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Husumer Nachrichten

04. Dezember 2016 | 01:01 Uhr

Obdachlosen-Unterkunft in Schleswig : Ansgarweg: Eine Welle der Hilfsbereitschaft

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Stadt weist Kritik an Notunterkunft für Obdachlose zurück: „Wir erfüllen unsere Pflicht.“

Schleswig | Gerne hätten wir Regina Roth (Name geändert) erzählt, wie hoch die Wellen schlagen, die unser Bericht über die Obdachlosenunterkunft im Ansgarweg ausgelöst hat. Doch dort treffen wir sie am Freitag nicht an, um mit ihr über die zahlreichen Kommentare und Leserbriefe zu sprechen, die seit Mittwoch eingegangen sind. Darunter auch zahlreiche Hilfsangebote. Ein Blick durch das Fenster in ihr Zimmer offenbart einen traurigen Anblick. Ein Campingstuhl steht vor dem kleinen Kachelofen, davor liegen ein paar Holzbriketts. Eine Matratze liegt in der Ecke. Die 53-Jährige war am vergangenen Wochenende in der Notunterkunft in Friedrichsberg gestrandet. Zwei Tage später stand sie in der Redaktion der Schleswiger Nachrichten (SN) und zeigte sich schockiert über die Zustände vor Ort. „So hausen nicht mal Ratten“, sagte sie im Hinblick auf das Fehlen von Möbeln, Heißwasser, Dusche und Strom.

Viele SN-Leser boten seither am Telefon, per E-Mail oder über Facebook direkt ihre Hilfe an und haben beispielsweise Möbel, Bettzeug und Geschirr abzugeben. So auch Helmut Sieckendieck aus Schleswig. Er habe einen großen Sessel oder auch ein komplettes Bett, das er spenden könnte. „Ich ziehe gerade um und habe die Sachen auch im Internet angeboten, in solchen Fällen würde ich sie aber gerne verschenken.“ Andere bieten eine heiße Dusche an oder haben gleich eine Wohnung parat. Joachim Lutzke aus Friedrichshof bei Alt Duvenstedt nahe Rendsburg hörte von der Geschichte und meldete sich bei uns: „Ich habe viel Platz und könnte ein großes, möbliertes Zimmer oder einen beheizten Wohnwagen mit Wasseranschluss und Toilette auf meinem Resthof anbieten.“

Auf unserer Facebookseite reagierten Leser aber auch entsetzt: „Nicht mal Strom?“, fragt Jana Gumpe und hält die Situation für eine Frechheit. Eine Obdachlosenunterkunft ohne Strom sei eine bessere Bushaltestelle – und selbst die seien beleuchtet. Michael Barth schreibt: „Jeder Flüchtling bekommt ein Bett oder zumindest eine Liege. Das ist menschenunwürdig. Die Stadt sollte sich schämen.“ Und Torsten Schulze ist der Meinung, einen guten Verwaltungschef erkenne man daran, wie er mit den Menschen umgehe, die in seinem Ort wohnen. „Sie, Herr Bürgermeister, tragen Verantwortung für jeden Bürger der Stadt. Aber Obdachlose scheinen nicht zu dem Klientel zu gehören, dass Sie bevorzugen.“ Kritik, die die Stadt Schleswig nicht auf sich sitzen lassen möchte: „Bei den Obdachlosenunterkünften im Ansgarweg handelt es sich um sogenannte Notunterkünfte, nicht um eine möblierte Mietwohnung oder mehr“, sagt Pressesprecherin Antje Wendt und bezieht sich dabei auf die aktuelle Rechtsprechung. „Diese Unterkünfte sind als vorübergehende Notlösung gedacht und dienen in erster Linie zum Schutz vor Witterungseinflüssen.“ Die Räume müssten hinreichend groß sein und eine Heizmöglichkeit bieten. Beide Voraussetzungen seien durch die Stadt erfüllt. Waschmöglichkeiten, Toiletten und eine Kochmöglichkeit seien ebenfalls vorhanden.

Dahingegen werde ein Warmwasseranschluss nicht als erforderlich angesehen. „Eine Dusche zählt ebenfalls nicht zur Mindestaustattung für ein befristetes menschenwürdiges Wohnen“, sagt Wendt. Das habe das Verwaltungsgericht Oldenburg geurteilt. Auch Möbel stelle die Stadt nicht zur Verfügung und nehme solche als Spenden auch nicht an. Bewohner der Unterkunft könnten diese selbst über die Sozialzentren oder die Awo besorgen. Wer helfen wolle und Dinge spenden möchte, müsse die Bewohner der Unterkunft direkt vor Ort ansprechen.

„Weil die drei Gebäude im Ansgarweg den Charakter einer vorübergehenden Notlösung haben, müssen die allgemeinen Standards einer Normalwohnung hier auch nicht erfüllt werden.“ Die Stadt komme ihren gesetzlichen Verpflichtungen nach und handele im Rahmen der Rechtslage. Dazu gehörten auch Instandsetzungsarbeiten an den Gebäuden. „2016 wurden für Malerarbeiten, Reparaturen von Öfen und elektrischen Anlagen bereits rund 10  000 Euro ausgegeben“, sagt Wendt und betont, dass dazu noch Ausgaben für das Saubermachen der Toiletten und für Sonderreinigungen und Entrümpelungen der Zimmer nach Verlassen der Unterkünfte kämen. Zusätzlich zahle die Stadt auch die Grundgebühr für die Stromversorgung. Den tatsächlichen Verbrauch habe jeder Obdachlose aber selbst zu tragen. Die Stadt macht klar: „Natürlich ist eine menschenwürdige Unterbringung obligatorisch.“ Um dieses Ziel zu erreichen, gebe es bei der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes in Schleswig kostenlose Unterstützung für Obdachlose, sagt Wendt.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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