „Das Problem haben die Einwohner selbst erzeugt. Es ist wirtschaftlicher Natur“, sagt Nordstrands Bürgermeister Werner-Peter Paulsen. Wer alles beispielsweise bei einem Arztbesuch auf dem Festland erledige und hier vor Ort nichts mehr kaufe, nehme das Ende solcher Geschäfte in Kauf. Zusätzlich hört einer der letzten beiden Ärzte auf der Insel Anfang 2017 auf. „Er geht in den Ruhestand, aber es gibt bereits Verhandlungen über einen Nachfolger“, sagt Paulsen. Wenn es sich machen lässt, würde der Bürgermeister in Zukunft gerne wieder eine Tankstelle oder eine Apotheke ansiedeln. Einrichtungen wie der neue Kindergarten mit Mensa und Nachmittagsbetreuung sollen dem strukturellen Wandel auf dem Land entgegenwirken. Trotz der Probleme solle der Inselcharakter und die ländliche Struktur auf Nordstrand erhalten bleiben. „Wir wollen hier kein St. Peter-Ording oder Büsum“, sagt Paulsen.

Am Ende der Traditionsbäckerei ändert das nichts mehr. Denn als Friedrichsen zusätzlich noch 10.000 Euro in ihren defekten Ofen stecken sollte und sie Probleme mit der Bandscheibe bekam, stand nach einer Reihe schlafloser Nächte fest: „Das macht keinen Sinn mehr.“ Leicht gefallen sei ihr dieser Schritt allerdings keinesfalls. Sie denkt dabei auch an ihren Gesellen. Klaus-Dieter Bahr war seit 36 Jahren ebenfalls mit der Norderbäckerei verwachsen, machte schon seine Ausbildung im Betrieb. Doch das Geschäft habe er nicht übernehmen wollen. Wie es für ihn weitergehe sei noch offen, sagt Friedrichsen. Ihr langjähriger Mitarbeiter habe wie sie die Hoffnung auf bessere Zeiten für die Bäckerei zuletzt aufgegeben. Doch die gab es: Gegründet wurde die Norderbäckerei im Jahr 1886 durch die Familie Winkel. 1921 wurde sie von Johannes Christiansen erworben. 1954 übernahmen dann Pauline und Ewald Friedrichsen aus Joldelund das Ruder. Die Bäckerei wurde modernisiert . Sohn Ewald lernte im väterlichen Betrieb das Bäckerhandwerk und machte nach den üblichen Gesellenjahren seine Meisterprüfung.

Sein Vater starb am 15. Januar 1973 nach schwerer Krankheit. Mit nur 22 Jahren übernahm Ewald Friedrichsen jun. die Bäckerei. An seiner Seite halfen Mutter Pauline und seine Frau, die junge Apothekenhelferin Eike Friedrichsen. „45 Jahre lang habe ich in der Bäckerei gearbeitet“, sagt die 63-Jährige, die ihren Mann am 4. Mai 1972 heiratete. Seither half sie in der Backstube der Bäckerei mit, stand hinter dem Tresen und fuhr Backwaren zu Kunden oder verkaufte sie auf Märkten.

Nachdem ihr Mann am 20. Oktober 2005 überraschend verstarb, stand sie plötzlich allein mit der Bäckerei da. Mit Klaus-Dieter Bahr machte sie noch bis Ende September weiter. Jetzt ist nach 130 Jahren die Ära Norderbäcker auf dem Osterdeich beendet.

„Es ist immer schade um solche Traditionsbetriebe“, sagt Bürgermeister Paulsen. Doch ohne Nachfolger sei es immer schwer. Mit dem Ende der Bäckerei verbunden bleibt auch die Frage, was die Verbraucher hätten tun können, um das für die Ernährung und für die Gemeinschaft wichtige Handwerk zu erhalten? „Mehr zum Handwerksbäcker gehen und weniger Industriebrot einkaufen“, sagt Friedrichsen. „Wir haben immer mit Naturzutaten gebacken und auf Chemie verzichtet.“ Der Renner seien ihr Schwarzbrot und die Brötchen gewesen. „Hier bedauern alle, dass es die jetzt nicht mehr gibt.“ Doch nicht nur das Brot fehle: „Mit dem Ende der Bäckerei ist auch ein sozialer Treffpunkt verloren gegangen. Die Leute kamen gern auf einen Schnack vorbei.“ Wie es für sie weitergeht, weiß Eike Friedrichsen noch nicht. In ihrem Haus möchte sie wohnen bleiben. Dort vermietet sie Wohnungen an Monteure und lebt von einer kleine Rente. Die Geschäftsaufgabe habe auch etwas positives. Das frühe Aufstehen sei weggefallen und auch sieben Tage die Woche arbeiten müsse sie jetzt nicht mehr. „Das ist schon eine Erleichterung.“

Mitten in der Nacht mit der Arbeit zu beginnen ist wohl eines der Hauptargumente gegen den Bäckerberuf. Heute versucht das Bäckerhandwerk die Nachwuchsprobleme, die Andresen als „nicht dramatisch“ bezeichnet, über ein modernes Internetportal anzugehen. Unter dem Motto „Back dir deine Zukunft“ wird auf dem gleichnamigen Portal für den Beruf und die Karrieremöglichkeiten geworben und mit den Vorurteilen aufgeräumt. Wer hat schon am Mittag frei, wenn alle anderen noch im Büro sitzen? Der Bäcker.

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erstellt am 16.Okt.2016 | 08:00 Uhr

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