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Husumer Nachrichten

08. Dezember 2016 | 23:17 Uhr

Arzt-Prozess : Anklageschrift mit 978 Punkten

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein Allgemeinmediziner soll in Husum massenhaft mit Betäubungsmitteln gehandelt haben - jetzt steht er in Flensburg vor Gericht.

Fast eineinhalb Stunden lang dauerte gestern vor dem Landgericht Flensburg die Verlesung der Anklageschrift gegen einen Arzt aus Berlin, der vor seinem Umzug jahrelang als Allgemeinmediziner in Nordfriesland praktiziert hatte. Der 51-Jährige, dessen Approbation ruht, muss sich wegen 962 „gravierenden Verstößen“ gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie in 16 Fällen wegen Betruges verantworten, wodurch die Kassenärztliche Vereinigung um rund 1,2 Millionen Euro geschädigt worden sein soll.

Die Staatsanwaltschaft regte eine Prüfung an, ob im Falle einer Verurteilung auch ein Berufsverbot in Betracht kommen könne. Der Angeklagte und seine Verteidigerin kündigten beim Prozessauftakt an, dass der Arzt vor Gericht keine Aussagen machen werde.

Nach jahrelangen Ermittlungen und wegen des Umfangs der Anklageschrift sowie der Zahl der Tatvorwürfe hat das Gericht zunächst zehn Verhandlungstage anberaumt. Das Verfahren vor der Ersten Großen Strafkammer zählt zu den größeren Prozessen in der Geschichte des Gerichtes.

Der Arzt für Allgemeinmedizin hatte eine Zusatzqualifikation als einer von damals nur wenigen „Substitutionsmedizinern“ an der Westküste. Damit durfte er Drogenabhängigen Ersatzstoffe verschreiben, mit deren Hilfe die Betroffenen ihre Sucht kontrollieren können. Dem Angeklagten werden 16 Betrugstaten aus dem Zeitraum von Januar 2007 bis April 2010 angelastet, indem er Leistungen abgerechnet haben soll, die er nicht oder nicht wie abgerechnet erbracht habe. Pro Quartal soll dadurch der Kassenärztlichen Vereinigung ein Schaden von 75.000 bis 90.000 Euro entstanden sein. Außerdem soll der Mediziner zwischen Januar 2009 und Februar 2011 in 962 Fällen an Substitutionspatienten Betäubungsmittel verschrieben, verabreicht oder abgegeben haben, ohne ausreichende Kontrollen vorgenommen zu habe, sowie Medikamente wie Ritalin, Methaddict, Methadonlösung, Subutex und Polamidon an Personen verkauft haben, ohne dass dies medizinisch angezeigt gewesen sei.

Laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft soll dies mit der Absicht geschehen sein, „sich erhebliche Einnahmequellen auf Dauer zu verschaffen“.

Die Praxis des angeklagten Arztes hatte sich über einer Apotheke in Husum befunden, dessen einstiger Betreiber im Juni vergangenen Jahres vom Amtsgericht Husum zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Wann das Berufungsverfahren in diesem Apotheker-Prozess – ebenfalls vor dem Landgericht Flensburg – stattfindet, steht noch nicht fest.

 

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