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Öffentliche Anhörung : Damit Öko-Strom nicht verloren geht

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Professor der Fachhochschule Kiel möchte die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen für eine ganz besondere Idee zur Wind-Wärme-Pilotregion erklären. Im Kreishaus in Husum stellte er sein Konzept vor - und das gefällt auch dem Bundesumweltminister.

Es klingt ganz einfach – und die Hauptsache: Es soll funktionieren. Aber Theorie ist eine Sache, in der Praxis gelten immer andere Gesetze. Deshalb möchte Constantin Kinias die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen als Wind-Wärme-Pilotregion nutzen. Der Professor ist Direktor des Institus für Produktionstechnik und Leiter des Labors für Arbeitswissenschaft (LfA) an der Fachhochschule in Kiel. In einer öffentlichen Anhörung im Kreishaus in Husum, die die SSW-Fraktion über den Kreistag angeregt hatte, erläuterte der Experte seine Zukunftspläne. Im Kern geht es darum, aus Wind und Sonne erzeugten Strom, der nicht ins Netz abtransportiert wird, zum Heizen und für das Erhitzen von Wasser zu verwenden.

Da die Produktion von Öko-Strom zunehmen wird, sieht Kinias voraus, dass es demzufolge immer öfter zu Abschaltungen von Windkraft- und Solaranlagen kommen wird. Die Einspeiseleistung des sauberen Stroms muss reduziert werden, da sich Atomkraftwerke nicht flexibel herauf- und herunterfahren lassen, sodass deren Energie im Stromnetz Vorfahrt bekommen muss. Da die Erzeuger von Wind- und Sonnenstrom durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz in jedem Fall Anspruch auf eine Vergütung haben, ist diese Summe ebenfalls stark angestiegen. Für die Nachbarn an der Westküste – bei denen landesweit die meiste Energie verloren geht – legte Constantin Kinias Berechnungen für das vergangene Jahr vor: Danach wurden in Nordfriesland 100 Gigawattstunden (GWh) Energie nicht genutzt, für die etwa elf Millionen Euro gezahlt werden mussten, in Dithmarschen waren es 188 Gigawattstunden und 20 Millionen. Beim Blick auf Schleswig-Holstein handelte es sich um 346 Gigawattstunden und 37 Millionen Euro. Der Professor betonte, dass das ganze Jahr abgeschaltet wird.

Das von ihm mit einem Team entwickelte Modell sieht vor, in der Phase, in der zu viel Energie vorhanden ist, sodass es „sinnvoll ist, elektrisch zu heizen“, den nicht genutzten Öko-Strom in die Häuser zu bringen – zu einem günstigeren Preis als wirtschaftlicher Anreiz: Sechs Cent pro Kilowattstunde schweben Kinias vor.

Die Idee: Ein „Unterzähler“ ermittelt die Strommenge und wird mit dem gleichen Signal aktiviert, mit dem auch Windkraftanlagen automatisch abgeregelt werden. Dieser zweite Zähler ist direkt an einem Pufferspeicher (mit Wasser befüllt) installiert, der erhitzt wird und so Wärmeenergie abrufbar macht. Bei Solarthermie ist laut Kinias bereits ein Pufferspeicher vorhanden, sodass 500 bis 1000 Euro für einen elektrischen Stab und den „Unterzähler“ aufzubringen sind. Bei Gaskunden belaufe sich die Investition in die Nachrüstung auf rund 2000 Euro, davon 1000 Euro für einen Pufferspeicher. Die Nähe zu Umspannwerken oder Produktionsstätten ist nach den Worten des Experten von Vorteil.

8000 Einfamilienhäuser mit dieser Technik hätten in Nordfriesland die „Ausfallarbeit“ 2012 um rund die Hälfte reduziert, ist Kinias überzeugt und nennt fast sechs Millionen Euro weniger an Entschädigungen für die Produzenten des grünen Stroms. Für den einzelnen Haushalt geht er von einer Kostenersparnis von rund 180 Euro im Jahr aus.

Konstantin Kinias, der mit Temperament und Überzeugungskraft auftrat, hatte noch eine gute Nachricht für die Nordfriesen mitgebracht: „Wir haben dem Bundesumweltminister unser Konzept vorgestellt. Er fand es gut, will es unterstützen und wäre froh über unsere Erfahrungen.“ Die verwaltungsrechtliche Seite sei über eine Verordnung zu regeln. Kinias: „Wir brauchen die Erlaubnis des Bundesumweltministers, den abgeregelten Strom in einer Pilotregion nutzen zu dürfen.“ Zudem müsse der Bund das Projekt fördern und auch das Land Schleswig-Holstein gehöre mit ins Boot.

Bleiben noch die Netzbetreiber, die keine Durchleitungsgebühren verlangen dürften. Die Energie-Konzerne sind nach Einschätzung des Professors kein „einfacher Brocken“, denn: „Im Moment verdienen sie durch Gas und nicht durch Strom.“ Constantin Kinias sieht deshalb die Politik gefordert. „Wenn wir die Energiewende wollen, müssen wir etwas tun, die läuft nicht automatisch.“ Für ihn gehört zur Wahrheit, dass es nicht nur ein Speicherkonzept geben wird: „Die Zukunft ist vielschichtig.“ Doch jetzt werde eine schnelle Lösung gebraucht. Bei entsprechenden Experimenten mit Wasserstoff sieht Kinias deshalb kritisch, dass diese „zurzeit extrem teure Methode“ erst „nach Jahren“ verfügbar sei.

Wie es weiter geht mit der kreisübergreifenden Modellregion haben die Kreistagsabgeordneten über ihre zuständigen Gremien zu entscheiden.

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erstellt am 08.Okt.2013 | 17:00 Uhr

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