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Husumer Nachrichten

25. März 2017 | 12:42 Uhr

Geschlossene Geburtshilfestation auf Föhr : Bürger auf den Barrikaden: „Der Kreißsaal muss bleiben“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kreistags-Sitzung in Husum wird begleitet von Demonstration von Kritikern der Stations-Schließung auf Föhr.

Husum/Wyk | Sang- und klanglos geben die Föhrer nicht auf. Sie haben 8500 Unterschriften gesammelt und kämpfen um die inzwischen geschlossene Geburtshilfestation in der Wyker Inselklinik Föhr-Amrum. Mehr als 100 von ihnen setzten am Freitag mit Kind und Kegel Bussen und einem Tanklaster mit der unmissverständlichen Botschaft „Der Kreißsaal auf Föhr muss bleiben!“ aufs Festland über und rückten den im Husumer Kreishaus tagenden Kreistagsabgeordneten auf die Pelle. In ihrem Gepäck: Transparente, gelbe Luftballons und einer eigenen Fassung des auch als Bruder Jakob bekannten französischen Kinderliedes Frère Jacques auf den Lippen: „Lasst den Kreißsaal wo er ist – komm' wir woll'n uns wehren – hört uns an.“

Als Hausherr nahm Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen die Demonstranten schon vor dem Kreishaus in Empfang. „Wir bleiben im Dialog und werden versuchen, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten eine gute Lösung für die Insel zu finden“, erklärte er da noch hinreichend vage. Angesichts von Kritik, Unmutsbekundungen und bohrenden Fragen in der mehr als einstündigen Einwohnerfragestunde sowie in der anschließenden Debatte der Abgeordneten wurde schließlich deutlich: Eine Wiedereröffnung der Geburtshilfe-Station in Wyk wird es kaum geben.

Seltener Andrang im Kreistag: Die Besucherreihen waren voll besetzt, viele Zuhörer mussten die Sitzung im Stehen verfolgen.
Seltener Andrang im Kreistag: Die Besucherreihen waren voll besetzt, viele Zuhörer mussten die Sitzung im Stehen verfolgen. Foto: Herbert Müllerchen
 

Mit Blick auf das Haftungsrecht und die strafrechtlichen Risiken Risiken habe es nach Aussagen des Landrates, der Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums Nordfriesland ist, keine Alternative zur Schließung der Geburtshilfe gegeben. „Die gesamte Fachwelt in Deutschland ist sich einig, dass eine Geburtshilfe auf so einer kleinen Insel nicht zu betreiben ist“, sagt er mit Hinweis auf die ostfriesischen Inseln, für die es andere Versorgungskonzepte gebe. Finanzielle Gründe jedenfalls hätten bei der Schließung der Station in Wyk ausdrücklich keine Rolle gespielt, versicherte er ebenso wie Kreispräsident Heinz Maurus als Vorsitzender der Gesellschafterversammlung.

Allerdings hatte Dieter Harrsen bereits Ende Oktober allen Abgeordneten des Kreistages mit Blick auf Alternativkonzepte die Dimension des Problems auch unter finanziellen Aspekten deutlich gemacht: „Für eine ansatzweise rechtssichere Inselgeburtshilfe“ sei dabei geschätzt von Zusatzkosten/Zusatzpersonal mit Gesamt-Mehrkosten von zirka 1,7 Millionen Euro auszugehen, rechnete er seinerzeit vor.

Dass es vielen Insulanern vor diesem Hintergrund schwer fällt, der Argumentation von offizieller Seite Glauben zu schenken, machten diverse Wortbeiträge von besorgten Insulaner und anderen deutlich. „Es fehlt der Mut, den Leuten zu sagen, ihr seid uns zu teuer“, hielt der Föhrer Till Müller der Runde vor. „Das kann doch wohl nicht wahr sein“, sagte Mitstreiterin angesichts der Tatsache, dass den Insulanern nicht einmal die Chance gegeben werde, an Lösungen zum Erhalt des Kreißsaals in Wyk mitzuarbeiten.

Den Sorgen vieler Föhrer, dass das Aus für die Geburtshilfe womöglich nur der Vorbote für eine Schließung der Inselklinik insgesamt ist, trat Dieter Harrsen klar entgegen: Der von den Krankenkassen gezahlte Sicherstellungszuschlag für das Haus bleibe erhalten, das habe das Sozialministerium zugesagt. „Diese Garantie war uns wichtig“, betonte er.

Als die Fraktionen endlich an der Reihe waren Stellung zu beziehen, waren die meisten Demonstranten schon wieder auf dem Rückweg nach Föhr. Hoffnung auf Wiedereröffnung der Geburtshilfe-Station hätte ihnen an diesem Tag ohnehin niemand machen wollen. „Aufhalten können wir die Schließung derzeit nicht“, sagte Martje Seemann (Grüne), und niemand im großen Kreis der Abgeordneten mochte da widersprechen. Alle wissen zudem: Soll die drohende Insolvenz des Klinikums NF abgewendet werden, sind in naher Zukunft noch weitere harte harte Nüsse zu knacken, zumal – nach der Schließung des Geburtshilfe auf Sylt – auch noch Empfehlungen auf dem Tisch liegen, die Geburtshilfe in Niebüll ebenfalls zu schließen und die Klinik in Tönning zu einem medizinischen Versorgungszentrum ohne stationäre Betten herabzustufen.

Auf Antrag von CDU, SPD, WG-NF, SSW und FDP, der einstimmig vom Kreistag verabschiedet wurde, soll sich nun ein „Runder Tisch“ mit der Geburtshilfe auf allen nordfriesischen Inseln und Halligen beschäftigen. Ziel ist ein Höchstmaß an Versorgungsqualität und Sicherheit auch in Notfällen. Dazu sollen alle in der Geburtshilfe Tätigen und die politisch Verantwortlichen der Inseln und Halligen und Vertreter von Interessenverbänden an einen Tisch geholt werden. In dem Papier und in der Diskussion wurde Landrat Dieter Harrsen wiederholt aufgefordert, den wichtigen „Runden Tisch“ zur Chefsache zu machen.

 

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erstellt am 14.Nov.2015 | 18:24 Uhr

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