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Aus für Senvion in Husum : „Als Dank bekommt man einen Tritt“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die angekündigte Schließung des Senvion-Werks in Husum sorgt allerseits für Entsetzen. Rund 100 Mitarbeiter stehen bald auf der Straße. Stadt Husum und Kreis Nordfriesland hoffen auf Hilfe des Wirtschaftsministers.

Die schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen: Die Husumer Betriebsstätte des Windenergieanlagen-Herstellers Senvion wird geschlossen. Betroffen davon sind nach Konzern-Auskunft insgesamt 223 Mitarbeiter. Im Raum stehen rund 100 betriebsbedingte Kündigungen. Den übrigen Mitarbeitern soll demnach angeboten werden, nach Schleswig, Büdelsdorf oder Osterrönfeld bei Rendsburg zu wechseln.

„Das ist leider kein guter Tag für Husum. Wir planen, das Werk aufzugeben“, bestätigte Dr. Immo von Fallois, Leiter der Senvion-Unternehmens-Kommunikation, das Vorhaben. „Wir streben sozialverträgliche Lösungen an, wo immer das möglich ist“, versicherte er. Die Verhandlungen mit den Arbeitnehmer-Vertretern über einen Sozialplan sollen nach Vorstellungen des Konzerns bereits in dieser Woche anlaufen. Als Schließungstermin für das Husumer Werk ist Mitte Mai angepeilt.

Dass der Senvion-Standort Husum auf der Kippe steht, war bereits Anfang des Monats durchgesickert (wir berichteten). Dennoch schlug die Nachricht vom endgültigen Aus wie eine Bombe ein. Sie lief am Montag um kurz vor acht Uhr als Börsen-Information, zeitgleich wurde sie Senvion-Betriebsräten in Hamburg verkündet. Im Laufe des Vormittags gab es dann Mitarbeiterversammlungen an allen betroffenen Standorten.

„Das ist ein herber Schlag“, „großer Mist“ und „Hier herrscht natürlich eine Scheißstimmung“, lauteten am Morgen in Husum erste Kommentare. Zwar gab es seit Längerem deutliche Hinweise auf einschneidende Betriebsänderungen, doch bis zuletzt hatten die Beschäftigten immer noch auf andere Lösungen als die nun angekündigte Werks-Schließung gehofft.

Jetzt gab die Senvion-Gruppe bekannt, weltweit 780 (660 Vollzeitstellen) von insgesamt rund 4500 Mitarbeitern abbauen zu wollen, um Kosten zu sparen und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dazu sollen Teile der Produktion verlagert und neben Husum auch die Betriebsstätte in Trampe (Brandenburg) und der Standort der Powerblades GmbH in Bremerhaven geschlossen werden.

„Die Katze ist aus dem Sack und wir wissen endlich, woran wir sind.“ So sieht es der stellvertretende Betriebsrats-Vorsitzende Hermann Andresen. „Die Ungewissheit über den Verbleib des Unternehmens in Husum hat ein Ende“, stellte der 60-jährige Gewerkschafter nüchtern fest. Dennoch werde man alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. In die Konzern-Überlegungen sei der Betriebsrat an nicht einbezogen worden.

Zu ihnen zählt auch Jan Ulrich Kratochvil aus Friedrichstadt. Vor neun Jahren begann der 40-jährige als Lagerist im Husumer Werk. „Es ist ein gesundes Unternehmen, das geopfert wird“, sagt er. Der zweifache Familienvater hat erst vor wenigen Jahren ein Eigenheim gebaut. Eine Versetzung nach Bremerhaven kommt für ihn deshalb nicht in Frage. „Und als Lagerist eine neue Arbeitsstelle zu finden, ist nicht ganz einfach.“ Jahrelang habe er sich für den Betrieb eingesetzt und so zum Erfolg des Unternehmens beigetragen – „und als Dank bekommt man am Ende einen Tritt.“

Sein Kollege Christian Lempken ist bitter enttäuscht und verärgert. Vor 18 Jahren habe er als Elektriker in Husum begonnen, erzählt der 40-jährige Familienvater. Vor drei Jahren habe er hier ein Haus für seine Familie gebaut. „Mein nächster Weg führt wohl in den Treibweg zur Arbeitsagentur.“ Auch für den 54-jährigen Michael Wischtukat heißt es wohl „Sachen packen“. Seit 2006 ist er Gesamtverantwortlicher für den Elektrofachbereich. „Ich musste für alles meinen Kopf hinhalten“, sagt er. Doch das werde von dem Unternehmen nicht honoriert. Nach seiner Einschätzung hätte das Unternehmen schon wegen der Anbindung am Hafen die besten Chancen gehabt. „Hier zählt der Mitarbeiter als Mensch nichts mehr, sondern nur noch Zahlen“, ärgert sich das Betriebsratsmitglied. Kampflos will aber auch er das Feld nicht verlassen.

„Die geplante Senvion-Werksschließung in Husum ist für die Stadt und die gesamte Region Nordfriesland ein schwerer Schlag“, erklärte Bürgermeister Uwe Schmitz. Bei dem angekündigten Stellenabbau geht es nach seinen Informationen um 300 Mitarbeiter, die in Husum ihren Arbeitsplatz verlieren würden. „Das wiederum trifft auch ihre Familien und deshalb bleibt für mich nur die Hoffnung, dass mögliche Entlassungen sozialverträglich gestaltet werden“, sagte er. Politik und Verwaltung wünschten sich ausdrücklich den Erhalt weiter Teile des Senvion-Werks. Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises NF hatten deshalb bereits bei Bekanntwerden der Senvion-Turbulenzen um einen Termin bei Wirtschaftsminister Reinhard Meyer gebeten. „Wir hoffen, dass er seinen Einfluss in Bezug auf die drohende Schließung geltend machen kann“, so Uwe Schmitz.

„Dass Senvion seinen Produktionsstandort in Husum schließen will, ist eine außerordentlich schlechte Nachricht für Husum und ganz Nordfriesland“, sagt auch Landrat Dieter Harrsen. „Unsere Wirtschaftsförderungsgesellschaft wird nun Kontakt mit der Firma aufnehmen, um zu prüfen, wie wir die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen für die betroffenen Mitarbeiter unterstützen können.“ Zum anderen sei zu überlegen, welche Art der Anschlussnutzung für das Betriebsgelände denkbar wäre.

„Auch für uns ist das ein Schockerlebnis“, sagte Dr. Martin Bitter, Bevollmächtigter der IG Metall Rendsburg, auf Anfrage. Es sei noch schlimmer gekommen als die Betriebsräte befürchtet hätten. Bitter beklagte, dass es in dem Husumer Betrieb, in dem Zwei-Megawatt-Anlagen überwiegend für den Export gefertigt werden, keine Zukunftsinvestitionen gegeben habe. Deshalb müsse die Diskussion um alternative Konzepte und eine Weiterverwendung der Husumer Betriebsstätte noch geführt werden. Am Ende des Tages sei es aber leider so: „Wenn der Arbeitgeber das durchziehen will, kann er es machen.“

„Das ist bitter“, kommentierte der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen. Aus seiner Sicht ist die Schließung der an sich gut auf gestellten Betriebsstätte „voreilig“, zumal der Markt noch andere Möglichkeiten hergegeben hätte. Konzernsprecher Fallois sieht dagegen keinen Spielraum. Der deutsche Markt für Zwei-Megawatt-Anlagen sei schwach: „Wir können in Husum keine drei MW bauen.“

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erstellt am 14.Mär.2017 | 07:00 Uhr

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