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Husumer Nachrichten

28. Mai 2016 | 02:04 Uhr

Abschied von ihrer „Nordertor“ : Annelie und Claude gehen von Bord

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach dem Großreinemachen verlassen Annelie und Claude Bruhn ihre „Nordertor“, Husums Restaurantschiff, das auch zu einem Treffpunkt geworden ist.

Bloß keinen langen Tresen! Darin sind sich Annelie und Claude Bruhn sofort einig. 1997 steht das Ehepaar vor dem Sprung von Düsseldorf nach Husum und sucht in der Storm-Stadt nach einem Restaurant. Noch ist Claude Bruhn hinter dem langen Tresen in der Studenten-Kneipe zu finden, die ihm zusammen mit einem Freund gehört. Seit 23 Jahren zapft er dort Bier – seine Annelie seit 20 Jahren. Und jetzt hat die Nordfriesin, die aus Rodenäs stammt, das, was einen auch vorwärts treiben kann: Heimweh. Sie möchte zurück ans Wasser – und das nicht nur im Urlaub, den das Paar oft in Husum verbringt.

Dann geht alles ganz schnell. Die Bruhns werden auf die „Nordertor“ aufmerksam, die damals „arg rostig“ im Binnenhafen dümpelt. Die originelle Idee, ein Restaurantschiff zu betreiben, lässt das Paar nicht mehr los. Sie werden sich mit dem Eigentümer, einem Mitglied der Sportbootvereinigung Nordsee, einig, verkaufen die Kneipe in Düsseldorf und pachten im Oktober 1997 ihre schwimmende Wirkungsstätte, die erst einmal auf Vordermann gebracht werden muss. Damit ist der lange Tresen Vergangenheit und die „immer gleichen Witze und Geschichten, die man alle schon kennt“ – denn: Dieses Schiff hat keinen Tresen.

Später kaufen Annelie und Claude Bruhn ihre „Nordertor“, in die sie im Laufe der Jahre noch eine sechsstellige Summe investieren werden.

Die ausgebildete Diätassistentin Annelie Bruhn wagt mit dieser Entscheidung den Sprung ins kalte Wasser: Denn sie ist die Köchin an Bord und das in einer kleinen Schiffsküche. Sie habe Zeit gehabt, sich „reinzufuchsen“. Denn zuerst sei ja noch nicht so viel los gewesen. Und wieder ist sich das Paar einig: Bürgerliche und regionale Rezepte sollen serviert werden.

Sie haben Erfolg. Die schmucke „Nordertor“ mit ihrem urigen maritimen Ambiente wird nicht nur zu einem beliebten Fotomotiv, sondern sowohl für Touristen wie für die Husumerinnen und Husumer ein beliebter Ort, um sich zu treffen. Die offene und unkomplizierte Art der beiden hat hierzu ohne Frage beigetragen. Denn das Paar sorgt für gute Schwingungen an Bord.

Davon bleiben auch Stadtverordnete nicht unberührt. Deren Akteure kommen gern auf ein Bier vorbei – „die Politik wird hier gemacht und nicht dort“, sagt Claude Bruhn lachend und zeigt auf das gegenüberliegende Rathaus. Und in die hat sich Claude Bruhn von 1997 bis 2014 in verschiedenen Gremien für die Sozialdemokraten eingemischt. Dass er als Düsseldorfer nicht den Kölner Uwe Schmitz als Bürgermeister habe verhindern können, sei natürlich nicht in Ordnung, merkt er immer noch lachend an. Der 67-Jährige darf das sagen, denn er ist mit dem Verwaltungschef befreundet.

Nun ist es wieder soweit: Eine Wende muss sein – nicht mit dem Schiff, sondern in ihrem Leben. Für Annelie und Claude Bruhn steht noch Großreinemachen auf dem Plan, dann gehen sie von Bord. Endgültig. Eine Stammkundin hat sich vor ein paar Tagen noch schnell eine Speisekarte zur Erinnerung gesichert. Verpachtet haben sie die „Nordertor“ an ein Paar aus Husum: an Nikita Lenz und Jule Biermann.

Mit den Bruhns sagen acht Mitarbeiterinnen „Tschüs“ – darunter die „treue Seele“ Kiki Retelsdorf, die ebenso wie die Chefin und der Chef dafür sorgte, dass für nicht wenige das Restaurantschiff fast wie ein zweites Zuhause war. So gab es zu Speisen und Getränken für Mitglieder „Nordertor-Familie“ immer die Einladung zu einem Klönschnack und ein offenes Ohr und einen Rat bei Problemen.

Und nun? „Wir haben beschlossen, keine Pläne zu machen“, betont Claude Bruhn. Dass sich immer etwas ergeben wird, darauf vertraut er. Schließlich war es mit seinem beruflichen Weg genauso. Als der junge Claude Bruhn nach dem Examen in Psychologie und dem Physikum in Medizin noch plante, Neurologe zu werden, lockte die Chance, die Kult-Kneipe nahe der Universität Düsseldorf, in der er damals schon jobbte, zu übernehmen. Er habe als Student immer in der Gastronomie gearbeitet – irgendwie liege es ihm im Blut. Und so wurde aus dem Mediziner ein Gastwirt.

„Du gehst mit Gedanken an das Schiff und den Betrieb schlafen und wachst damit wieder auf“, sagt der 67-Jährige. Er freut sich auf weniger Druck und mehr Freiheit. Doch ein „Typ für die Parkbank“ sei er nicht.

Vielleicht profitieren ja erneut Husums Sozialdemokraten von ihm: Eine Rückkehr in die Stadtpolitik schließt Claude Bruhn zumindest nicht aus – ebenso wenig ein erneutes Mitwirken in der Interessengemeinschaft Husumer Hafen, deren Vize er bis 2015 war. Seine Annelie (59) überlegt, in Teilzeit zu arbeiten. Eigene Wege sind nun möglich. Ach ja, da wäre noch der Traum von einer Tour von Alaska bis Feuerland – den Film „Traumstraßen der Welt“ habe er bestimmt fünfzehnmal gesehen.

Fest steht bisher eines: Annelie und Claude Bruhn bleiben in Husum – Großstädte wie Düsseldorf seien einfach viel zu stressig und die Menschen dort unfreundlicher.

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erstellt am 29.Feb.2016 | 11:00 Uhr

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