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Husumer Nachrichten

09. Dezember 2016 | 05:01 Uhr

Kunstschätzer in St. Peter-Ording : Alte Schätzchen unter der Lupe

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kunst oder Krempel? Ariane Skora und Anke Brakhage geben im Museum der Landschaft Eiderstedt professionelle Einschätzungen.

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese Frage stellt sich wohl so mancher, der ein altes Schätzchen zufällig auf dem Dachboden oder beim Stöbern auf dem Flohmarkt entdeckt hat. Das riesige Ölbild aus den Nachlass der Oma, die preisgünstig erworbene Skulptur vom Trödel oder das Fundstück im Sperrmüll – hübsch, aber auch wertvoll? Eine professionelle Einschätzung geben die Kunstexpertinnen Ariane Skora und Anke Brakhage von art expert link aus Hamburg. Und das Interesse an ihrem Urteil ist gewaltig. Von Niebüll bis Brunsbüttel kamen Anmeldungen für die Kunstsprechstunde im Museum der Landschaft Eiderstedt. „Sie war ganz schnell ausgebucht und die Warteliste für das nächste Mal ist schon lang“, bestätigt Museumsleiterin Sabine Graetke, die mit dieser Experten-Sprechstunde ein zusätzliches Angebot machen möchte.

Da zehn Minuten für jede Expertise ohnehin schon knapp bemessen sind, konnten nur 35 Plätze vergeben werden. Gemälde, Grafiken, Zeichnungen und Skulpturen kamen auf den Prüfstand. Das wurde nicht nur für die Besitzer spannend, sondern auch für jene Zuschauer, die aus reiner Neugierde gekommen waren und nebenbei viel über Techniken, Qualitätsmerkmale, Leinwand und Farbpigmente erfuhren. Das Equipment der beiden Kunstexpertinnen: Eine große Staffelei für die zu begutachtenden Werke, eine extra starke Lupe, ein Laptop und, vor allem, viel Kompetenz, Erfahrung und Wissen aus jahrelanger Beschäftigung mit der Kunst. So ist Ariane Skora aus der NDR-Sendung „Lieb und teuer“ bekannt, wo sie regelmäßig Wert und Herkunft von Bildern aus Privatbesitz erläutert. Die Kunsthistorikerin Anke Brakhage hat sich auf dem internationalen Kunstmarkt und im Ausstellungswesen, aber auch als Redakteurin kunsthistorischer Fachbücher einen Namen gemacht.

Gleich mehrere große Bilder schleppen Sigrid und Hans-Jürgen Jahn aus Husum an diesem Tag zur Sprechstunde in das Museum in der Olsdorfer Straße. Beide haben sich gründlich vorbereitet, einen Zettel mit den Namen ihrer Künstler dabei und erzählen, was sie über diese wissen oder herausgefunden haben. Hans-Jürgen Jahn stöbert leidenschaftlich gern auf Flohmärkten und will zunächst ein Herbstbild schätzen lassen. Ein Blick der Expertinnen hinter das Gemälde: „Öl auf Hartfaserplatte, eine lesbare Signatur und ein Datum“, stellen sie fest. Das erleichtert die Recherche. Das Bild stammt von Hermann Sievers (1884-1956). Kein Unbekannter: „Sievers taucht immer wieder bei Auktionen auf“, berichtet Ariane Skora. Das Gros seiner Werke werde zwischen 150 und 350 Euro gehandelt. Allerdings: „Nicht immer ist auch das drin, was draufsteht“, warnt Skora und empfiehlt bei allen Bildern, sehr kritisch hinzuschauen, Signatur, Technik und Sujets genau unter die Lupe zu nehmen und auch die Rückseite der Bilder näher zu betrachten. Manchmal wurde das Bild „doubliert“, wie es im Fachjargon heißt: „Dann sieht die Leinwand hinten jung aus, obwohl das Bild alt ist. Es wurde zur Stabilisierung auf eine neue Leinwand gelegt.“ Auch die Bestimmung eines Blumenbildes von Hans Nowak (1922-1996) ist einfach. Die Signatur ist da, eine Datierung fehlt. Aber Nowak hat einen Namen. „Und das Gemälde ist charakteristisch für seine Blumenstillleben“, sagt Skora: „Es erinnert ein bisschen an Nolde.“ 250 bis 300 Euro würden Nowak-Bilder erzielen, gibt sie den Jahns mit auf den Weg.

Nicht immer geht die Expertise für ein Bild so leicht von der Hand. Bei einer persischen Miniatur müssen die Kunstexpertinnen passen: „Das ist nicht unser Gebiet.“ Auf anderen Werken ist die Signatur nur schwer lesbar oder fehlt ganz. Immer wieder setzen sich Anke Brakhage und Ariane Skora an den Laptop, recherchieren gezielt im Internet, nehmen Sujet und malerische Qualität unter die Lupe, suchen nach Hinweisen und Parallelen, um das Bild einordnen zu können, geben Tipps. Helga und Lothar Schwemmer, die aus Dithmarschen angereist sind, haben ein Gemälde mit Heuernte-Motiv im Gepäck, das die Expertinnen der Münchner Schule des 19. Jahrhunderts zuordnen. Eine Signatur fehlt. In zehn Minuten lässt sich hier keine Expertise erstellen: „Aber das Bild ist von so guter Qualität, dass eine weitere Recherche gerechtfertigt ist“, sagen die beiden und empfehlen den Schwemmers einen Gutachter hinzu zu ziehen oder selbst weiter zu forschen. Das Gemälde sei zwischen 3000 und 10.000 Euro wert: „Je nachdem, ob sich ein Name zuordnen lässt.“

Doch egal, ob Kunst oder Krempel: Die meisten, die an diesem Nachmittag nach St. Peter-Ording gekommen sind, wollen ohnehin ihre Schätzchen nicht veräußern, sondern nur ihr Geheimnis lüften, den Wert ermitteln oder Tipps erhalten für die persönliche Detektivarbeit.

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