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Husumer Nachrichten

20. Januar 2017 | 02:42 Uhr

In den Grachten die neue Heimat entdecken : Beklemmung auf dem Schiff

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Runde Tisch Friedrichstadt organisiert eine Stadtrundfahrt für Flüchtlinge. Bei einigen Syrern wurden die Erinnerungen an die Flucht über das Mittelmeer beim Betreten des Bootes wieder wach.

Heike Willhöft vom Runden Tisch in Friedrichstadt hatte gut lachen. Mehr als 60 Flüchtlinge folgten der Einladung zu einer Grachtenrundfahrt. „Der Runde Tisch wurde vor einem Jahr gegründet und kümmert sich ausschließlich um die Flüchtlingsarbeit in und um Friedrichstadt. Der Zuzug von Flüchtlinge habe zwar merklich nachgelassen, doch die Arbeit der zahlreichen Betreuer sei nach wie vor eine große Herausforderung. Von Montag bis Donnerstag treffen sich die Hilfesuchenden aus dem arabischen Raum zum Integrationskursus im Rathaus. „Viele können sich bereits gut auf Deutsch verständigen“, lobte Heike Willhöft. Zu ihnen gehört auch der 19-jährige Sahel aus dem Großraum Damaskus in Syrien. Seine Flucht dauerte zwölf Tage. „Ich bin über die Türkei, Bulgarien und Italien nach Deutschland gekommen“, gibt er zu verstehen. Besonders die Tage auf dem völlig überfüllten Schiff sei die schlimmste Zeit während der Flucht gewesen. Über Internet und das Fernsehen informiert er sich regelmäßig über sein Zuhause. „Was ich da höre, macht mich sehr traurig.“ Und auch jetzt beim Betreten des Grachtenschiffes beschleiche ihn ein ungutes Gefühl. Dadurch würden schlimme Erinnerungen an seine Flucht aufgerüttelt.

Für den 31-jährigen Hasan aus dem syrischen Kurdengebiet dauerte die Flucht durch mehrere Länder und auf einem Flüchtlingsboot mehr als zwei Wochen. Natürlich beschleiche ihn ein bedrückendes Gefühl beim Betreten eines Schiffes – die Erinnerungen an die katastrophalen Bedingungen in der Nussschale, wie er es bezeichnet, sind noch ganz frisch. Genau vor einem Jahr kam er in Nordfriesland an. „ Aber ich will mich davon nicht einschränken lassen, ich will leben“, gibt er freudestrahlend zu verstehen. In Syrien war er Jurist. Und diesen Beruf wolle er auch in Deutschland ausüben. Derzeit besucht er in Heide den Deutschkurs B2 und wird in den nächsten Wochen seinen Abschluss machen. Danach wolle er in Hamburg sein Jura-Master nachholen. Und auch er informiert sich über sein Heimatland. „Putin und Assad wollen die Opposition platt machen“, stellt er klar. Seiner Einschätzung nach werde es in Syrien keinen Frieden geben. „Mein Heimatland ist völlig zerrissen“, sagt er. An eine Rückkehr sei derzeit überhaupt nicht zu denken. So sieht es auch Belal. Vor einem Jahr begann seine Flucht aus Damaskus über verschiedene Länder und das Mittelmeer. „Ich möchte mich bedanken, dass ich hier so gut aufgenommen wurde“, erklärt er freundlich. Wie alle mitfahrenden Gäste nimmt auch er an dem Integrationskursus in Friedrichstadt teil. „Ich möchte, dass Deutsch meine zweite Muttersprache wird“, stellt er klar. Als Elektroniker habe er in Damaskus gearbeitet, bis das Leben dort nicht mehr möglich war. Sein Ziel ist es, in der Windenergiebranche einen Job zu finden. Und dabei zeigt er auf seinen Kameraden, der neben ihm sitzt. Er stellt sich mit Basel vor und kommt aus der inzwischen völlig zerbombten und zerstören Stadt Aleppo. „In Aleppo war ich Polizist“, gibt er zu verstehen. Über seine Flucht erzählt er nicht viel – nur so viel. „Es war die Hölle auf Erden.“ Doch die Erinnerungen daran werden überschattet von den Sorgen um seine Verwandten. „Sie leben noch in Aleppo.“ Wie, das könne er sich nicht vorstellen. Über Whats-App verständigt er sich mit ihnen. „Sie berichten mir, dass die Bomben täglich zu hören.“ In die Gesprächsrunde meldet sich Nadim (Name von der Redaktion geändert). Als 52-Jähriger sei für ihn die Flucht das Schlimmste gewesen, was ihm in seinem Leben widerfahren sei. Als Automechaniker habe er gearbeitet, bis er ständig bedroht wurde und um sein Leben Angst hatte. Frau und Kinder sind noch in Syrien. „Ich möchte, dass sie zu mir nach Deutschland kommen.“ Doch bis dahin muss er sich noch gedulden.

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