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Husumer Nachrichten

23. März 2017 | 01:27 Uhr

Umgang mit dem Klimawandel : „Am Ende der Eiszeit“ ist gar nicht weit weg

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Eis der Arktis schmilzt. Aber die Arktis ist weit weg und nicht besonders dicht besiedelt. Klaus Scherer hat die Menschen im Norden besucht und gesehen, wie sie mit dem Klima-Wandel umgehen. Was er in seinem Buch beschreibt, hat auch mit uns zu tun.

Alle reden vom Wetter. Aber wenn es um die Folgen des Klimawandels geht, ist oft nur vernehmliches Stöhnen zu hören. Derweil schmilzt das „ewige“ Eis, wie die nur scheinbar unerschöpflichen Süßwasserreserven von Arktis und Antarktis gern auch genannt werden, weiter vor sich hin. Gleichzeitig verändern sich die Lebensbedingungen der Menschen im Norden. In seinem Buch „Das Ende der Eiszeit“ geht der preisgekrönte Fernsehreporter und Autor diesem Widerspruch auf den Grund und zeigt, dass die Bewohner des Polarkreises längst begonnen haben, sich der Wirklichkeit anzupassen, während der Rest der Welt zwar redet, aber nicht handelt.

 

Die Nordwest-Passage ist für die Schifffahrt kein echtes Hindernis mehr. In Grönland schmilzt das Inlandeis, und das antarktische Schelfeis zerbricht in Stücke von der Größe des Saarlandes. Auch wenn weiter über seine Ursachen diskutiert wird, der Klimawandel selbst steht wohl nicht mehr in Frage, oder?
Nein, aber es hat trotzdem kein entschlossenes Handeln der Weltgemeinschaft zur Folge. Wir sind da ein bisschen wie der hilflose Frosch im Wasserglas, das sich erwärmt. Erst redeten wir uns ein, es sei ja alles noch lange hin und vielleicht gar nicht wahr. Jetzt können wir abwinken, es sei eh längst zu spät.

Die meisten Berichte über die Polarregionen beschäftigten sich mit Verlusten, die durch den Klimawandel entstehen. Sie schauen auf beide Seiten, beschreiben, wie zum Beispiel Grönländer die Herausforderung annehmen und den Blick in eine wärmere Zukunft richten. Hat da der Soziologe in Ihnen über den Geografen obsiegt?

(lacht) Ach, das ergänzt sich ganz gut. Geografie klammert ja Menschen nicht aus, und Soziologen tun gut daran, die Umwelt einzubeziehen. Ich bin zu dieser Reise durch die Arktis aufgebrochen – wie immer – als Reporter, der sich beeindrucken lässt von der weiten Natur und von den Menschen, die er trifft. Und was sie mir schilderten, war oft überraschend.

In welchem Verhältnis steht der Gewinn von grönländischem Wein, den es ja schon mal gab und womöglich wieder geben könnte, zu dem, was wir durch den Klimawandel verlieren?

Ich habe das auch gefragt, etwa im schwedischen Forschungszentrum in Abisko, das die Klimafolgen in der Arktis untersucht. Die Erderwärmung bleibt eine globale Katastrophe, hieß es da, deren Ausmaß und Kosten wir noch gar nicht begriffen haben. Was mich beeindruckt hat, waren aber die Beispiele dafür, wie sich gerade in der Arktis, die sich schneller erwärmt als jede andere Region, Menschen anpassen, während wir uns noch immer in Endlosdebatten verlieren, die uns Leugner und Lobbyisten aufzwingen.

Welche Initiative, den Folgen des Klimawandels zu trotzen, hat Sie bei Ihren Reisen durch den Norden besonders beeindruckt?
Vor allem war es ein junger Schlittenhundezüchter in Grönland, den ich vor acht Jahren traf. Auch der beklagte zwar das Schrumpfen der Gletscher, aber er blieb da nicht stehen. Wenn das Eis uns nicht mehr trägt, fangen wir eben an Fische statt Robben zu jagen, sagte er. Seine Heimat bleibe wunderschön, wenn sie für Reisende zugänglicher werde, um so besser. Jetzt besuchte ich ihn wieder, er hat Ökonomie studiert in Island und Norwegen, betreibt sein erstes Gästehaus und ein Café und lebt gleichzeitig die Traditionen der Inuit fort. Das ist eine Generation, die den Dörfern eine Perspektive gibt.

Aber je mehr das Eis zurückweicht, desto leichter kommen auch Öl-Konzerne an Rohstoffe heran, die sie bisher nicht ausheben konnten. Macht das die Situation der Ureinwohner nicht noch auswegloser?

Das kommt darauf an, wer die Bedingungen vorgibt. Grönland und Island etwa gaben den Bohrfirmen zuletzt keine Freifahrtscheine. Dass nicht jeder Robbenjäger plötzlich auf einer Ölplattform anheuern kann, war schnell klar. Moskau dagegen gibt sich fast selbst wie ein Ölkonzern. In Alaska wiederum haben gerade die Inuit reihenweise Prozesse gegen die Bohrfirmen gewonnen, weil deren Krisenpläne für Eismeer-Unfälle lausig waren.

Trotzdem, ist das nicht auf Dauer ein Kampf auf verlorenem Posten?
Ich würde diese Gerichtsurteile nicht unterschätzen. Sie verhindern vielleicht nichts, aber sie verbessern einiges und haben so schon mehr Zeichen gesetzt als mancher Klimagipfel. Gerade weil man den Eindruck hat, der Raubbau am Planeten geht den Regierungen im Zweifel doch immer vor Klimaschutz.

Tatsächlich stolpert die internationale Gemeinschaft von einem verkorksten Klimagipfel zum nächsten. Ist es denn realistisch, dass sich die Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzt?
Die Kunst wäre, die Wirtschaft einzubeziehen, indem sie nachhaltige, grüne Technologien etabliert, exportiert und daran verdient. So lange aber Entscheidungsträger kurzfristig besser mit dem Problem leben als langfristig mit der Lösung, ist das schwer. Frau Merkels Einknicken vor der Autolobby war da ein ganz schlechtes Signal.

Am Ende Ihres Buches zitieren Sie die Potsdamer Studie zum Klimaschutz. Da heißt es, eine verzögerte Klimapolitik könnte dreimal so viel kosten wie kurzfristige Reaktionen. Gleichzeitig wird das schon freigesetzte Kohlendioxid sehr lange in der Erdatmosphäre bleiben. Die Erwärmung ist also von Dauer oder anders ausgedrückt: Die Sintflut kommt, wenn auch später. Ist das nun Hoffnung oder trügerischer Trost?

Klar, der Meeresanstieg im Jahr 2100 scheint erst mal noch beruhigend weit weg. Wer eh ratlos ist, verdrängt umso lieber. Nur merken wir gleichzeitig mit jedem Taifun, dass der Wandel längst da ist, dass er Opfer fordert und viel Geld kosten wird.

In den Permafrostböden der arktischen Länder sind – wie auf dem Meeresboden – ungeheure Mengen von Methan eingeschlossen. Methan ist als Treibhausgas 25 Mal wirkungsvoller als Kohlendioxid. Tickt da bereits die nächste Zeitbombe?

Wir haben auf der Reise Wissenschaftler begleitet, die der Frage nachgehen, warum manche Seen in der Arktis Treibhaussubstanzen an ihrem Grund binden, andere sie dagegen freisetzen. Es gibt sicher Details, die noch unklar sind. Am Gesamtphänomen ändert das nichts, die Erwärmung ist da, das Ticken ist vielfach zu hören, und wir sind weit davon entfernt, wirksam gegenzusteuern.

Die Stürme werden heftiger und reichen – wie Orkan Christian gezeigt hat, inzwischen von den USA bis nach Europa. Die Meeresanrainer sollten sich auch hier auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Aber wie?
Ein Großteil der Forschung dreht sich ja längst um Anpassung. Weniger Bauflächen an der Küste, höhere Deiche und so weiter. Trotzdem ist es Kleinklein und löst das Gesamtproblem nicht. Deichen Sie mal Florida oder Bangladesh ein.

Und wie erklären wir den Bayern und Baden-Württembergern, dass es sich lohnt, Milliarden von Euro auszugeben, um eine Handvoll Leute im Norden vor der nächsten Flut zu schützen?

Ich glaube, die Leute sind da längst weiter als die Regierungen, regional wie international. Wenn wir in den Nachrichten hören, dass der Westen Fonds zurückstellt für Klimaschäden in Entwicklungsländern, wissen wir doch, dass es am Ende Steuergelder sind. Jeder ahnt, dass es nötig ist. Proteste wären mir neu. Wir zahlen auch seit Jahrzehnten Solizuschlag und wissen da noch weniger, wofür eigentlich. Das Kritikpotenzial lag bei drei Prozent FDP-Wählern.

Sie haben gesehen, was die Menschen im hohen Norden unternehmen, um dem Klimawandel zu trotzen. Können Sie uns mit ihren Strategien ein Vorbild sein – über finanzielle Belange hinaus?
Jeder, der in der Natur lebt und wirtschaftet, muss sich früher auf Wandel einstellen als seine Regierung und ist womöglich schon weiter als sie. In Grönland ist es der Dörfler, der zu fischen beginnt, weil ihn das Eis nicht mehr durch die Jagdsaison trägt. In der Pfalz ist es der Winzer, der beim Max-Planck-Institut für Klimaforschung Daten abfragt, um seine Rebsorten anzupassen.

Gehen Sie mit „Am Ende der Eiszeit“ auf Lesetour?
Für eine Lesetour habe ich zu viele Drehtermine, denn die Fernseharbeit geht ja weiter. Aber ich lese schon mal in Hamburg, Dortmund oder Frankfurt. Zugleich lade ich aber die Freunde der klassischen Abenteuer-Reportage ein, an Weihnachten mit mir durch die Arktis zu reisen – an beiden Feiertagen in der ARD.

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erstellt am 21.Dez.2013 | 12:00 Uhr

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